Zahnmedizin in Zeiten von Corona: Frontberichterstattung von pip-Editorial Advisor Dr. Bastian Wessing, Aachen – und eine tolle Anleitung für ein Do-it-yourself-Visier dazu!

Interessierte konnten ab Januar 2020 schon in den Medien mitverfolgen, was in Wuhan (China) aufgrund der sich schnell ausbreitenden neuartigen Erkrankung mit dem sogenannten Coronavirus 2 passierte. Zu diesem Zeitpunkt erschien vielen, wie auch mir, das Ganze sehr weit entfernt. Auch als die WHO am 30. Januar 2020 die internationale  Gesundheitsnotlage ausgerufen hat, haben viele das ganze bei uns noch nicht ernst genommen. So wurde beispielsweise in Nordrhein-Westfalen erst einmal ganz normal Karneval gefeiert. Spätestens jedoch als am 23. Februar die ersten Todesfälle von Europäern in Italien bekannt wurden, schlich sich auch bei mir ein mulmiges Gefühl ein. Während meines Karneval-Urlaubes bekam ich schließlich am Aschermittwoch einen Anruf aus unserer Praxis von verunsicherten Kolleg/Innen. 

Corona und Zahnmedizin: Schutzmaßnahmen im Praxisalltag

Ich arbeite als niedergelassener Zahnarzt in einer Mehrbehandlerpraxis in Aachen mit insgesamt 45 Mitarbeitern. Die Praxisräume befinden sich in einem Krankenhaus (Luisenhospital Aachen) in ca. 40 km Entfernung zum Landkreis Heinsberg, dem Ort, in Deutschland mit den meisten Erkrankungen an SARS-CoV-2. An besagtem Aschermittwoch – dem 26.02.2020 – hat das Luisenhospital die Steuerung der Patientenflüsse zur Filterung von Risikopatienten eingeführt sowie erweiterte Maßnahmen wie die Schließung einzelner Abteilungen für Besucher, das Einrichten von Quarantänestationen und etliche weitere Maßnahmen zur Reduktion von Risiken bei der Behandlung von SARS-CoV-2 Patienten sowie der Infektionseindämmung. Dies rief in unserer Zahnarztpraxis vorerst Verunsicherungen hervor, führte aber auch dazu, dass wir ab diesem Zeitpunkt sehr schnell einen Maßnahmenkatalog erarbeitet haben. Die Vorratshaltung von Schutzkleidung wurde aufgestockt und unser Personal sowie die Patienten aufgeklärt und unterwiesen. 

Beispiele dafür sind:

  • Komplette Trennung des Zwei-Schichtsystems mit halbstündiger Schließung nach Desinfektion der Räume. Kommunikation zwischen den Schichten nur digital und telefonisch.
  • Arbeiten in Kleinst-Teams (1 Einheit ZFA + Zahnarzt) mit Reduktion des Kontakts zu den anderen Teams
  • Ganztägiges Tragen von FFP1-Masken vom gesamten Personal (dies wurde auch vom Luisenhospital vorgegeben)
  • Aufenthalt im Gemeinschaftsraum nur in Kleinst-Teams, Betreten der Umkleideräume nur einzeln, Ansammlung von Gruppen sowie ein Abstand unter 1,5-2 m strikt untersagt auch in den Pausen. 
  • Mitteilung durch das Personal bei Kontakt ersten oder engen körperlichen Kontakt zweiten Grades mit anschließender häuslicher Quarantäne bis zur Entwarnung. Dasselbe gilt bei Erkrankungen mit COVID-19-Symptomen.
  • Reduktion von Aerosolen während der Behandlung, zurzeit keine Ultraschallinstrumente (ZEG, Piezochirurgie)
  • JEDER Patient, auch bei Beratungen, muss vor der Behandlung für eine Minute mit einer 0,1%igem Benzalkoniumchloridhaltigen (bakterizid, viruzid auch behüllte Viren) Mundspüllösung (Acclean, Fa. Henry Schein) abwechselnd gurgeln und umspülen. (Dies wurde in unserer Praxis schon nach einem Vortrag des Parodontologen Prof. Dr. UP Saxer in Aachen im Jahr 2013 eingeführt)
  • Schaffung mehrerer Wartebereiche zur räumlichen Verteilung wartender Patienten.
  • Bau eines großen Thekenaufsatzes im Sinne eines Spuckschutzes auf der Rezeptionsablage (s. Bilder), Markierungen auf dem Boden sowie Aufsteller zur Wahrung eines 2-Meter-Abstandes bei mehreren Wartenden an der Rezeption.
  • Stündliche Desinfektion ALLER Türklinken sowie Desinfektion der Türklinken nach Verlassen des Patienten.
  • Häufigerer Zimmerwechsel mit längeren Desinfektionszeiten und Stoßlüftung der Zimmer.
  • Ausschließlich bargeldloses Zahlen in der Praxis, Entfernen sämtlicher Zeitschriften aus dem Wartezimmer, Entfernen sämtlicher Getränke (Kaffee, Tee und Kaltgetränke) aus dem Wartezimmer, Einlesen der Gesundheitskarte in mobiles Kartenlesegerät ohne Übergabe der Karte durch den Patienten.
  • Telefonische Abfrage des Gesundheitsstatus der Patient/Innen vor Terminvergabe
  • usw.

Bildergalerie: Zahnmedizin in Zeiten von Corona. Einblicke in den Alltag einer Zahnarztpraxis. Do-it-your-self heißt das Motto!

