Spätestens wenn ein italienischstämmiger Referent sich aus vermeintlicher Höflichkeit den Zuhörern gegenüber im Englischen versucht und die Härte seines Akzents nur noch vom Temperament übertroffen wird, mit dem er seine Präsentation in einem Affenzahn von der Bühne haut, fragt man sich, welches arme Menschlein da gerade in jener diffus ausgeleuchteten Kabine am Ende des Vortragssaals sitzt und versuchen muss, diese Situation – und sich selber – zu beherrschen. pip wollte diese Menschen im Dunkeln näher kennenlernen und sprach mit Martha Bohus und Irina Sasse von den Dentaldolmetschern.

pip: Mal ehrlich – wieso drehen Sie in einer Situation wie der hier geschilderten nicht durch?

Martha Bohus: Tatsächlich denken wir manchmal, wieso redet der Referent nicht besser in seiner italienischen Muttersprache und lässt aus dieser dolmetschen, denn das wäre auch für ihn weitaus weniger anstrengend – aber er macht es ja absichtlich aus einer Geste der Gastfreundschaft und auch das muss man respektieren. Da hilft nur sehr intensive Vorbereitung, das solide Beherrschen des Handwerks und natürlich langjährige Erfahrung und eine gewachsene Stressresilienz.

pip: “Das machen eh eines Tages alles Computer“, wird besonders gern bei Sprachwissen-schaften geäußert – genau in der geschilderten Szenerie frage ich mich, wie ein Computer damit umginge …

Martha Bohus (links) und Irina Sasse in ihrer Dolmetscher-Kammer

Irina Sasse: … wahrscheinlich mit “Tilt“. Natürlich sind einige Sprachprogramme inzwischen toll entwickelt, jeder kennt diese Handy-Apps, mit denen er in Korea nach dem Weg fragen könnte. Für den allgemeinen Gebrauch ist das toll – alles ist gut, was Menschen hilft  sich besser zu verstehen. Aber auch im allgemeinen Kontext setzen Computer immer noch aus, wenn Sprache nicht eindeutig ist, bekannt ist ja der Kalauer, bei dem eine Maschine „Der Geist ist willig,  doch das Fleisch ist schwach“ mit „Guter Schnaps, aber lausiges Steak“ übersetzen wollte. In der Fachsprache wird es noch komplexer: Je nach Kontext kann z. B. ein deutscher „Aufbau“ im Englischen ein abutment im implantologisch-prothetischen Kontext, einen buildup im konservierenden Bereich, ein bone graft im knochenchirurgischen oder ein coping im zahntechnischen Kontext bedeuten – da sollte man schon wissen, was gemeint ist, und das erschließt sich eben nur aus dem Zusammenhang. Wir dolmetschen übrigens in den seltensten Fällen Muttersprachler – wie sollte ein Computer wissen, dass, was wie „animal“ klingt, eigentlich „enamel“ heißen soll. Oder der Redner es zwar als „emergency profile“ ausspricht, aber dennoch vom Emergenzprofil, also „emergence profile“, spricht und nicht von einer Notfallsituation. Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass Roboter eines Tages Herzklappen oder Dentalimplantate einsetzen können, als dass sie uns ersetzen.

Martha Bohus: Eigentlich klopft man beim Dolmetschen permanent das Gehörte auf Plausibilität ab, ehe man die Übersetzung aus dem Mund entlässt. Das erfordert sehr solide Fachkenntnisse und wirklich höchste Konzentration. Daher wird oft im Team gearbeitet, um sich nach 20 bis 30 Minuten abzuwechseln. Dieser Konzentrationslevel ist nicht über Stunden hoch zu halten.

pip: Wie sind Sie dazu gekommen, sich auf zahnmedizinische Themen zu spezialisieren?

