Kaum ein anderes Thema scheidet aktuell so die Geister wie der Einsatz von Keramik-Implantaten. Wo die einen spätestens mit Vorliegen zweiteiliger Systeme nur noch Vorteile sehen, bemängeln die anderen weiterhin eine immer noch vergleichsweise dünne Datenlage und sehen die Loblieder auf die Periimplantitis-Vermeidung als verfrüht. pip sprach mit Dr. Tristan Schiele, der sich bereits seit einigen Jahren theoretisch und praktisch mit dem Thema befasst hat.

Sie dürfen als „early adpopter“ bezeichnet werden – was hat Sie an Keramikimplantaten in erster Linie überzeugt?

Schiele: Naja – wenn man bedenkt, dass das Tübinger Sofortimplantat aus Aluminiumoxidkeramik schon vor mehr als 40 Jahren entstanden ist, stellt sich die Frage, wer sich heute „early adopter“ nennen darf. Auch wenn dieser Typ damals noch mit etlichen Problemen und vor allem prothetischen Einschränkungen behaftet war, beschäftigen sich sicherlich sehr viele Kollegen schon seit längerer Zeit mit dem Thema. Ich zähle eher zu denjenigen, die sich mit der neuen Generation, den zweiteiligen Keramikimplantaten, sofort und begeistert befasst haben. Ich denke auch, wenn man als Zahnarzt heute den Anschluss behalten will, sollte man über ein breites Angebotsportfolio für den Patienten verfügen und sich auch auf dem aktuellen Stand halten. Die materialtechnischen Entwicklungen bei Keramikimplantaten und die damit eröffnete Möglichkeit der Zweiteiligkeit war für mich sofort interessant. Zweiteiligkeit, eine sehr stabile Zirkondioxidkeramik und die neue prothetische Flexibilität, wie wir sie vom Titan gewohnt sind, und all das verbunden mit einer erheblich verbesserten Oberfläche heben die Osseointegration von Keramikimplantaten nun auf ein dem Titan wirklich vergleichbares Niveau. Hinzu kommt ein inzwischen sehr leicht nachvollziehbares implantatchirurgisches und –prothetisches Konzept, was nicht mehr ein Dutzend Zusatzteile und –instrumente erfordert, sondern mit einigen Grundkomponenten durchführbar ist. Zu guter Letzt wäre natürlich die ausgesprochen gute Bioverträglichkeit bzw. reduzierte Plaqueakkumulation zu nennen. Die Summe all dieser Einzelheiten hat mich überzeugt, in Ergänzung zu Titanimplantaten nun auch Keramikimplantate zu setzen.

Waren die prothetischen Einschränkungen bei den zunächst vorliegenden einteiligen Systemen für Sie kein Problem?

Schiele: Doch, und zwar ein gravierendes. Bei den einteiligen monolithischen Systemen muss ich Kompromisse machen. Aus chirurgischer Sicht möchte ich meinem Patienten aber keinen Knochenaufbau anbieten, der nicht zwingend notwendig ist. Die einteiligen Systeme müssen eigentlich auf Anhieb perfekt implantiert werden – ich habe aber oft dafür gar nicht die beim Patienten optimalen Bedingungen. Ein Beschleifen des Abutments ist bei vielen Systemen gar nicht oder nur bedingt frei gegeben. Ich schaffe aber bei einem reduzierten Knochenangebot gar nicht die perfekte Angulation. Damit kann ich längst nicht alle Fällen ohne größeren Aufwand für mich und meinen Patienten mit einteiligen Keramik-Systemen versorgen.

Lange schien es, als müsse man sich prothetische Flexibilität mit Kompromissen bei der Stabilität erkaufen, und umgekehrt – welche Erfahrungen haben Sie mit dem zweiteiligen, reversibel verschraubbaren Zeramex XT?

