Die Zeiten sind vorüber, in denen man annahm, Keramikimplantate seien eine radikale Nischenindikation für leicht neurotische, wünschelrutengehende, überempfindliche weibliche Wesen, bei denen man ernsthaft überlegte, wie viele davon man denn überhaupt in seiner Praxis haben wolle. Bei Titanimplantaten sind Patienten immer noch eher passiv, Keramikimplantate werden dagegen sehr aktiv und rege seitens des Patienten angefragt. Sei es wegen bekannter oder vermutlicher Unverträglichkeiten oder einer rein subjektiven und emotionalen Bevorzugung des weißen Werkstoffes: Die Praxen und auch die Implantathersteller stellen sich darauf ein, allein zur IDS kommen vier nennenswerte Unternehmen mit eigenen Keramikimplantaten auf den Markt. pip sprach mit Prof. Dr. Andrea Mombelli aus Genf, einst einer der ersten einsamen Rufer in der Wüste und heute hoch geschätzter und viel gefragter Experte für das Indikationsspektrum und die klinische Vorgehensweise bei Keramikimplantaten.

pip: Ist das Keramikimplantat heute hoffähig geworden und welche Entwicklungen sind für Sie dabei bahnbrechend gewesen?

Andrea Mombelli: Das Bedürfnis für eine Alternative zu Titanimplantaten wächst seit fast 40 Jahren. Durch zahlreiche In-vivo- und In-vitro- Studien hat Zirkoniumdioxid seinen Platz als eine wertvolle Alternative zu Titan errungen. Aus biologischer Sicht hat Zirkonia mehrere interessante Eigenschaften: Es zeigt eine geringe Affinität zu bakterieller Plaque und eine gute Weichgewebeintegration mit minimaler Entzündungsreaktion. Diese Eigenschaften können das Risiko für periimplantäre Krankheiten senken.

pip: Welche Einschränkungen sehen Sie noch bei Keramikimplantaten – sei es bei der Indikation, bei der prothetischen Versorgung oder in der Mechanik und Statik der Implantate – und wo sehen Sie diese den Titansystemen als überlegen an?

Andrea Mombelli: Die biomechanischen Eigenschaften von Zirkoniumdioxid wurden in zahlreichen Experimenten erfolgreich überprüft. Insgesamt waren die Frühmisserfolgsraten von Systemen, die bisher verwendet wurden, im Vergleich zu Titanimplantaten höher. Die Informationen zum Langzeitverhalten der aktuellsten Systeme sind derzeit noch unvollständig. Technische Misserfolge durch Bruch des Materials stellen ein heikles Thema dar und sind ein kritischer Faktor für den Nutzen und die Akzeptanz in der Praxis.

pip: Gibt es Komplikationen, welche direkt mit der Wahl des Implantatmaterials in Verbindung gebracht werden können? Welche Komplikationen lassen sich verhindern?

Andrea Mombelli: Unsere bisherigen Erfahrungen weisen in der Tat darauf hin, dass die Misserfolgsmuster bei Titan- und Keramikimplantaten unterschiedlich sind. Periimplantitis war bei den Patienten, die wir in Genf behandelten, bisher noch nie ein Problem, hingegen mussten wir leider einige aseptische Implantatlockerungen registrieren. Sie traten stets in den ersten Monaten nach Belastung auf.

pip: Welche belastbaren Studien, vor allem Langzeituntersuchungen, haben wir heute?

Andrea Mombelli: Mehr klinische Untersuchungen müssen durchgeführt werden, um alle relevanten technischen und biologischen Faktoren für Erfolg und Patientenzufriedenheit zu identifizieren. Heute ist die Datenlage für ein endgültiges Urteil noch unvollständig, und die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Andererseits sind sich die Patienten der Verfügbarkeit von Zirkoniumdioxid-Implantaten auf dem Markt bewusst und wir müssen bereit sein, ihre Fragen zu beantworten und auf ihre Wünsche einzugehen.

pip: Die nächsten wichtigen Entwicklungen bei den Keramik-implantaten sehen Sie in welchen Bereichen?

Prof. Mombelli: Zweifellos gibt es Raum für weiteren technischen Fortschritt im Keramikbereich. Zweiteilige Implantate mit verschraubten Abutments sind aus mehreren Gründen wünschenswert, obwohl technisch schwierig aufgrund von Materialbeschränkungen. Weitere Innovationen werden zu verbesserten biomechanischen Eigenschaften führen, die es erlauben, neue mehrteilige Lösungen zu realisieren. So wie man den Eiffelturm nicht aus Beton nachbauen würde, ist es auch falsch, für ein Keramiksystem einfach die Baupläne aus der Titanwelt hervorzuholen. Während die Entwicklung bei Titanimplantaten meines Erachtens abgeschlossen ist, befinden wir uns in einer faszinierenden Phase der Weiterentwicklung im Keramikbereich. Das Titanimplantat ist der PC, das Zirkon-Implantat ist das iPhone 1!

Eines ist für mich klar: Die Zahnmedizin der Zukunft ist metallfrei. Das ist ein Megatrend, der vor Jahrzehnten beim Amalgam begann. Wir erleben gerade das Ende der Metallprothetik, und dies geht weiter bis zum Verschwinden des letzten Metallpartikels aus dem Mund.

pip: Herzlichen Dank, Herr Professor.