Ob wegen tatsächlicher Unverträglichkeit auf eines der konventionellen Materialien oder schlicht, weil der Patient die Vorstellung eines „weißen Implantates“ einfach schöner findet – die Nachfrage nach Keramik-Implantaten steigt offenkundig. Was einst eine Nischenindikation für esoterisch angehauchte  Ganzheitsmediziner schien, ist heute in der implantologischen Praxis angekommen. pip sprach dazu mit Dr. Dr. Andreas Borst, der in Ulm gemeinsam mit seiner Frau Dr. Farima Borst eine Praxisklinik mit Schwerpunkt Implantologie und Parodontologie betreibt.

pip: Sie als hartgesottener MKGler – Würden Sie tatsächlich behaupten, dass Versorgungen auf Basis Keramik-Implantaten in Ihrer Praxis eines Tages mit Titanimplantaten gleichziehen könnten ?

Andreas Borst: Was heißt hier „hartgesotten“ – ich mag schulmedizinisch ausgebildet sein, habe aber schon immer auch über den Tellerrand geschaut. Generell sollte man ganzheitlich und naturmedizinisch orientierte Behandler nicht sofort in so ein falsches Licht rücken. Wir setzen in unserer Praxis schon seit über zehn Jahren regelmäßig Keramik-Implantate und haben in diesem Zuge tatsächlich viele Kontakte zu Natur-und Umweltmedizinern und auch zu Heilpraktikern. Für mich entscheidend sind in erster Linie die Heilerfolge, und die bisher in unserer Praxis gesetzten 1500 Keramikimplantate zeigen überwiegend großen Erfolg.

pip: Was ist für Sie „überwiegend“..?

Andreas Borst: Man muss hier unterscheiden zwischen den einteiligen und zweiteiligen Systemen. Einteilige Systeme zeigen eine höhere Verlustrate, allerdings zumeist Frühverluste. Bei den zweiteiligen Systemen wie beispielsweise dem Zeramex XT sind die Verluste außerordentlich gering und mit den sehr hohen Erfolgsraten der dentalen Titanimplantate absolut vergleichbar. Bei den einteiligen Keramik-Implantaten führen wir die Verluste fast ausschließlich auf mechanische Probleme in der Einheilphase zurück. Hier muss die Patientenauswahl sehr selektiv erfolgen, und die Provisorien müssen sehr gut angepasst sein.

pip: Wie sehen Sie die ungebrochenen Diskussionen beim Material, bei der Implantat-Abutmentverbindung, der Bruchfestigkeit und den prothetischen  Einschränkungen bei Keramik-Implantaten?

Andreas Borst: Es gibt schon sehr große Unterschiede im aktuellen Angebot. Irgendwelche Hybride mit innenliegenden Titanschrauben will der ganzheitlich orientierte Patient nicht haben. Meine Erfahrung zeigt, dass es sich bei der Carbonschraube beim Zeramex-System um ein extrem belastbares Hochleistungsmaterial handelt. Bei innenliegenden Keramikschrauben bin ich auch eher skeptisch – hier ist es rein physikalisch nicht zu erklären, wie diese beiden harten Materialien gegeneinander wirken sollen, ohne dass es zu Riss- oder Frakturbildung kommt. Bei den zweiteiligen Systemen mit Carbonschraube haben wir bisher eine Einheilrate von 100% und noch keinen einzigen Verlust. Auch Chipping-Effekte, Schraubenbrüche oder gar Schraubenlockerungen konnten wir bisher keine einzige beobachten. Sicherlich liegt das auch an der speziellen Zusammensetzung der Keramik des Herstellers Dentalpoint. Ich schätze zudem das übersichtliche Chirurgie-Kit und die speziell auf das System abgestimmten Aufbereitungsinstrumente. Sehr schön sind vor allem auch die ästhetischen Ergebnisse, das Weichgewebe verhält sich an der Keramik sehr unauffällig und schön. Wenn es aktuell noch etwas zu bemängeln gibt, sind das die noch fehlenden klinischen Langzeitdaten und die damit nicht ausreichende wissenschaftliche Evidenz über Beobachtungszeiträume von mehr als zehn Jahren.

pip: Titanallergie bzw., wie es korrekt heißen muss, Titanunverträglichkeit scheint ja ein spezifisch deutsches Problem…?

Andreas Borst: Eine im Titanstimulationstest nachgewiesene Titanunverträglichkeit stellt lediglich einen Risikofaktor für einen Titanimplantat-Verlust dar. Ein positives Testergebnis stellt also keine absolute Kontraindikation für eine Titanimplantation dar. Titanoxid ist übrigens ein zugelassener Lebensmittel-Farbstoff,  E171, der nach aktuellem Wissensstand auch eine Schädigung des Darm-Mikrobioms bewirken kann. Daneben findet sich der Stoff als Weißmacher auch in Sonnenschutzmitteln, in Zahncreme und in Kaugummis und vielem mehr, die Menschen werden also permanent damit belastet. Die Studienlage zur Titanunverträglichkeit ist sehr dünn, immer wieder wird dieselbe Literaturstelle aus dem Journal of Oral and Maxillofacial Surgery aus dem Jahr 2013 zitiert. Fakt ist aber, dass Sie klinisch bei solchen Patienten diesen ganz charakteristischen zirkulären Knochenabbau um das Implantat beobachten können; eine Entzündungsreaktion auf die durch Abrieb im Implantat-Knochen-Interface lokalisierten Titanoxidpartikel.

pip: Die Aussage, Periimplantitis sei eine reine „Titanerkrankung“, halten wir für doch für etwas gewagt – wie sind Ihre Erfahrungen in Ihrer Klinik?

Andreas Borst: Wie immer sollte man nun nicht völlig undifferenziert werden: Die Tatsache, dass Keramik im Kontakt mit den Weichgeweben äußerst verträglich erscheint, bedeutet nicht, dass man nun fröhlich alle Regeln im Umgang mit Knochen und Weichgeweben über Bord werfen kann. Wesentlich auch bei Keramikimplantaten ist eine zirkuläre knöcherne Integration für ein stabiles Langzeitergebnis. Immer wieder getätigte Aussagen, vestibuläre knöcherne Dehiszenzen seien mit diesen Materialien hinnehmbar, kann ich so nicht bestätigen. Auch die Regel einer ausreichend breiten attached gingiva gilt ungebrochen. Eigenknochen ist bei Augmentationen unserer Erfahrung nach auch die bessere Kombination mit Keramik-Systemen: Das vitale Gewebe führt zu einer vorhersagbareren und schnelleren Osteogenese. Daneben muss zwingend beachtet werden, dass Keramik-Implantate ein aufwändigeres OP-Protokoll einfordern als Titan. Schulterbrüche sind ein klassisches Problem des maschinellen Eindrehens, da es hier zum Verkanten kommen kann. Wir drehen Keramik-Implantate ausschließlich manuell ein. Absprengungen, Risse oder gar Brüche konnten wir so bisher sicher vermeiden. Wenn die Besonderheiten des Materials beachtet, die Vorgehensweise angepasst wird, und eine zirkuläre regelhafte Osseointegration besteht, können deutlich weniger periimplantäre Entzündungsreaktionen beobachtet werden – das gilt über unseren gesamten über zehnjährigen klinischen Beobachtungszeitraum.

pip: Herzliches Danke für dieses Gespräch.