Anfangs noch belächelt und als eher esoterisch-beschwörende Begleitmusik angesehen, ist die antimikrobielle photodynamische Therapie (aPDT-Therapie) sowohl zur Dekontamination infizierter Alveolen als auch zur Behandlung beginnender periimplantärer Entzündungen sowie der Dekontamination der Implantatoberfläche inzwischen in vielen Praxen etabliert. Mit Zunahme der Einzelzahnbehandlungen in der ästhetischen Zone und dem Wunsch nach zeitsparenden und gewebeerhaltenden Techniken steigt das Bedürfnis einer vorhersagbar erfolgreichen Implantation direkt in die Extraktionsalveole. pip sprach mit Prof. Dr. Arthur Belem Novaes, Universität Sao Paulo, über seine kürzlich im renommierten COIR – Clinical Oral Implants Research – ein- gereichte Tierstudie.

pip: In der Regel ziehe ich keinen gesunden Zahn.

Arthur Belem Novaes: Und damit beginnt das Dilemma – denn so erfolgt eine Sofortimplantation fast immer in 
ein kompromittiertes Umfeld, also eine
 wie auch immer stark infizierte Alveole.

pip: Was war das konkrete Ziel Ihrer Studie?

Arthur Belem Novaes: Es ging um die wissenschaftliche Untersuchung des Unterschieds von sowohl Knochenqualität als auch Knochenquantität bei einer Dekontamination frischer Extraktionsalveolen mit einem HELBO-Laser und der aPDT-Therapie im Vergleich zu einem rein mechanischen Debridement der Alveole und Spülung mit Kochsalzlösung.

pip: Die photodynamische Therapie wurde in Deutschland lange und von vielen als ziemlicher Hokuspokus angesehen …

Arthur Belem Novaes: Auch Innovationen wie
 die aPDT müssen sich wissenschaftlich fundierten Untersuchungen stellen, dafür habe ich absolutes Verständnis. Jeder hat doch in seiner Praxis irgendwelche Wundertechnik stehen, die sich im Einsatz dann als wenig zuverlässig erwies. Allerdings konnten wir mit unserer Arbeitsgruppe für die HELBO-Therapie, die auch in vielen Praxen sehr gute Ergebnisse zeigt, bereits positive, wissenschaftlich objektive Daten für die Behandlung chronischer und auch aggressiver parodontaler Erkrankungen gewinnen. Nun galt es, die Wirksamkeit auch bei kontaminierten Alveolen zu prüfen.

pip: Wie verlief Ihre Studie …?

Arthur Belem Novaes: Zunächst induzierten wir eine parodontale Entzündung mithilfe von Ligaturen um die Prämolaren von acht Beagle-Hunden. Nach drei Monaten extrahierten wir die Prämolaren und nahmen zu gleichen Teilen ein mechanisches Debridement und Spülung mit Kochsalzlösung vor oder ergänzten beides zusätzlich mit der aPDT-Behandlung. Nach zwölf Wochen wurden die Tiere geopfert und es erfolgte eine bukkolinguale Analyse der periimplantären Gewebe mittels Micro-Computertomographie und Histomorphometrie.

pip: … und mit welchen Ergebnissen?

Arthur Belem Novaes: Sowohl die zwei- als auch dreidimendionalen Analysen zeigten signifikant bessere Ergebnisse für die Sofortimplantation in infizierte Extraktionsalveolen, die mit einer Kombination aus mechanischem Debridement und Kochsalzspülungen plus aPDT-Therapie behandelt wurden. Es zeigte sich nicht nur ein besserer BIC, also eine verbesserte Knochenanlagerung um die Implantate, auch die Qualität des Knochens war deutlich besser verglichen mit dem rein mechanischen Debridement.

pip: Spielte für das Ergebnis nicht vielleicht auch Ihre Extraktionstechnik eine Rolle, und wurde eventuell zusätzlich augmentiert oder medikamentös behandelt?

Arthur Belem Novaes: Wir haben genau all das verhindert, um Missinterpretationen und Auslegungen keinen Raum zu bieten: Daher wählten wir einen einfachen Lappenzugang und verzichteten auf jegliche systemische Therapie oder ein Auffüllen des Alveolarspaltes. Damit bleibt als einzige Variable der Einsatz oder Nichteinsatz der aPDT.

pip: Inwieweit lassen sich diese vielversprechenden Ergebnisse bei infizierten Alveolen auch auf eine gewissermaßen reinfizierte Umgebung, also periimplantäre Entzündungen, übertragen?

Arthur Belem Novaes: Wie Sie wissen, haben Patienten mit chronischer Parodontitis ein 14 Mal größeres Risiko, eine Periimplantitis zu entwickeln. Eine präventive Dekontamination der Alveole vor Implantation könnte das Risiko deutlich vermindern. Wir müssen in jedem Fall berücksichtigen, dass Ergebnisse aus Tierstudien natürlich nicht mit klinischen Studien am Menschen zu vergleichen sind. Insofern lassen sich unsere Ergebnisse nicht einfach 1:1 übertragen. Da aber die beste Periimplantitis diejenige ist, die erst gar nicht entsteht, haben wir mit der erfolgreichen Dekontamination der Alveole möglicherweise bereits eine sehr gute Grundlage gegeben, wie sich anhand der Knochenquantität und -qualität zu erkennen ist. Allerdings zeigen klinische Fälle und Studien bereits sehr gute Ergebnisse auch bei der Verminderung der periimplantären Entzündungsprozesse. Bis zu welchem Grad und inwieweit hierzu ein klares Protokoll vorgegeben werden kann, werden aber auch weitere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen.

pip: Herzliches Danke, Herr Prof. Novaes, für Ihre Zeit und dieses Gespräch.