Praxisschließung vs. Weiterarbeiten

Zahnmedizin in Zeiten von Corona – viele dieser Maßnahmen wurden von uns schon umgesetzt bevor es offizielle Empfehlungen durch diverse berufsständische Organe gab. Die Stimmen von Kollegen, mit denen ich in den vergangenen Wochen telefoniert habe und die man teilweise in Social Media-Kanälen (z. B. Facebook) lesen kann sowie mein eigenes Empfinden sind, dass wir bisher relativ alleine gelassen wurden mit der Entscheidung, ob wir den Praxisbetrieb aufrecht erhalten; auch mit dem Risiko uns und andere durch die Infektionsverbreitung mit SARS-CoV-2 zu gefährden oder unsere Patienten im Stich lassen sollen und uns in reelle wirtschaftliche Gefahr begeben. 

Bedingungslose Kredite?

Keiner weiß, wie lange der aktuelle Zustand anhält und wie lange auch die Zahnmedizin mit Corona zu tun haben wird. Das jüngste Anschreiben der Zahnärztekammer Nordrhein sagt dazu: „Das Virus wird uns noch lange begleiten.“ Auf der anderen Seite wird von Hilfspaketen geredet, die beim ersten Hören eine Sicherheit versprechen. Die Zukunft soll zeigen, ob die nötige Sicherheit auch geliefert werden kann. Die angekündigten „bedingungslosen“ Kredite (Corona Hilfen) sind bei genauem Hinsehen nicht mehr ganz so bedingungslos! Und wenn die eigene Hausbank bei der Frage nach einem zukünftigen Betriebsmittelkredit Zinsen in einer Höhe anbietet, die man seit fast zehn Jahren nicht mehr gehört hat – „aber nur, weil Sie eine so gute Bonität vorweisen“ – spätestens dann wird klar, dass der Unternehmer es selber in die Hand nehmen muss; eben „selbstständig“ und das können wir Zahnärzte ja ganz gut. Bis heute ist der freiberufliche, selbstständige Zahnarzt immer noch der weitaus größte Anteil an der zahnärztlichen Versorgung in unserem Land.

Inhouse-Produktion gegen Lieferengpässe

Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, den Praxisbetrieb mit höherem Aufwand, besonderen Maßnahmen (s. oben), strengeren Hygieneplänen etc. weiterzuführen, bis  andere Empfehlungen bzw. Erlässe vom Gesetzgeber erfolgen – Zahnmedizin in Zeiten von Corona. Also in die Hände gespuckt und los geht’s … wenn da nicht das Problem von der Auslagerung der Produktion ins Ausland aufgrund der billigeren Herstellung von Schutzkleidung etc., Käufe durch nichtmedizinische Personen und weitere Gründe für Lieferengpässe wären. Die vergangenen Wochen in unserer Praxis waren neben der eigentlichen Arbeit als Zahnarzt davon bestimmt, über alle verfügbaren Kanäle Schutzausrüstung für unsere Mitarbeiter zu besorgen. Bei den allgemein üblichen Artikeln wie FFP1/OP-Mundschutz, Handschuhen und Desinfektionsmitteln ist uns dies mit einiger (nicht zuletzt auch finanzieller) Anstrengung gut gelungen. Bei den FFP2-Masken, die sofern vorhanden, bei jeglicher Aerosolbildung bei uns zum Einsatz kommen sollten, wurde es schwieriger. Das Angebot der KZV Nordrhein über 22,55 EUR (fast 1000 % vom Normalpreis!!!) für eine FFP2-Maske ist auch keine Hilfe bei zwanzig Mitarbeitern mit näherem Patientenkontakt. Die zwei von der KZV Nordrhein pro Zahnarztpraxis gelieferten FFP2-Masken reichten leider nicht weit.

Schutzbedarf für Ärzte, Zahnärzte und Kliniken 

Daher möchte ich mich einmal ganz herzlich für die Unterstützung diverser Industriefirmen sowie die Initiative von Herrn Marcus van Dijk (Hager und Werken) sowie Marianne Steinbeck (pip-Verlag) bedanken, die eine Aktion auf Facebook gestartet bzw. unterstützt haben: Umverteilung von Schutzbedarf für Ärzte, Zahnärzte und Kliniken (Link Facebook-Gruppe). Damit konnte uns auch bei der Problematik mit den FFP2-Masken geholfen werden. Auch das ist Zahnmedizin in Zeiten von Corona.

Webinar als hilfreiche Unterstützung

Des Weiteren möchte ich hiermit nochmal auf das sehr gute Webinar der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) unter Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund-, Kieferheilkunde (DGZMK) zum Thema COVID-19 hinweisen, in dem unter anderem Prof. Bian von der Zahnklinik in Wuhan seine Erfahrungen teilt und Empfehlungen zur Infektionsprophylaxe geben kann. Solche Beiträge empfinde ich in diesen Zeiten als wertvoll. Danke dafür, dass Sie diesen informativen und brandaktuellen Beitrag in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben! Je besser wir alle Bescheid wissen, wie mit dem Virus umzugehen ist, desto besser können wir uns, unsere Mitarbeiter und unsere Patient schützen.

Selfmade: Bauanleitung Gesichtsvisier

Mittlerweile versuchen einige aus dieser schlimmen Krise Profit zu schlagen. Da ich nunmehr schon mehrere „neue Hersteller“ von Gesichtsvisieren beobachten konnte, welche diese aus meiner Sicht zu ungeheuerlichen, moralisch verwerflichen Preisen anbieten, stelle ich hier eine detaillierte Bauanleitung für ein Gesichtsvisier aus dem Baumarkt und Bürobedarf für ca. 3,00 € Materialkosten zur Verfügung.

Gemeinsam werden wir besser durch diese schwierige Zeit kommen. 

Bitte bleiben Sie gesund.

Herzlichst Ihr Bastian Wessing