Auch wenn sich die Panik, das Land könne von I-MVZ geflutet werden, gelegt hat – investorengetragene Praxiseinheiten führen immer noch zu Verunsicherung und stark polarisierenden Diskussionen. pip als erklärter Fan der niedergelassenen Praxis hört sich einmal die andere Seite an.

Interview mit Dr. Jörn Thiemer, CEO KonfiDents

pip: Was haben Sie als ‚Heuschrecke‘ denn zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?

Jörn Thiemer: Zunächst würde ich Sie bitten, an das Thema genauso vorurteilsfrei heranzugehen, wie es sich gehört. Die ‚Mär von dem bösen Investor und dem guten Zahnarzt‘ dürfen Sie ebenfalls beiseite legen. Ich räume ein, dass es diese umsatzoptimierten Strukturen geben mag, würde Sie aber bitten, nicht alle über den berühmten Kamm zu scheren. Einen großen Unterschied bei uns erkennen Sie allein daran, dass wir uns einen zahnmedizinischen Beirat leisten, der vom Investor nicht nur unwillig zugelassen, sondern sehr intensiv zu Rate gezogen wird. Und ich bin, soweit ich weiß, der einzige zahnmedizinische CEO einer investorengetragenen MVZ-Gruppe in ganz Deutschland. Bei uns haben die Investoren verstanden, dass ein zahnmedizinisches Versorgungszentrum nicht mit rein betriebswirtschaftlicher Expertise geführt werden kann.

pip: Auch Ihre Investoren werden in erster Linie die Rendite im Auge haben …

Jörn Thiemer: Na hoffentlich! Das sollte übrigens jeder niedergelassene Zahnarzt. Denn ohne Rendite beziehungsweise gesunden Praxisertrag keine glücklichen Mitarbeiter und Patienten – und bald auch keine Praxis mehr. Solange eine Rendite nicht unter irgendeinem Druck erzeugt werden muss, ist dagegen absolut nichts zu sagen.

pip: Bei Ihnen gibt es also keine Vorgaben à la ‚ab sofort 100 Implantate mehr im Monat‘?

Jörn Thiemer: Schauen Sie sich die Zahnärzte in unserer Gruppe doch einmal an. Das sind allesamt altgediente Spezialisten ihres Fachs, echte Alphatiere – glauben Sie, die würden sich von einem BWLer solche Ansagen machen lassen? Das sind alles Zahnärzte, die in ihrer Region einen über lange Jahre aufgebauten guten Ruf zu verlieren haben. Im Gegenteil, bei uns will der Investor die Meinung und die Vorstellungen der zahnmedizinischen Fachleute hören. Beredter Beleg für das Engagement ist nicht zuletzt auch unser internes Fortbildungsprogramm – das leistet sich kein Investor, der nur auf schnelles Geld aus ist. Wobei übrigens auch die Vorstellungen der Zahnmediziner in betriebswirtschaftlichen Belangen bisweilen korrigiert werden müssen – wie auch nicht, dieses Fach gehört unverändert nicht zur universitären Ausbildung, obgleich es heute eine enorme Wichtigkeit hat. Bestimmte Synergien innerhalb einer Gruppe sind absolut sinnvoll, so lange sie mit Augenmaß geschehen und nicht der einen Praxis Muster aufdrücken, nur weil sie in einer anderen funktionieren, ohne Rücksicht auf Region, Patientenklientel und die gewachsene Praxistradition und -philosophie. Ich bewege mich also als sachverständiger Mediator zwischen der zahnmedizinischen Expertise und dem betriebswirtschaftlichen Know-how.

pip: Der niedergelassene Praktiker wird also doch eines Tages von MVZ überrannt?

Jörn Thiemer: Nein, auch da sollte die Emotionalität raus aus der Diskussion. Die niedergelassene Einzelpraxis wird es auch in Zukunft geben – und sicher zu einem weiterhin hohen Anteil. Aber zum einen haben wir aktuell einen hohen Praxis-Abgabedruck, zum anderen eine junge Generation, mit eigenen Vorstellungen einer Work-Life-Balance sowie dem bekannt hohen weiblichen Anteil, die mehr in Anstellungsverhältnisse drängen. Das MVZ ist hier einfach eine weitere Option der beruflichen Selbstverwirklichung, ohne Universalanspruch.

pip: Was soll mich denn als junge Zahnärztin oder Zahnarzt zu Ihnen locken?

Jörn Thiemer: Allein schon ein sicher in keiner niedergelassenen Praxis so durchführbares Führungskräfte-Programm, bei dem Sie von wichtigen BWL-Grundlagen über Marketing, Patientenführung und -kommunikation sowie Personalmanagement alles lernen können, was eine erfolgreiche Praxis heute ausmacht. Sie können daneben ortsunabhängig bei verschiedenen Spezialisten arbeiten und sich viel abschauen und Ihre eigene Spezialisierung herausbilden. Und wenn Sie mögen, können Sie eines Tages die zahnärztliche Leitung eines Zentrums übernehmen, ohne die damit verbundenen finanziellen und persönlichen Risiken und Langzeitverpflichtungen wie bei einer Einzelniederlassung. Ehrlich: Ich fände das als Jungzahnarzt enorm attraktiv.

pip: Vielen Dank für dieses Gespräch.