Martha Bohus: Als Allgemeindolmetscher ist man breit aufgestellt und deckt noch eine Reihe eher allgemeinerer Fachgebiete ab. Medizinische und auch zahnmedizinische Themen gehen aber inzwischen so sehr in die Tiefe und fächern sich noch im Fach in so viele Einzeldisziplinenauf, dass man sich spezialisieren muss, um das jeweilige Gebiet in der geforderten hohen Qualität abdecken zu können. Bei uns kam hinzu, dass wir beide Zahnmediziner in der Familie haben und so bereits eine gewisse Affinität zu dem Thema entwickelt hatten. Daneben haben wir bereits einige Fachbücher übersetzt, u. a. das Standardwerk von Branemark, „Gewebeintegrierter Zahnersatz“, was eine sehr hochkarätige Schule war. Ehe ein Übersetzer sich aber das erste Mal selber in die Kabine setzt, sollte er möglichst viele Konferenzen besuchen und erfahrenen Dolmetschern zugehört haben. Daneben ist es natürlich wichtig, auch regelmäßig Fachzeitschriften zu lesen und das Gespräch mit Experten zu suchen. Referenten werden ja meist ausgesucht, weil sie ein innovatives Thema präsentieren, daher müssen wir inhaltlich stets auf der Höhe sein.

pip: Ein Referent zeigt eine völlig neuartige Technik und prägt diese auch noch mit einem neuartigen Begriff – toll für die Zuhörer, Katastrophe für den Dolmetscher?

Irina Sasse: Das sollte nicht passieren. Daher suchen wir schon im Vorfeld den Kontakt, erhalten oft Einblick in die Präsentationsunterlagen oder fragen, wenn wir dem Titel bereits entnehmen können, dass es sich um etwas Revolutionäres handelt, ganz gezielt nach. Nicht nur technisch gäbe es sonst Fallstricke, manchmal ist es auch ein besonderer Witz oder ein Cartoon, der in der Ausgangssprache sehr eindeutig ist, aber nicht einfach platt 1:1 in die Zielsprache übersetzt werden kann – da suchen wir dann auch bereits im Vorfeld nach einem Äquivalent, das bestmöglich denselben belustigenden Effekt auf die Zuhörer hat. Wenn die Reaktion des Publikums dieselbe ist, die der Redner bei seinen Landsleuten hat, haben wir einen guten Job gemacht.

Martha Bohus: Das scheinen nur kleine Details, die in der Vorbereitung aber manchmal viel Zeit und Phantasie brauchen. Aber stellen Sie sich vor, der Redner kommt zu einem eigentlich zündenden Teil seines Vortrags und im Saal herrscht Teilnahmslosigkeit – das bringt ihn ja völlig aus dem Konzept.

pip: Welche Sprachen bieten Sie an?

Martha Bohus: Wir sind als Freiberufler und selbständige Agentur tätig und haben ein Netzwerk aus im Bereich der Zahnmedizin spezialisierten Kollegen aufgebaut, die wir je nach Bedarf rekrutieren und koordinieren. Neben den gängigen europäischen Sprachen Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Türkisch und Russisch sind dabei auch Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und sogar Farsi. Gerade aus Asien und dem Mittleren Osten drängen zunehmend Referenten auf die internationalen Podien, denen wir Rechnung tragen wollen. Das Besondere an unserem Netzwerk ist, dass wir mit jedem einzelnen der Kollegen schon viele Jahre zusammenarbeiten und uns für die Qualität und die zahnmedizinischen Kenntnisse daher verbürgen können. Sie wollen als Veranstalter nicht erst an den glasigen Augen des Publikums erkennen, dass Sie beim Dolmetscher einen Fehlgriff getan haben.

pip: Bei der finanziellen Ausstattung vieler heutiger Kongresse sicherlich nicht…

Irina Sasse: … und darum sollte man auch schauen, dass wir die hohe Qualität abliefern können: Eine Dolmetsch-Anlage mit entsprechender Technik nach den Normen unseres Berufsverbandes, ein versierter Techniker vor Ort und natürlich auch eine entsprechende Teamstärke bei den Dolmetschern, die angemessene Pausen erlaubt, sollten Veranstaltern hochklassiger internationaler Kongresse ein Anliegen sein.

Marta Bohus: Und wenn wir noch einen Wunsch frei haben – Bei den inzwischen häufig verteilten Feedback-Fragebögen sollte dann auch die Qualität des Dolmetschens beurteilt werden dürfen. Für uns wären das Bestätigung und Ansporn und für den Veranstalter ein wichtiger Hinweis.

Herzliches Danke für dieses Gespräch!