Kurze Implantate (< 10 mm) mit breiterem Durchmesser (≥ 4,5 mm) haben bei entsprechend behandelter Oberfläche, einer präzisen Diagnostik der Verhältnisse, dem Ausschluss von Risikofaktoren und der Einhaltung eines strikten chirurgischen Protokolls gemäß Langzeitstudien bis ins Jahr 1997 zurück eine längeren Implantaten vergleichbare Erfolgsrate von zwischen 93 –97 %. Ich sehe in der Verwendung eine ganze Reihe von Vorteilen: Ich benötige weniger komplexe und teure Diagnostik, ich kann die Implantate – ganz wichtig! – nach prothetischen statt nach chirurgischen Kriterien platzieren, spare mir Sinuslift und aufwändige Augmentationen mit den bekannten Risiken und vermeide gänzlich eine Gefährdung wichtiger angrenzender anatomischer Strukturen.

Die Bedenken hinsichtlich der Kräfte-Einleitung bei kurzen Implantaten kann ich nicht teilen. Beobachtungen zufolge werden 98 % der Belastung der Implantate ohnehin von den ersten 4-5 Windungen abgefangen, d.h. nur die oberen 5-7 mm nehmen krestal aktiv an der okklusalen Kaubelastung teil, und der Rest des Implantates ruht im Grunde. Die Makrostruktur des Implantatdesigns, die Geometrie des Implantatkörpers und der Durchmesser scheinen dabei für die optimale Kraftverteilung und die Reduktion der Belastung des Knochen-Implantat-Interfaces viel Ausschlag gegebener zu sein. Die Länge an sich spielt also sowohl bei der Primärstabilität als auch der späteren Osseointegration offenbar eine untergeordnete Rolle. Die Knochenbelastung ist Studien zufolge unabhängig von der Länge des Implantates und der bikortikalen Verankerung konstant – die Belastung des Implantates wiederum nimmt mit zunehmender Länge zu.

Auch das Implantat-Kronen-Verhältnis scheint kein nennenswerter Faktor zu sein. Oft ist die mesiodistale Dimension des Zahnersatzes geringer als die des entsprechenden natürlichen Zahnes, damit haben wir eher eine bessere Lastenverteilung und günstigere Ergebnisse. Selbst wenn die prothetischen Parameter über den Normalwerten liegen, sind kurze Implantate eine sinnvolle Lösung, solange die Richtung und Verteilung der einwirkenden Kräfte günstig ist und die Parafunktionen unter Kontrolle gehalten werden.

Bei parodontal schwer kompromittierten Patienten sehe ich noch einen Vorteil bei kurzen Implantaten: Je größer das Risiko, das Implantat zu verlieren, desto geringer will ich die Gewebsschädigung halten.

Dank neuer Behandlungstechniken und moderner Werkstoffe sehe ich kurze Implantate als gut geeignet, auch bei schwierigem Knochenangebot die Wartezeit bis zur prothetischen end- gültigen Versorgung auf 2-3 Monate zu verkürzen – vor allem für hoch betagte Patienten, bei denen das Essen oft eine der letzten verbliebenen Lebensfreuden und Genussmomente darstellt, machen diese Monate in der Lebensqualität einen entscheidenden Unterschied.

Bald muss man sich, so scheint es, fragen lassen, wieso man überhaupt noch normale Implantatlängen verwendet und aufwändige Augmentationen vornimmt.

Ich sehe bei kurzen Implantaten eine große Gefahr, dass auch weniger versierte Zahnärzte sich an komplexere Eingriffe wagen. Vor allem pauschale Industrieversprechen vernachlässigen oft den wichtigsten Faktor: die Erfahrung und Kompetenz des Behandlers. Es gibt keine grundsätzlich „perfekt und problemlos einheilenden Implantate“.
In Abhängigkeit der Gesamtverhältnisse – der Art des geplanten Zahnersatzes, der skelettalen Besonderheiten, vor allem auch der Knochenqualität – ergeben sich für das Implantat sehr unterschiedliche Belastungen, für die einfach oft hinreichend lange Implantate mit einer entsprechenden Verankerungstiefe im orts- ständigen Knochen erforderlich sind.

Werden kurze Implantate subcrestal zu tief gesetzt, kommt es zu teilweise dramatischen Knochenverlusten. Auch muss man der Abutment-Verbindung in diesen Fällen eine viel größere Aufmerksamkeit widmen, um mikrospalt-bedingte Knochenverluste zu vermeiden. Ich würde auf alle Fälle eine interne Verbindung bevorzugen – jüngsten Ergebnissen zufolge kann man aber auch hier nicht von kompletter Bakteriendichtheit oder fehlender Mikrobeweglichkeit ausgehen. Die besten ästhetischen Ergebnisse habe ich, wenn ich Implantate auf crestaler Höhe platzieren und ein Bone Remodelling weitestgehend vermeiden kann.

Ich halte es bei der Beurteilung der Stabilität auch für falsch, sich ausschließlich auf einen Längenvergleich zu stürzen, in diesem Fall sozusagen „Wer hat den Kürzeren?“ In jedem Fall muss man auch die Implantat-Gesamtgeometrie und die Oberfläche mit einbeziehen.

Das Implantat-Kronen-Verhältnis bei kurzen Implantaten halte ich für ein noch unkalkulierbares Risiko – weder die entstehenden Pumpeffekte noch Cantilever-Kräfte sind für meinen Geschmack ausreichend geklärt. Als posteriore Pfeiler sollten kurze Implantate in jedem Fall vermieden werden.

Ganz wichtig finde ich es, bei solchen Spezialeingriffen um so sorgfältiger, eine solide präoperative Diagnostik zu fahren. Und bei Diabetes, Alkohol- oder Nikotin-Abusus oder systemischen Immunerkrankungen würde ich kurze Implantate gar nicht verwenden.

Erfolg geht auch hier nur so: Ein erfahrener Behandler, ein striktes OP-Protokoll und sorgfältige Selektion des geeigneten Patientenstamms. Kurze Implantate mögen eine Option sein, aber eben nur eine unter vielen, und ich warne vor der Darstellung einer bestimmten Technik oder Implantatgröße als der einzig und allein selig machenden.