Navigierte Chirurgie und die Delegation des Prozesses der Planung und Anfertigung der Bohrschablone – für die einen ist es eine inzwischen etablierte und hilfreiche Technik, andere fürchten den Verlust von Entscheidungskompetenz und gar forensische Konflikte. Dabei liegen bei einem guten Dienstleister die Entscheidungshoheit – Pilotbohrung oder voll navigiert, zahn- oder schleimhautgetragen – und auch die Eingriffsmöglichkeiten innerhalb des gesamten Planungsprozesses – ganz beim Behandler. pip sprach mit Priv.-Doz. Dr. Dr. Henning Hanken, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie vom Universitätsklinikum Eppendorf, über seine Erfahrungen.

pip: Was halten Sie vom Satz ‚Wer Bohrschablonen zum Implantieren braucht, sollte besser gar nicht damit anfangen’?

Henning Hanken: Ich denke mal, wir haben hier am UKE hinreichend komplexe Fälle, um uns eine ausreichende implantologische Kompetenz zuzutrauen, insofern zielt Ihre Frage in die falsche Richtung. Wenn es darum geht, ob jemandem durch geführte Chirurgie geholfen würde, der keine Erfahrungen hinsichtlich der anatomischen Strukturen und der über keine guten chirurgischen Fähigkeiten verfügt, haben Sie sicherlich Recht: Bohrschablonen sind keine Unterstützung für Anfänger. In Händen versierter implantologisch tätiger Zahnärzte oder Chirurgen sind sie aber ein sehr hilfreiches Tool. Außerdem sollte man sich von der Frage verabschieden, ob man schablonengeführt vorgehen muss – intraforaminär muss ich aus chirurgischer Sicht gar nichts, es kann aber dennoch prothetisch von großem Vorteil sein, weil die Einschubrichtung dann stimmt.

pip: Hat man als Behandler keine Sorge, zu viel Kompetenz an ein Planungszentrum ‚abzugeben’?

Henning Hanken: Anfangs haben wir die
 Planungen am PC sogar noch selber
gemacht, aber ehrlich gesagt, erscheint dies bei der heutigen Personalsituation wenig sinnvoll bzw. die Zeit dafür zu schade – wir werden hier am Patienten und im OP gebraucht. Daher nehmen wir den Service eines Planungszentrums gern in Anspruch, was konkret bedeutet, dass anhand unserer diagnostischen Daten eine Planung erstellt und diese dann in einem gemeinsamen Webmeeting, vorzugsweise in Anwesenheit sowohl des Chirurgen, des Prothetikers und des Zahntechnikers, detailliert durchgesprochen wird. Wir sehen also jede Planung und können jederzeit eingreifen und damit geben Sie auch letztendlich die ‚Hoheit‘ über die Planung eben gerade nicht ab.

pip: Bei welchen Indikationen gehen Sie vorzugsweise navigiert vor?

Henning Hanken: Wir haben hier am UKE sehr aufwendige Fälle, die Sie in einer normalen niedergelassenen Praxis gar nicht behandeln können und wollen. Wir reden hier von komplexen Rekonstruktionen wie etwa mit Fibula-Transplantaten. Das sind genau die Fälle, bei denen wir inzwischen sehr gern navigiert vorgehen. Die gemeinsame Planung und der Nutzen des Netzwerks aus Prothetikern, MKGlern und Technik, auch aber die Erfahrung eines Planungspartners, in deren Labor eine große Menge Daten und Fälle und damit auch Know-How zusammenfließt, ist da enorm hilfreich. Bei uns geht es ja um sehr essentielle Fragen: Kann man das überhaupt prothetisch versorgen? Ab wann könnte dieser Patient wieder essen? Das vielzitierte Backward Planning bekommt da ganz andere Dimensionen. Implantate setzen an sich mag noch recht einfach sein, aber der prothetische Aspekt muss passen. Daneben sind wir am UKE natürlich auch ein Ausbildungsbetrieb, und auch hier erweist essich als enorm hilfreich, wenn Sie sich mit unangenehmen anatomischen Situationen bereits am PC beschäftigen konnten: Sie gehen deutlich vorbereiteter und damit sicherer in die Operation. Auch die Lernkurve wird durch diese Prozesse spürbar beschleunigt. Letztlich geht es auch um die Sicherheit: Auf die Strukturen gut vorbereitet zu sein und sicher an empfindlichen Stellen vorbeizukommen, gibt auch hier ein sehr gutes Gefühl.

pip: Wo sehen Sie noch Limitationen bei der schablonengeführten Chirurgie?

Henning Hanken: Zahngetragen ist die Technik mittlerweile sehr zuverlässig, bei den rein knochen- oder schleimhautgetragenen Verfahren sollte man sich bereits in der Planung markante Punkte wie Knochenkanten oder ähnliches merken und grundsätzlich vorsichtig vorgehen. Auch der Hersteller weist hier aber darauf hin, in solchen Fällen die Schablone erneut am Modell anzupassen. Navigierte Chirurgie ist nicht idiotensicher, aber es erleichtert schon sehr, bereits im Vorfeld zu wissen, wo es langgeht.

pip: Herzlichen Dank, Herr Dr. Hanken, für dieses informative Gespräch.