Mit eine der aufsehenerregendsten Neuheiten, an der mit über 10.000 Besuchern erfolgreichsten Fachveranstaltung des Jahres, war an der Europerio in Amsterdam die Präsentation
 der Exklusivpartnerschaft des Schweizer Medizintechnikunternehmens GalvoSurge mit Nobel Biocare. Mit der gleichnamigen Technik eröffnet sich eine gänzlich neue Methode zur Dekontamination von Implantaten. pip sprach mit Priv.-Doz. Dr. Dr. Markus Schlee, der in seiner doppelten Rolle als Parodontologe und Spezialist in der dentalen Implantologie seit 2012 an der Entwicklung und klinischen Erprobung der neuartigen Technik maßgeblich beteiligt war.

pip: Haben wir mit GalvoSurge endlich das Wundermittel gegen Periimplantitis?

Markus Schlee: Die beste Periimplantitis bleibt jene, die gar nicht entsteht. Es gilt damit unverändert die 
Forderung nach einer engmaschigen
 Kontrolle und patientenspezifischen Recalls besonders bei parodontal vorbelasteten Patienten oder Fällen mit sichtlich eingeschränkter Mundhygiene, um bereits eine beginnende Mukositis zu kontrollieren. Allerdings besitzen wir mit GalvoSurge nun tatsächlich eine sehr vielversprechende und überzeugende Methode für jene Fälle, in denen wir die Implantate bisher verloren geben mussten oder uns auf einen eigentlich aussichtslosen und für den Patienten belastenden Kampf einließen.

pip: Wie ist die genaue Wirkungsweise und wo sehen Sie die Vorteile im Vergleich zu bisherigen Ansätzen?

Markus Schlee: Bisher haben wir immer versucht, dem Biofilm auf Implantaten von 
außen ablativ zu Leibe zu rücken – sei
 es mit mechanischen oder chemischen
 Methoden. Alle diese Methoden entfernen den Biofilm ungenügend, sodass 
eine Re-Osseointegration allenfalls teilweise gelingt. Zudem werden durch die Invasivität dieser Methoden die Makro- und Mikrostrukturen der Implantate beeinträchtigt. Das verursacht im Zweifel mehr Schaden als Nutzen. GalvoSurge wirkt von innen nach außen direkt auf der Titanoberfläche unter dem Biofilm: Ionen, welche den Biofilm penetrieren, werden an der negativ geladenen Implantatoberfläche reduziert. Wasser wird hydrolytisch gespalten und atomarer Wasserstoff bildet sich direkt an der metallisch leitenden Implantatoberfläche. Die entstehenden Gasblasen heben auf diese Weise mechanisch den Biofilm ab und hinterlassen eine völlig reine und unveränderte Implantatoberfläche. Das Verfahren ist atraumatisch, für den Patienten schmerzfrei und nachhaltig wirkungsvoll.

pip: Mit welchen Instrumenten oder Materialien funktioniert GalvoSurge im Detail?

Markus Schlee: Das System besteht aus einer Kontrolleinheit von etwa der Größe einer kleinen Chirurgie-Einheit, einem Schlauchsystem mit einem Implantatconnector, der Reinigungsflüssigkeit aus einer gepufferten Natriumformiatlösung und einem Einweg-Aufsteckschwämmchen. Damit bringen wir sowohl die Reinigungslösung als auch die elektrische Spannung sanft aber direkt an das Implantat.

pip: Wie lange dauert dieser Reinigungsprozess?

Markus Schlee: Auch das ein für die tägliche Praxis ganz wichtiger Aspekt, und mit zwei Minuten pro Implantat absolut vertretbar und praxis- ebenso wie patiententauglich.

pip: Ist der Effekt nachhaltig, also verändert die Hydrogenaktivierung auch eine kurzfristige Neubesiedelung mit Bakterien und Bildung erneuten Biofilms?

Markus Schlee: Eine Kontaminierung einer nicht von Knochen bedeckten Implantatoberfläche beginnt unmittelbar nach dessen Insertion oder eben nach deren Reinigung. Langzeiterfolg kann also nur erzielt werden, wenn eine Re-Osseointegration erreicht werden kann. Der knöcherne Defekt muss also re-augmentiert werden. Damit sind auch schon die Limits dieser Technologie beschrieben – Defekte, die nicht augmentierbar sind, sind auch mit GalvoSurge langfristig schwer zu behandeln.

pip: Haben es die Nobel Biocare-Implantate besonders nötig oder wie entstand diese exklusive Kooperation?

Markus Schlee: Der Biofilm und die Kontamination von Implantatoberflächen sind weder das singuläre Problem eines einzelnen Herstellers noch eine regional beschränkte Problematik, und daher wird GalvoSurge natürlich für alle gängigen Implantatsysteme anwendbar und auch verfügbar sein. Es wäre nachgerade ethisch unvertretbar, solch eine Technologie auf einen einzelnen Implantattyp oder das Portfolio eines Unternehmens zu reduzieren. Nobel Biocare als weltweit führendes Unternehmen sah sich aber immer schon in der Verpflichtung, über das eigene Produktportfolio hinaus die Entwicklung der dentalen Implantologie – und damit auch die Erhaltung von implantologischen Versorgungen – voranzubringen. Als global agierende Weltmarke bot sich das Unternehmen auch für eine so bahnbrechende Technologie daher als vorzüglicher Partner an, damit in Zukunft breite Patientenschichten und damit auch implantologisch tätige Zahnärzte von diesem wirklich großen Meilenstein in der Implantatprophylaxe profitieren können.

pip: Herzliches Danke für dieses Gespräch, Herr Dr. Schlee.