Mit besonderer Freude nahm die zahnmedizinische Welt die Verleihung des renommierten IADR Distinguished Scientist Award an Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Anton Sculean, M.Sc. auf. Es gibt nicht viele, die sich auf einem so erfolgreichen Weg gleichzeitig so viele Sympathien und tiefe Freundschaften erworben haben.

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Anton Sculean, M.Sc.

pip: Es ist für Sie nicht die erste Auszeichnung der IADR – International Association of Dental Research?

Anton Sculean​: Nicht die erste, aber sicher die weitaus wichtigste. Tatsächlich bekam ich noch in jüngeren Jahren 2004 seitens der Periodontal Research Group (PRG) der IADR den Anthony Rizzo Group Award in Periodontal Research, der als die wichtigste wissenschaftliche Anerkennung eines Wissenschaftlers in der Parodontologie unter 40 Jahren gilt, sowie 2012 den IADR/PRG Award in Regenerative Periodontal Medicine, der als die höchste Anerkennung eines Forschers im Bereich der parodontalen und oralen Geweberegeneration angesehen wird. Der Distinguished Scientist Award ist aber sicherlich der absolute Ritterschlag für einen etablierten Wissenschaftler, nicht umsonst bezeichnet man ihn auch als den „Nobelpreis der Zahnmedizin“. Er ist eine der höchsten Auszeichnungen, die die IADR vergeben kann. Ich habe ihn mit größter Demut empfangen, fühle mich außerordentlich geehrt und freue mich über alle Maßen.

pip: Erfolgt die Verleihung des Preises aufgrund einer spezifischen wissenschaftlichen Arbeit?

Anton Sculean​: Nein, vielmehr ehrt die IADR damit das Gesamtwerk eines Wissenschaftlers. Es liegt also in der Natur der Sache, dass man diesen Preis nicht zu Beginn seiner Laufbahn erhalten kann. Ich blicke inzwischen auf die Veröffentlichung von mehr als 370 Arbeiten mit Schwerpunkt Parodontologie und damit verbundenen Disziplinen wie Wundheilung, Weichgewebsmanagement, periimplantäre Entzündungen etc. in peer-reviewed Fachzeitschriften zurück. Der Preis gilt aber nicht nur meiner Person, sondern ehrt in gleichem Maße die erfolgreiche langjährige Arbeit des gesamten Teams hier in Bern und die ebenso langzeitige Zusammenarbeit mit Freunden und Kollegen an Instituten in Ungarn, Dänemark, Schweden, Deutschland, Rumänien, den UK, in den USA, Kanada, China, Italien und Japan. Heutzutage können Sie erfolgreiche Forschung nur betreiben innerhalb eines globalen Netzwerkes hochqualifizierter und motivierter Menschen, und ich darf mich glücklich schätzen, dass wir hier eine sehr gute und beständige Tradition etablieren konnten. Den Preis der IADR nehme ich daher auch dankbar und im Gedenken an all die Giganten unseres Fachs entgegen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, die mich gefördert und gefordert haben und mit denen mich zum Teil tiefe Freundschaften verbinden – Thorkild Karring und Jørgen Theilade, Michel Brecx, Andreas Stavropoulos und Nikos Donos, Péter Windisch, István Gera, Döri Ferenc, Giovanni Salvi, Vincenzo Iorio-Siciliano, Frank Schwarz, Nicole Arweiler, Sigrun Eick, Dieter Bosshardt, Richard Miron, Yoshinori Shirakataund Daniel Buser. Übrigens hat noch kein Deutscher bisher diese Auszeichnung der IADR erhalten, ich bin damit auch das erste Mitglied und Ex-Vorstandsmitglied der DGParo mit diesem Award. Auch innerhalb des EFP-Vorstands– European Federation of Periodontology – bin ich nach Lior Shapira und Iain Chapple erst der Dritte, der sich darüber freuen darf.

pip: Wo sehen Sie persönlich eine besondere Stärke Ihrer wissenschaftlichen Arbeiten in Bern?

