Das parodontal kompromittierte Gebiss stellt im therapeutisch-planerischen und im ästhetischen Bereich für den Kliniker eine große Herausforderung dar. Extrahieren oder Erhalten der kompromittierten Zähne, Alveolenversorgung ja oder nein? Sofortimplantation oder zweizeitiges Vorgehen? Prof. Dr. Leonardo Trombelli, Universität Ferrara und parallel niedergelassen in einer auf Parodontologie und Implantologie spezialisierten Praxis, präsentierte in Hamburg Entscheidungsprozesse ebenso wie moderne Therapieansätze. Der Seattle Study Club (SSC) Hamburg unter Leitung von Dr. Önder Solakoglu setzte mit Unterstützung von Thommen Medical Education zum Auftakt des Fortbildungsherbstes ein erstes Glanzlicht.

Selbst bei „hoffnungslos” diagnostizierten, parodontal schwer geschädigten Zähnen kam es über einen Beobachtungszeitraum von sieben Jahren tatsächlich nur zu einem Verlust von knapp 13 % der Zähne. „Der Hauptgrund einen Zahn zu extrahieren ist der Zahnarzt!” Prof. Trombelli belegte diese Aussagen mit aktuellen Behandlungskonzepten zur Behandlung schwerer parodontaler Defekte: Bereits 2007 hatte er seinen minimalinvasiven „single flap approach“ publiziert, bei dem das ästhetisch befriedigende Ergebnis im Vordergrund steht. Die Naht wird dabei nie schon nach wenigen Tagen entfernt, da das noch schwache Gewebe allein durch die Bewegungen beim Sprechen und Kauen beeinträchtigt würde. „Warten Sie immer zwei Wochen.“ Mittels minimal- invasiver Konzepte wie jenem Einzellappen-Konzept nutze man optimal die biologischen Stärken. Hinsichtlich des individuellen Schmerzempfindens ergaben sich für den Einzellappen-Zugang ähnlich niedrige Werte wie bei nichtchirurgischen Behandlungen. Bei schweren interproximalen Defekten wendet Prof. Trombelli erfolgreich eine Sandwichtechnik aus Emdogain, gemischt partikulärem autologem und bovinem Augmentationsmaterial und erneu- tem Emdogain-Abschluss an. Je nach Defektmorphologie ergänzt der versierte Operateur um ein Bindegewebstransplantat.

Bedeutung der Socket Preservation

Bereits die Schnittführung bildet eine der wichtigen Voraussetzungen für eine gelungene Socket Preservation. Eine Augmentation mit bovinem partikulärem Material kann die Resorption des Knochens nicht völlig verhindern, unterstützt aber besonders im koronalen und damit ästhetisch relevanten Bereich signifikant das Gewebe. Bei Patienten mit dickem Biotyp legt Prof. Trombelli nach Extraktion den Alveolenboden mit einem Kollagenvlies aus und augmentiert nur noch im oberen Drittel mit partikulärem bovinen Material. Auf die Frage nach dem Einsatz allogener Materialien berichtete Prof. Trombelli, dass deren Einsatz in Italien aus regulatorischen Gründen nicht gestattet sei. „Ich bitte Thommen Medical um Verzeihung, aber auch Brückenversorgungen sind in der ästhetischen Zone immer noch eine gangbare Option“, demonstrierte er anhand einer über zehn Jahre langzeitstabilen Brückenversorgung auf zwei Implantaten in der Front.

Sofortimplantation – tatsächlich noch eine Option?

Unbestritten macht die Sofortimplantation nach Extraktion die meisten Patienten glücklicher – langfristig zeigt sich die Zufriedenheitsrate von Sofort- zu verzögerter Implantation aus Patientensicht aber nahezu vergleichbar. Für ein langfristig stabiles ästhetisches Ergebnis sieht Prof. Trombelli die Indikationsbegrenzungen sehr eng gefasst, was sich durch die aktuelle Studienlage und die dort meist sehr eingegrenzte Patientenauswahl bestätigt. Große bukkale Defekte oder gar ein komplettes Fehlen der bukkalen Lamelle definiert er als klares Ausschlusskriterium. Die Implantatpositionierung sollte in jedem Fall mehr nach palatinal erfolgen, und der Mindestabstand von zwei Millimetern vom Implantat zu den Defektwänden müsse eingehalten werden. Auch hier augmentiert er nur den koronalen Anteil. Für die Verdickung des Weichgewebes bietet sich neben dem freien Bindegewebstransplantat laut Prof. Trombelli auch die neue Fibrogide von Geistlich Biomaterials an, mit der sich eine ausgezeichnete Weichgewebsunterstützung erzielen ließe. Eine Reihe ästhetisch sehr überzeugender Fälle rundete seine Ausführungen ab.

Als besonderer Vorteil dieser konzentrierten Veranstaltung zeigte sich wieder einmal die Chance für die Teilnehmer einen so versierten Referenten für den gesamten Tag „zum Anfassen“ zu haben – rege Diskussionen, sowohl innerhalb der Vortragsblöcke als auch in den Pausen, gaben jedem die Möglichkeit seine ganz persönlichen Fragen zu klären.