Auch wenn der Anteil der in den Zahnarztpraxen gesetzten Keramikimplantate immer noch im niedrigen einstelligen Bereich liegt, wird aktuell kaum ein Thema so begeistert auf der einen und so kontrovers auf der anderen Seite diskutiert. Impulsgeber sind auch Patienten. Sie sprechen eine Versorgung mit Implantaten aus Keramik deutlich aktiver an als eine Versorgung mit konventionellen Titanimplantaten. Im November 2017 gründete sich in Zürich mit der ESCI die European Society for Ceramic Implantology und trat im Sommer 2018 an die Öffentlichkeit. pip sprach mit ESCI-Präsident Dr. Jens Tartsch aus dem Schweizer Kilchberg.

pip: Wir haben inzwischen die 3. Fachgesellschaft für eine Behandlungsalternative (Keramikimplantate), die im unteren einstelligen Prozentbereich angewandt wird – sind eigentlich alle noch zu retten?

Jens Tartsch: Ich hoffe, dass man uns nicht zu retten braucht. Aber im Ernst … unter den von Ihnen beschriebenen Voraussetzungen würde ich Ihnen Recht geben. Eine geringe Anzahl von Anwendern braucht keine dritte konkurrierende Fachgesellschaft. Wir sehen diese Voraussetzung jedoch etwas anders. Der derzeit vergleichsweise noch niedrige Anteil soll laut Einschätzung verschiedener Experten in den nächsten zehn Jahren bis auf 10 Prozent und mehr steigen. Somit reden wir künftig sehr wohl von einer relevanten Anwenderschaft. Einer der Gründe für die Zunahme des Interesses ist die rasante Weiterentwicklung der Systeme – vor allem in den Bereichen Material, Oberflächengestaltung und Handling. Somit befinden sich die Überlebensraten der Keramikimplantate nahezu auf „Augenhöhe“ mit denen der Titanimplantate und beginnen, sich als ernst zu nehmende Ergänzung zu Titanimplantaten zu etablieren.

Dieser Prozess muss wissenschaftlich und evidenzbasiert begleitet werden, wofür es einer unabhängigen und neutralen Fachgesellschaft wie der ESCI bedarf. Damit ist die ESCI nicht die dritte, sondern eigentlich die erste und einzige echte Fachgesellschaft zum Thema Keramikimplantate. Die bereits bestehenden Vereinigungen bzw. Netzwerke sind durchaus willkommen, da sie ebenfalls das Thema voranbringen. Jedoch vereint lediglich die ESCI die Kennzeichen einer zahnmedizinischen Fachgesellschaft: Gründung aus der Zahnärzteschaft heraus, offene, transparente und demokratische Strukturen, Offenlegungspflicht, Mitglieder mit Stimmrechten, unabhängig von Firmen oder Produkten und keine Vermarktungs- oder Marketingplattform, sondern eine Non-Profit-Organisation.

pip: Fürchten Sie nicht gleichwohl, dass es die Lager wieder auseinandertreibt, statt Keramikimplantate neben Titanimplantaten als ganz normal koexistierende alternative Behandlungskonzepte in der dentalen Implantologie zu etablieren?

Jens Tartsch: Es liegt uns fern, Keile zwischen irgendwelche Lager zu treiben. Im Gegenteil: Es ist das erklärte Ziel der ESCI, Keramikimplantate als sinnvolle Ergänzung zu Titanimplantaten und als fundierte Erweiterung des Behandlungsspektrums auf wissenschaftlicher und klinischer Basis zu etablieren. Dabei werden wir objektiv und offen vorgehen. Wir sehen daher keine „Lager“ – wir wollen zusammenführen und nicht spalten oder polarisieren.

pip: Bestehende Fachgesellschaften suchen auch nach aktuellen spannenden Themen. Wieso haben Sie sich nicht einer der großen implantologischen Gesellschaften angeschlossen?

Jens Tartsch: Das hat verschiede Gründe. Natürlich wäre es einfach, auf bestehende Strukturen und Mitglieder aufzubauen. Jedoch wäre die ESCI damit exklusiv an eine dieser Fachgesellschaften gebunden. Die Mitglieder der anderen Gesellschaften wären außen vor. Wir müssen jedoch eine „keramik-interessierte Schnittmenge“ aus der gesamten implantologischen Anwenderschaft bilden – denn Keramik geht alle an! Auch müssen wir derzeit noch davon ausgehen, dass – bei allem Engagement – das Thema dentale Keramikimplantate innerhalb einer in der Tradition geborenen „Titangesellschaft“ ein Randthema bleiben wird. Um die Implantologie mit Keramikimplantaten für die Zukunft richtig zu positionieren, muss sie zum Hauptthema gemacht werden. Dies bedarf einiges mehr an Aufwand und eines Zusammenführens aller involvierten Gruppierungen. Das kann nur eine Gesellschaft leisten, welche dies zu ihrem Kernthema gemacht hat. Umsetzen lassen sich die Aufgaben nur in Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften. Wir sind daher für jegliche Form von Kooperationen offen, welche unseren Prinzipien an Unabhängigkeit, Neutralität und Wissenschaftlichkeit entsprechen.

pip: Wo sehen Sie derzeit Ihre wichtigsten Themen – in der korrekten Einordnung und Dokumentation und dem Vorantreiben der vorliegenden wissenschaftlichen Daten oder in einer größeren Fallzahl im klinischen Einsatz?

Jens Tartsch: Natürlich sind gesteigerte Fallzahlen die logische Konsequenz einer zunehmenden Verbreitung von Keramikimplantaten. Und natürlich ist die Verbreitung der Kernkompetenz Ziel einer jeden Fachgesellschaft. Die steigenden Fallzahlen dürfen aber im Sinne unserer Patienten und der Anwenderschaft nur vor dem Hintergrund evidenzbasierter Daten generiert werden. Im Klartext: Wir müssen Erfolgsprognosen sowie Vor- und Nachteile von Zirkonoxidimplantaten wissenschaftlich belegen, die Daten richtig interpretieren, seriös kommunizieren und eine sichere Anwendung durch kompetente Schulung sowie neutrale Information verbessern. Diese Aufgaben stehen an erster Stelle und müssen objektiv und unabhängig umgesetzt werden – womit wir bei den Gründen für eine ESCI und ihren Aufgaben wären.

pip: Wie viele Mitglieder haben Sie bereits in Europa und wie viele streben Sie an?

Jens Tartsch: Die Frage nach den Mitgliederzahlen bei einer neu gegründeten Gesellschaft ist einfach zu beantworten – noch nicht allzu viele! Aber genauso einfach ist die Antwort auf die Frage nach der angestrebten Mitgliederzahl – möglichst alle! Die ESCI steht allen offen, die am Einsatz von Keramikimplantaten in der dentalen Implantologie interessiert sind: Zahnärzten, Zahntechnikern, Hochschulen, Fachgesellschaften, Forschungseinrichtungen und qualitätsorientierten Industriepartnern. Hauptziel der ESCI ist jedoch nicht vordergründig, möglichst viele Mitglieder zu generieren, sondern das Thema Keramikimplantate auf wissenschaftlicher und evidenzbasierter Weise zu fördern. Eine große Mitgliederschaft verleiht dem gleichwohl den nötigen Nachdruck: Es entstehen ein europaweites Netzwerk, eine aktive Community und eine starke Gemeinschaft zum Thema Keramik-Implantologie. Wir freuen uns über jedes Mitglied, welches an diesem Ziel mitarbeiten und sich in die ESCI einbringen möchte!

pip: Herzlichen Dank für dieses Gespräch!