Nicht nur der Abschied vom traditionellen Austragungsort Baden-Baden und die Wahl von Frankfurt als neuen Schauplatz des nationalen Osteology Symposiums zeigten, dass die Osteology Foundation und ihr Founding Partner Geistlich Biomaterials neue Wege beschreiten. Eine erkennbare Verjüngung unter den beinahe 400 Teilnehmern und ein Mix aus wissenschaftlich fundierter Fortbildung und interaktivem Austausch boten Mitte April in Frankfurt einen Weiterbildungs-Event der Extraklasse.

Prof. Dr. Dr. Dr. Robert Sader (l.) und Prof. Dr. Frank Schwarz.

Unter der wissenschaftlichen Leitung der beiden Lokalmatadoren Prof. Dr. Dr. Dr. Robert Sader und Prof. Dr. Frank Schwarz teilte sich das 6. Nationale Symposium der Osteology Stiftung in einen praxisorientierten Tag mit einem Wissenschafts- und einem Praktikerforum und einer Vielzahl von Workshops zu aktuellen Konzepten zur Regeneration oraler Gewebe auf. Die einfache Rezessionsabdeckung konnte hier ebenso eingeübt werden wie komplexe Augmentationen mehrwandiger Defekte. Auch das Komplikationsmanagement und das aktuell viel diskutierte regenerative Potential von PRF kamen nicht zu kurz. „Forever Young – Das Wunder Knochen“ hatte Prof. Dr. Michael Amling vom Institut für Osteologie und Biomechanik der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf seinen Vortrag im Praktikerforum betitelt. Mit vielen interessanten Details zur Knochenbiologie stimmte er die Zuhörer auf das Wesen und die Herausforderungen des oralchirurgischen und implantologischen Tuns ein. Knochenremodelling dauert insgesamt sechs Jahre, daher müssen sich Studien zur Periimplantitis über diesen Zeitraum erstrecken. Nur damit können verlässliche Aussagen zur Effektivität einer Therapie getroffen werden. Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner kokettierte mit seinem „Rentnerdasein“ und strafte sich mit hochaktuellen Ausführungen zum Einsatz von Scaffolds insbesondere für mehrwandige, ausgedehnte und vertikale Augmentationen selber Lügen. „Scaffolds sind schillernd, vielfältig und man muss sie so aussuchen, wie man sie für die jeweilige Indikation will“, schloss Prof. Wagner.

Praktikerforum von Chirurgie bis Jura

Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt bezeichnet jeden chirurgischen Eingriff als „eine geplante Verletzung“. Er bedient sich geschickt des PRF und i-PRF als Beimischung zu autologem Knochen oder des Bio-Oss als wirksames Adjuvans zur Wundheilung. Die heutigen Verfahren zeigten ein deutlich vereinfachtes Handling und eigneten sich auch ausgezeichnet zur Augmentation von Weichgewebsdefekten mit aus Patientenblut hergestellten Fibrin-Membranen. Obwohl fast 80 % der Allgemeinmediziner das Krankheitsbild der ONJ kennen, überweisen nur 30 % zur Prophylaxe an den Zahnarzt, bedauert Prof. Dr. Knut Grötz aus Wiesbaden. „Schmerz ist kein Leitsymptom für eine Nekrose – erst wenn eine Entzündung hinzukommt, klagt der Patient“, mahnt Prof. Grötz differenzierte Diagnostik an. Von einer einstigen Begeisterung über allogene Knochenblöcke ist Priv.-Doz. Dr. Dr. Markus Schlee aus Forchheim wieder abgekommen. Er äußerte die Vermutung, die Aufreinigung der Ausgangsmaterialien sei möglicherweise doch nicht so voll endet wie einst gedacht. Selber favorisiert er inzwischen die Zeltdach-Technik mit partikulärem Material. Ein neuartiges Kollagenaugmentat zeige sich im Weiteren in ersten klinischen Ergebnissen als sehr vielversprechend. Dr. Puria Parvini aus Frankfurt nahm die Zuhörer mit auf einen Exkurs zum Notfall in der Zahnarztpraxis, ehe Prof. Dr. Thomas Ratajczak, Sindelfingen, Sinn, Verantwortung und Fallstricke von Leitlinien diskutierte. „Der Hinweis, Leitlinien seien rechtlich nicht bindend, ist wenig logisch und damit ungültig.“ Verstöße gegen Leitlinien würden, im Gegenteil, von Anwälten oft in die Nähe grober Behandlungsfehler gerückt. Besser wäre eine Leitlinie als Beschreibung eines Korridors der vertretbaren Leistungen.

Abschied vom Allogen-Hype

Hier werden heiße Themen kritisch diskutiert: Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden, Prof. Dr. Stefan Fickl, Priv.-Doz. Dr. Dietmar Weng, Dr. Paul Weigl, Priv.-Doz. Dr. Dr. Markus Schlee.

Wesentliche Quintessenz des Haupt-Wissenschaftsforums war die Forderung, sowohl bei den Indikationen als auch den Materialien genauer zu differenzieren. Außerdem gilt es, die für die jeweilige Anwendung bestgeeignete Materialwahl oder -kombination zu treffen. „Wir müssen uns immer fragen: Wer steht hinter einem bestimmten Material, und was soll es bewirken?“, so Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas von der Universität Mainz. Nicht nur nannte er den Bone Scraper als „most sexy instrument in implantology“, sondern er begeistert sich grundsätzlich für eine Biologisierung von Augmentationsmaterialien durch die Beimischung autologen Knochens oder PRF. Die Woge des Hypes für allogene Materialien fand nun einen echten Wellenbrecher in Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden. Der aus Kassel stammende Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurg äußerte nicht nur massive Bedenken wegen potentieller Infektionsgefahren und bakterieller Kontamination von Transplantaten. Er warnte auch, Allografts könnten wegen der immunologischen Reaktion zu einem späteren Zeitpunkt lebenswichtige Transplantate wie Nieren ausschließen. Der sich daraufhin ergebenden heftigen Diskussion aus dem Publikum hielt wenig später Prof. Dr. Katja Nelson wissenschaftliche Daten entgegen. Anhand aktueller Forschungsergebnisse ihrer Freiburger Universität um Dr. Tobias Fretwurst wurden die Aussagen Terheydens weiter gestützt.

Dr. Dr. Andres Stricker im kollegialen Austausch.

Zusammen mit Dr. Dr. Keyvan Sagheb, Mainz, und Prof. Dr. Dr. Shahram Ghanaati, Frankfurt, bestritt sie den Vortragsblock zur Verwendung gerüstartiger Augmentationsmaterialien. Von der Konfektionierung gehe es hin zu CAD/CAM-gefertigter Individualisierung mit anschließender Biologisierung der Materialien. Defektgeometrie, Resorptionsanspruch, Indikation und Situation sind für die Wahl eines Materials wichtig. Es stehen heute eine Vielzahl gut dokumentierter Materialien für evidenzbasierte Therapiekonzepte zur Verfügung, sodass der Behandler als Auswahlkriterien auch seine persönlichen Bevorzugungen und Erfahrungen mit einfließen lassen kann. Ebenso wie der Knochen scheint sich auch das Osteology Symposium stetig aus sich heraus zu verjüngen und zu erneuern – 2019 trifft sich die große internationale Anhängerschaft in Barcelona unter dem Titel „The Next ReGeneration“.

Save the date! 25.-27.04.2019 International Osteology Symposium Barcelona