Auch ein Fahrschüler lernt das Autofahren nicht allein mit Kenntnis der Theorie, denn das Zusammenspiel von Handgriffen und Zeitabläufen ist von entscheidender Bedeutung und will geübt sein. Am besten mit einem Experten an der Seite, der vor Fehlern bewahrt und eingreifen kann, ehe ein Unheil geschieht.

Ich hatte schon zig Kurse mit Phantom- und Schweinekiefern hinter mir, meine Frau warf mir schon „sozial anerkannte Familienflucht“ vor, weil ich nach all den Fortbildungen immer noch nicht das nötige Selbstvertrauen hatte, in den Knochen hineinzubohren. Bis ich endlich auf einer Fortbildungsreise in Cuba die Gelegenheit bekam, mit einem Lehrer an der Seite,endlich einmal den Knochen tatsächlich zu spüren. Danach war das Thema für mich entmystifiziert und seitdem implantiere ich stetig mehr und durchweg erfolgreich. Die Erfahrung hat mich nicht übermütig gemacht, aber endlich den entscheidenden Schritt weiter gebracht.

Die Vorstellung, dass eine Horde Hunnen im Urwald einem Grüppchen bestochener armer Farbiger willkürlich Implantate einpflanzt und die armen Wilden danach ihrem Schicksal überlässt, ist totaler Schwachsinn. Ich habe die Fortbildung von A-Z als perfekt durchorganisiert erlebt. Die Klinik und deren Standards halten einem Vergleich mit einem akademischen Lehrkrankenhaus hierzulande absolut stand. Die Arbeitsgruppen waren klein gehalten, so dass wirklich stetig alle Schritte unter Anleitung und Supervision erfolgen konnten. Die Übungsleiter beurteilten auch sehr genau den Kenntnisstand des Einzelnen und teilten die einfachen oder komplexeren Fälle entsprechend zu. Auch die lokalen Partner profitierten enorm vom Wissenstransfer und den internationalen Behandlungsstandards. Bei einer zweiten Reise bat ich ausdrücklich darum, den von mir behandelten Patienten wieder zu treffen und konnte mich über dessen tadelloses Ergebnis wirklich freuen. Die Erfahrungen mit diesen Kursen bei den Einheimischen sind so gut, dass die Behandlungsplätze inzwischen oft von Familienmitgliedern des Klinikpersonals weggeschnappt werden, die teilweise dafür von weit her anreisen. Dem wäre garantiert nicht so, wenn man die Patienten als Versuchskaninchen missbrauchte und sie verpfuscht und mit Schmerzen zurückließe.

Die Frage sollte, bei aller Annehmlichkeit des warmen Klimas und der sprichwörtlichen karibischen Lebensfreude doch sein, wieso wir für solche Gelegenheiten überhaupt so weit reisen müssen, und solche Trainingsgelegenheiten nicht auch in Behandlungscamps in der Eifel angeboten werden. Auch in Deutschland und Europa gibt es Patienten, die sich unter normalen Voraussetzungen eine implantologische Behandlung nie leisten könnten und die sicher bereit wären, sich unter der Kontrolle eines Erfahrenen in Behandlung eines Anfängers zu begeben. Ohne unseren Beruf wieder auf das Niveau des Baders zu setzen: Friseure suchen dauernd zu Sonderkonditionen „Schneidemodelle“ und weisen auf Risiken des Berufsanfängern hin – da muss auch keiner befürchten, mit Glatze den Salon zu verlassen. Die meisten Frauen sähen darin sicher eine größere Katastrophe als sie beim kontrollierten, von Experten begleitetem,Implantieren je eintreten könnte.

Gutmenschen, die in Drittweltländer reisen und die armen Unterprivilegierten, die sich niemals eine Implantatbehandlung leisten könnten, mit dentalem High Tech beglücken – „sorry,“ – aber – „too good to be true“.

Wer jemals als Tourist die Karibik bereist hat, weiß, dass es bei Hygiene und Logistik der sicherlich perfekt aufgestellten internationalen Reiseanbieter oft hapert. Haiti ist auf der gleichen Insel wie die DominikanischeRepublik, man sieht gerade, welch bodenlose Zustände dort ein Jahr nach dem schrecklichenErdbeben und trotz Bemühens internationaler Hilfsorganisationen und Spenden immer noch herrschen. Kubabekommt nicht einmal grundlegende Gesundheitsstandards in den Griff. Und da will mir einer erzählen, mit etwas Organisationsgeschick etabliere man in diesen Regionen eine Insel implantologischen Well-Beings mit chirurgischer und prothetischer Versorgung vom Feinsten und einem Recall-System, nach dem sich die deutsche Provinzpraxis die Finger lecken würde? 
„Patientenmaterial“ – das schlimme Wort wähle ich bewusst – ist sicher ausreichend vorhanden, aber es gäbe auch in Deutschland genügend Hartz-IV-Empfänger, die niemals in den Genuss einer implantologischen Behandlung kämen. Hier gibt es nur keine Palmen, auf die jede Ethik-Kommission sofort gehen würde. Mich überkommt bei diesem Medizintourismus ein ganz ungutes Gefühl. Allein die Aussage „Sie setzen in einer Woche garantiert 50 Implantate!“ verursacht Bauchweh. Werden hier Behandlungskonzepte entwickelt oder einfach Schrauben in Kiefer gedreht? Wie sieht es mit der Prophylaxe und einer parodontalen Vorbehandlung aus? Intraoperative Röntgenkontrollen oder komplexere Eingriffe dürften allein bei den örtlichen Stromschwankungen oft ein Abenteuer sein. Das Implantat ist für mich ein Baustein in einem synoptischen Behandlungskonzept – und davon soll es mal eben auf Bestellung 50 in 5 Tagen geben?

Diese postkolonialistische Attitüde auch noch als tatkräftige Entwicklungshilfe zu verkaufen, ist pure Heuchelei. Die meisten dieser Länder haben sicherlich dringlichere Probleme, die CO2-Bilanz jener 50 Implantate ist auch lausig. Und was ist, wenn das Implantat später Probleme bereitet?

Ein erfahrener Zahnarzt kann nach den von den Fachgesellschaften und auch der Industrie oder einzelnen Behandlern angebotenen Hands-On-Kursen an Phantomköpfen und Schweinekiefern ganz sicher verantwortungsvoll mit einfacheren Implantationen anfangen und sich mit dem Besuch anspruchsvollerer Kurse und der Durchführung komplexerer Fälle langsam steigern. Ganz wesentlich für die Erfahrung ist die Langzeit-Verfolgung der persönlich behandelten Fälle. Eine schöne Zeit unter Palmen dürften sich die meisten Kollegen auch ohne Fortbildung leisten können.