Anton Sculean​: Zunächst ist sicher bedeutsam, dass wir neben Genf der einzige Lehrstuhl für Parodontologie in der Schweiz sind. Nachdem ich den Platz vor fast zwölf Jahren von meinem großartigen Vorgänger Prof. em. Dr. Dr. Niklaus P. Lang übernehmen durfte, sind wir nun zum dritten Mal unter die Top 10 der Universitäten weltweit gewählt worden. Unsere Stärke liegt in der translationalen Forschung: Wir versuchen klinisch ungelöste Fragen im Labor nachzustellen und diese präklinischen Ergebnisse anschließend zum Wohle des Patienten auf die Klinik zu transponieren. Die Labors der zahnmedizinischen Kliniken für die präklinische Forschung befinden sich als Dental Research Center bei der sitem-insel AG,dem Swiss Institute for Translational and Entrepreneurial Medicine oder dem Schweizer Zentrum für Translationale Medizin. Wir blicken im Bereich der translationalen Medizin auf eine sehr erfolgreiche und zum Teil über 40 Jahre zurückreichende Geschichte der Zusammenarbeit mit vielen weltweit führenden MedTech-Unternehmen zurück, darunter Straumann, Bien-Air, Geistlich, Thommen Medical und viele andere. Unsere besondere Stärke sehe ich aber darin, dass wir in Bern sehr erfolgreich parallele Strukturen eliminieren konnten – jede Klinik konzentriert sich auf ein spezielles Gebiet und profitiert damit synergistisch von den Ergebnissen der anderen. Das ist sicher das Credo an vielen Institutionen, aber dieses Ideal will gelebt sein – und das schaffen wir sehr erfolgreich, nicht nur innerhalb unserer eigenen Universität, sondern auch innerhalb unserer Vernetzungen mit Universitäten weltweit.

pip: Die Zahnmedizin in Bern wird international hoch gehandelt?

Anton Sculean​: Definitiv. Im globalen QS World University Ranking, bei dem aktuell knapp 960 Universitäten aus mehr als 80 Ländern bewertet werden, wurden wir zum dritten Mal in Folge unter den Top Ten weltweit gelistet. Wir sind damit die höchstgerankte deutschsprachige Einrichtung und dürfen uns damit sehr selbstbewusst zur Weltspitze zählen. Wobei wir bei der Benotung besonders erfolgreich mit unserer Forschung abgeschnitten haben. Bei diesem sogenannten ‚H-Index‘, mit dem die Produktivität und die publizierten Arbeiten von Forschenden gemessen wird, belegten wir sogar Rang 2 aller zahnmedizinischen Kliniken weltweit. Beim Zitationsindex, mit dem gemessen wird, wie oft Publikationen aus unserem Haus in anderen wissenschaftlichen Arbeiten zitiert werden, liegen wir auf einem beeindruckenden dritten Rang. Unsere Wissenschaftler publizieren also nicht nur sehr erfolgreich in ihren diversen Gebieten, sondern ihre Untersuchungen und Ergebnisse werden auch sehr häufig von anderen Forschenden aufgegriffen und zitiert. Auch hier wird dieses gute Ranking ganz klar von der engen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Kliniken und der guten Nutzung von Synergien und unserer exzellenten internationalen Vernetzung begünstigt. Natürlich freuen wir uns sehr über solche Einstufungen und sehen damit auch unsere ausgezeichnete, oft jahrzehntelange ambitionierte Forschung bestätigt – ganz besonders in der Parodontologie und der Implantologie.

pip: Und nun hat Sie die Corona-Krise um den festlichen Akt Ihrer Auszeichnung gebracht?

Anton Sculean​: Tatsächlich sollte ich anlässlich der 100-Jahr-Feier der IADR vor 10.000 Teilnehmern in Washington DC den Award erhalten, was vor so vielen von mir bewunderten Kollegen sicherlich ein unvergesslicher Augenblick meines Lebens gewesen wäre. Aber dafür darf ich im kommenden Jahr bei der IADR Tagung im chinesischen Chengdu eine Keynote Lecture zur translationalen Forschung in der regenerativen PA-Therapie halten, und auch das ist erneut eine große Auszeichnung und Ehre, auf die ich mich zusammen mit meinem Team sehr freue.

pip: Herzlichsten Dank für dieses interessante Gespräch.