Bei Hyaluronsäure (HA) denken die meisten spontan an Faltenunterspritzungen und zum Teil bizarr aufgepumpte Lippen. In einer anderen Zusammensetzung zeigt sich der Wirkstoff aber als sehr versatil und effizient bei regenerativen dentalen und parodontalen Anwendungen. Erneut scheint die spezifische Zusammensetzung im Einsatz bestimmter Indikationen eine wesentliche Rolle zu spielen – pip sprach mit Dr. Frederic Kauffmann, der aktuell sein ITI-Stipendiat in Michigan an der Universität von Ann Arbor absolviert.

pip: Gängig drängt sich beim Begriff ‚Hyaluronsäure‘ die Assoziation einer gewissen Schummelei auf …

Frederic Kauffmann: Das kann ich so nicht bestätigen. Es ist eher die Assoziation mit ästhetischen Einsatzgebieten, die allerdings mit denen in der Zahnmedizin nichts gemein haben. Auch ist die ‚moderne‘ heute erhältliche Hyaluronsäure (HA) in keiner Weise mit der von vor wenigen Jahren vergleichbar. HA hat sich zu einem Produkt gemausert, welches für Patient und Behandler gleichermaßen Vorteile bringt.

pip: ‚Pimp my papilla‘, oder was bewirkt Hyaluronsäure genau, und an welchen Einsatzorten?

Frederic Kauffmann: Papillenaugmentation ist das
erste, was man mit Hyaluronsäure assoziiert, 
allerdings bewerten wir diese Indikation
sehr kritisch, da die Ergebnisse nicht erfolgversprechend sind. Im Gegensatz dazu haben
wir gute Erfahrung mit Hyaluronsäure bei
der chirurgischen Anwendung zur Unterstützung von regenerativen Prozessen sowohl bei
 Hart- als auch Weichgewebe gemacht. HA fördert die Wundheilung auf mehreren Ebenen. Zum einen bindet die Hyaluronsäure freie Flüssigkeit, was zu einer reduzierten Schwellung führt und durch den geringeren Druck die Blutversorgung begünstigt. Zum anderen wirkt sie bakteriostatisch, beschleunigt die Angiogenese und unterstützt so die regenerativen Prozesse. Hierdurch verschiebt sich das einstige Einsatzfeld der ‚Papillenaugmentation‘ in das deutlich besser steuerbare Feld der regenerativen Parodontologie, in den Bereich der Knochenaugmentation zur Stabilisierung von KEM und zur Weichgewebsaugmentation, alleine oder in Kombination mit BGT, FST.

pip: Sind das bislang rein klinische Beobachtungen?

Frederic Kauffmann: Zum Glück nicht nur klinische Beobachtungen. Es gibt eine ganze Reihe an Studien, unter anderem der Gruppe um Anton Sculean aus Bern, welche die positive Wirkung auf parodontale Zellen zeigen, eine klinische Vergleichsstudie zum Einsatz von Hyadent BG zur Rezessionsdeckung und mehrere Arbeiten, die den positiven Effekt auf die Wundheilung und das Patientenwohlbefinden zeigen. Auch gibt es Arbeiten, welche die bakteriostatische Wirkung darlegen. Eliezer aus Bern zeigt das Potenzial von Hyaluronsäure bei Problempatienten, bei diabetischen Ratten wird die Fremdkörperreaktion durch Hyaluronsäure gebremst und die pathologischen Abbaureaktionen verlangsamt. Andere zeigen eine verbesserte knöcherne Regeneration, zum Beispiel in Extraktionsalveolen, und es gibt mehrere Reviews, unter anderem von Kristina Bertl aus Malmö. Die Studienlage ist also durchaus solide.

pip: Diese Eigenschaften klingen nach einer Kombination aus PRF/PRGF und Schmelz-Matrixproteinen? Wie effektiv ist Hyaluronsäure im Vergleich zu diesen Substanzen?

Frederic Kauffmann: Da keine direkten Vergleichsstudien vorhanden sind, lässt sich das natürlich nicht sicher sagen, aber die bisher publizierten Ergebnisse mit Hyaluronsäure deuten stark darauf hin, dass diese eine echte Alternative darstellen kann, speziell in Situationen, in denen auf tierische Eiweiße verzichtet werden soll oder muss.

pip: Ist Hyaluronsäure gleich Hyaluronsäure?

Frederic Kauffmann: Die Hyaluronsäure, über die häufig gesprochen wird, ist jene tierischen Ursprungs. Diese ist neben ethischen Gründen ebenso wegen des Risikos viraler Infektionen nicht mehr angemessen und praktisch nicht mehr erhältlich. Die heutigen ‚modernen‘ Herstellungsmethoden für Hyaluronsäure wie beispielsweise Hyadent oder Hyadent BG von Regedent greifen auf bakterielle Fermentation zurück – ähnlich wie bei der Herstellung von Insulin – und zeigen hier keine bekannten/publizierten Nebenwirkungen. Neben den Herstellungsprozessen sind auch die Abbauzeiten unterschiedlich. So baut sich natürliche Hyaluronsäure eher schnell ab. Da für die meisten Einsatzgebiete eine längere Verweildauer wünschenswert ist, kann diese mit bewährten chemischen Verfahren verlängert werden. Hyaluronsäure ist also nicht gleich Hyaluronsäure.

pip: Worin unterscheiden sich die beiden Darreichungsformen Hyadent und Hyadent BG?

Frederic Kauffmann: Hyadent ist ein natürliches Hyaluronsäure-Gel mit einem relativ schnellen Resorptionsprofil von wenigen Stunden. Hyadent BG ist eine Mischung aus vernetzter HA und einem kleinen Teil natürlicher HA mit einem deutlich langsameren Resorptionsprofil von rund drei bis vier Wochen. Als Daumenregel kann man sagen, dass bei allen Eingriffen, die durch eine längere Standzeit der HA begünstigt werden können, Hyadent BG – also die langsam resorbierbare Hyaluronsäure – eingesetzt werden sollte wie zum Beispiel bei umfangreichen Weich- und Hartgewebsaugmentationen oder zum Anteigen von Knochenersatzmaterial. Die schneller resorbierbare Hyaluronsäure Hyadent kann als ,Heilungsbooster‘ verstanden und für alle Eingriffe verwendet werden, in denen die Heilung begünstigt werden soll.

pip: Herzliches Danke für dieses Gespräch, Herr Dr. Kauffmann