Anfang der 80er-Jahre gab es schon einmal einen gewissen Hype um das plättchenreiche Plasma, welches die Knochen- und Weichgewebsregeneration auf wundersame Weise verbessern sollte. Nach einigen ernüchternden Studien verebbte die Begeisterung, um vor zwei Jahren durch die Methode des a- und i-PRF nach Dr. Joseph Choukroun wiederaufzuleben. Für BTI Implants ist die Herstellung eines Wachstumsfaktorenkonzentrates nach Dr. Eduardo Anitua als PRGF seit den 80er-Jahren nie aus der Mode gekommen – nur stellt sich der Umgang damit heute viel raffinierter dar, wie pip im Gespräch mit dem Kieler MKG-Chirurgen Dr. Oliver Zernial erfuhr.

pip: Wir kennen Kieler Sprotten – was ist ‚Kieler Sushi‘?

Kieler Sushi 2015

Oliver Zernial:… schon mal in doppelter Hinsicht nichts Fischiges – im Gegensatz zur Sprotte aber auch kein Objekt, sondern ein Konzept. Der Name lag auf der Hand, denn die ersten Augmentate sahen aus wie ein Nigiri-Sushi. Als Basis diente ein bovines Knochenersatzmaterial, auf das mit Blutplasma eine Schicht autologer Knochen geklebt wurde. Der Name ‚Kieler Sushi‘ hat sich dann in kürzester Zeit bei uns in der Praxis, bei unseren Überweisern und auch bei den Patienten etabliert. Unser Konzept basiert auf einem neuen und sehr biologischen Denkansatz, der das bewährte Konzept der geführten Knochenregeneration mit innovativen Ansätzen, wie der Nutzung von Blutplasma, verbindet.

pip: Was soll daran so revolutionär sein?

Kieler Sushi 2019

Oliver Zernial: Weil es bei uns in der Praxis und auch bei vielen Kollegen, die bei uns hospitiert haben, die gängigen Augmentationstechniken nahezu komplett ersetzt hat. PRP ist nichts Neues aber die Art und Weise, wie wir es mittlerweile anwenden schon. Bislang wurde immer der Fokus auf eine bessere Wundheilung und hochwertigeren Knochen gelegt. Dies ist auch sicher der Fall, aber eben nicht revolutionär, denn am Ende bekommt man ein, mit vielen anderen Augmentationstechniken vergleichbares Implantatlager. Was dabei übersehen wird, ist das große Potential partikuläre Knochenaufbauten mit Biologie zu stabilisieren – oder bildlich gesprochen chairside individuell bauen zu können. Und das mit einem Werkstoff, der nahezu unbegrenzt und kostenlos zur Verfügung steht. Selbstverständlich hatten wir anfangs auch Bedenken, was die Volumenstabilität angeht. Es liegt nun einmal nicht in der Natur eines Chirurgen einem Augmentat, welches die Konsistenz von Hering in Aspik hat, derartige Ergebnisse zuzutrauen. Mit zunehmender Erfahrung erkennt man dann die unglaubliche Effizienz der Technik. Mit dem ‚Kieler Sushi‘ kann ich heute deutlich mehr Augmentationen an einem Tag durchführen als früher mit herkömmlichen Verfahren. Auch die Sofortimplantation mit zeitgleicher Augmentation sind heute bei uns eher die Regel als die Ausnahme. Blöcke, Schalen oder gar Beckenkamm kommen bei uns so gut wie gar nicht mehr vor. Nicht weil diese Techniken schlecht sind, nein, sie machen im Vergleich zum ‚Kieler Sushi-Konzept‘ einfach keinen Sinn mehr.

pip: Was ist mit den biologischen Grenzen in der Knochenregeneration, Stichwort ‚jumping distance‘?

Oliver Zernial: Mit dem ‚Kieler Sushi‘ überwindet man quasi die Grenzen der klassischen GBR automatisch. Auch mir ist es schwer gefallen, lieb gewonnene Techniken und Regeln über Bord zu schmeißen. Wir wenden das Konzept nicht seit gestern, sondern schon seit einigen Jahren an. Wir konnten das Spektrum sukzessive erweitern und die „Rezeptur“ stetig verbessern. So ist Blutplasma nicht gleich Blutplasma. Nicht jedes Verfahren ist für große Augmentationen geeignet, die eine hohe Stabilität fordern. Viele kleine Details entscheiden darüber, ob das Sushi gelingt oder nicht.

Mittlerweile ist das ‚Kieler Sushi‘ für uns tägliche Routine, kennt aber natürlich auch Grenzen. So ist z. B. die Königsdisziplin, die Rekonstruktion in der Vertikalen, auch mit dem ‚Kieler Sushi‘ eine Herausforderung. Trotzdem sind wir mit den Möglichkeiten, die PRP bietet, sicher erst am Anfang. Ich denke da an die Weichgewebschirurgie oder die Kombinationsmöglichkeiten, wie z. B. mit Allografts. Letztendlich ist die Frge nach mehr Effzienz lange Überfällig und für uns und unsere Patienten von entscheidender Bedeutung. Gerade in Zeiten, in denen der Wettbewerb und der mündige Patient immer mehr über unseren Erfolg in der Praxis entscheidet, sollte die Frage nach mehr Effzienz gerade bei chirurgischen Techniken deutlich häufiger gestellt werden.

pip: Wie lange gehen Ihre Erfahrungen konkret zurück, und wo kann ich mir das Konzept an bisher behandelten Fällen genauer ansehen?

Oliver Zernial: Wir haben in letzter Zeit viele Hospitationen in unserer Praxis gehabt. Das ‚Kieler Sushi-Konzept‘ ist mehr als nur ein Marketing-Gag. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen dieses Jahr Hands-On-Kurse anzubieten und unsere Erfahrung weiterzugeben Unser erster ‚Kieler Sushi‘-Intensivkurs findet am 24. bis 25. Mai in unserer Praxis statt. Ich freue mich, dass ich als Gastreferenten Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets vom UKE Hamburg gewinnen konnte. Er wird anhand von evidenten Zahlen und Fakten zeigen, dass viele Goldstandards zu Unrecht diesen Titel tragen. Dieser Kurs ist jedoch schon ausgebucht, wir denken aber schon über weitere Kurse und ein bundesweites Netzwerk mit Kollegen nach, die bereits seit einigen Jahren das ‚Kieler Sushi-Konzept‘ erfolgreich anwenden. Weitere Termine und Infos werden auf der Website www.kieler-sushi.de bekannt gegeben.

pip: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Zernial.

Oliver Zernial

1993-2001 Studium der Humanmedizin an der Universität Giessen und Kiel

2003 Promotion zum Dr. med.

2001-2004 Studium der Zahnmedizin an der Universität Kiel

2004-2008 Facharztausbilung an der Klinik für MKG UKSH Campus Kiel

2004 Anerkennung des Facharztes für MKG-Chirurgie

2009 Niederlassung als MKG-Chirurg in eigener Praxis und als Belegarzt in der Ostseeklinik Kiel.

2011 Gründung und ärztliche Leitung des Zentrums für Implantologie (Myimplant), Kiefer- und ästhetische Gesichtschirurgie (Myaesthetic) in den Germania Arkaden an der Kieler Förde.