Schiele: Das Zeramex XT gibt mir, ebenso wie das Zeramex P6, da wirklich eine große Flexibilität. Wobei ich mit dem XT nun auch ästhetisch anspruchsvolle Fälle lösen kann, bei denen ich mit dem P6 an Grenzen gestoßen bin. Bei einem Tissue-Level-Implantat besteht in der ästhetischen Zone immer die Gefahr, dass ein, wenn auch keramik-weißer, Rand zu sehen ist – in der Front ist das für mich inakzeptabel. Das XT bezeichne ich gern als „Semi-Bone-Level“, da ich es fast vollständig im Knochen versenken kann. Ich vereine mit dem XT also alle bekannten Vorteile bei der Osseointegration, Stabilität und der prothetischen Vielfalt bei gleichzeitig dem einzigen wirklich metallfreien System, da auch die Verbindungsschraube aus karbonfaserverstärktem PEEK besteht. Damit habe ich neben meinen Titanimplantaten auch eine völlig metallfreie Alternative für meine Patienten, bei der ich dennoch bei meinen gewohnten und bewährten Protokollen keine Kompromisse machen muss.

Wo sehen Sie immer noch Einschränkungen in der Patientenauswahl, bei der Indikation oder auch in der Ausbildung und dem Kenntnisstand des implantologisch tätigen Zahnarztes?

Schiele: Ich kläre alle meine Patienten im Rahmen der Vorbehandlung über vorhandene Implantatsysteme, Materialien und deren Vor-und Nachteile auf. Keramikimplantate der Neuzeit sind für mich kein „Ersatz“ sondern eine inzwischen gleichwertige Ergänzung für Titanimplantate. Nur zugunsten einer Keramikversorgung würde ich aber meinem Patienten keinen Knochenaufbau anbieten, wenn ich es mit einer Titanversorgung ohne geschafft hätte. Je nach Implantatposition benötigen keramische Implantate einen bestimmten Durchmesser. Auch diese ist klinisch bei einigen Patienten einfach nicht vorhanden. Falls keine Titanunverträglichkeit vorliegt, und der Patient dem Material nicht grundsätzlich gegenüber abgeneigt ist, empfehle ich in solchen Fällen durchaus auch noch die Titanvariante. Habe ich wiederum einen Patienten mit einer Unverträglichkeit oder einer grundsätzlichen Abneigung gegenüber metallischen Komponenten, habe ich nun eine solide Alternative. Es ist für uns Zahnärzte heute dabei immer wichtiger, unsere Patienten korrekt und vollständig aufzuklären. Falls ich im Rahmen meiner Aufklärung nicht die keramische Alternative erwähne, und der Patient das Titanimplantat später aufgrund einer Unverträglichkeit (Jacobi-Gresser et al. 2013, International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery) verliert,  habe ich ein Problem.  Auch wenn die Meinungen einiger Kollegen Keramikimplantaten gegenüber noch kritisch sind, sollte man zumindest die Möglichkeit im Auge behalten und den Patienten entsprechend aufklären. Im Sinne von „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“ sollte das meines Erachtens auch in der modernen implantologischen Ausbildung so berücksichtigt werden.

Bleiben noch Wünsche offen im Bereich der Keramikimplantate?

Schiele: Definitiv – aber auch nicht nur bei Keramikimplantaten.  Die absolute Perfektion kann, glaube ich, noch kein System für sich beanspruchen. Ganz dringend wünsche ich mir bei Keramikimplantaten aber eine Erweiterung des prothetischen Produktkatalogs in Hinblick auf die digitalen Arbeitsprozesse. Scanbodies für den digitalen Workflow sind in meinen Augen heute ein Muss für Anbieter von modernen Implantatsystemen. Außerdem benötige ich mehr prothetische Flexibilität für komplizierte prothetische Arbeiten, beispielsweise für die Herstellung individueller Abutments, um langfristig wirklich jeden Fall lösen zu können. All dies soll aber innerhalb der nächsten Monate kommen.Daneben drängen immer mehr Anbieter auf den Markt, die Implantate zu einem günstigeren Preis anbieten. Derzeit unterscheiden sich die Hersteller von Keramikimplantaten wenig von den marktführenden Titan-Herstellern. Langfristig sehe ich in beiden Bereichen eine deutliche Reduzierung der Preise als notwendig, damit wir viel mehr Patienten von einer implantologischen Versorgung und deren objektiven Vorzügen überzeugen können.

Herzliches Danke für dieses Gespräch.

Dr. Tristan Schiele

Dr. Tristan Schiele