Trotz vieler Fortschritte bei der Lokalanästhesie haben immer noch viele Menschen Angst vor dem Zahnarztbesuch – je komplexer der geplante Eingriff, umso mehr. Ein ängstlicher und gestresster Patient wird aber nicht nur meine Praxis in schlechter Erinnerung behalten, sondern er erschwert mir auch die chirurgische und zahnmedizinische Behandlung. Ängstliche und damit meist unkooperative Patienten zeigen nach Studien signifikant höhere Komplikationsraten. Daher kommt mir dir Lachgassedierung sehr entgegen, nicht nur um meinen Patienten zu beruhigen, sondern auch um für mich eine konstruktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen und die Erfolgsaussichten meiner Behandlung besonders bei problematischen Patienten zu verbessern.

Beim vorhandenen, fraglos breiten Spektrum der Anästhesieverfahren spricht für die Lachgassedierung auch, dass ich sie mit meinem Praxisteam autonom vornehmen kann, ohne einen Dritten, z. B. einen Anästhesisten mit einbeziehen zu müssen. Die Methode ist einfach, durch die Teilnahme an einer geeigneten Weiterbildung schnell und leicht erlernbar, und bietet mir mit den modernen Apparaturen ein hohes Maß an Sicherheit.

Ein weiterer Vorteil der Methode ist der schnelle Wirkungseintritt der Anxiolyse und Analgesie bei gleichzeitigem Bewusstsein des Patienten. Ich bleibe dauernd mit ihr oder ihm im Dialog und kann daher seine Befindlichkeiten und sein Schmerzempfinden genau einschätzen und beantworten. Es kommt zu keinen Atemwegsreizungen. Tatsächlich haben wir beobachtet, dass die Empfindlichkeit der oberen Atemwege sogar reduziert wird, weshalb ich Lachgas gern und sogar auch bei unaufwändigeren Eingriffen bei Patienten einsetze, die wegen eines starken Würgereflexes ansonsten nur sehr schwierig zu behandeln sind. Daneben habe ich besonders bei meinen Implantologiepatienten, die im Durchschnitt bereits älter sind, beobachtet, dass sie von den hohen Sauerstoffkonzentrationen, die einen gewissen Schutz vor stressbedingter Hypertonie oder Angina pectoris bilden, profitieren. Im Gegensatz zur sonstigen Anästhesie erlangt der Patient nach einer Lachgassedierung seine normale Psychomotorik rasch wieder, und die meisten Patienten verlassen die Praxis nach kurzer Zeit in fahrtüchtigem Zustand. In heutigen Zeiten, in denen viele Leute einem zahnärztlichen Eingriff nicht einen kompletten Arbeitstag opfern können oder wollen, ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Die relativ geringen laufenden Kosten treffen dann mit einer hohen Bereitschaft der Patienten zusammen, die Behandlung als private Zusatzleistung zu tragen. Die meisten Patienten – vor allem auch Mütter für ihre Kinder – empfinden diese neue Form der Sedierung als zusätzlichen Benefit unserer Praxis. Und im Gegensatz zu einer Sedierung durch den Anästhesisten bleiben die Erträge komplett in meiner Praxis.

Mit Beginn dieses merkwürdigen zeitgleichen und vermehrten Auftauchens von Darstellungen der Vorteile der Lachgastherapie in der Fachpresse fragte ich mich, ob ich womöglich als Einziger übersehen hatte, dass wir in der gängigen zahnärztlichen Anästhesie offensichtlich ein akutes Problem haben.

Dies darf aber wohl mit einem klaren Nein beantwortet werden, daher drängt sich nun die Frage auf, wer vornehmlich von der Idee profitiert, die Lachgastherapie für uns Zahnärzte wieder aus der Mottenkiste zu holen.

Grundsätzlich glaube ich, dass wir Zahnärzte uns auf die Dinge konzentrieren sollten, von denen wir Ahnung haben, und die Lachgastherapie als solche ist keine zahnmedizinische Behandlung. Die fachliche Weiterbildung zum Anästhesisten in der Medizin wiederum geschieht nicht aus purem Jux. Allein die durchaus stattliche Reihe von Kontraindikationen muss ich als Zahnarzt in der Praxis erst einmal anamnestisch erheben — oder fragen Sie etwa routinemäßig nach einer Otitis Media oder einer kurz zurückliegenden Augen-OP mit intraokularem Gas? Zudem scheint mir der für die Zahnarztpraxis damit verbundene Aufwand enorm. Nicht allein die Investition in die Apparatur und Materialien, sondern auch die Behandlungsvorbereitung, die Durchführung, das sehr genaue Monitoring des Patienten und die Notfallprophylaxe – so sie ordentlich vorgenommen werden – schneiden verglichen mit den verfügbaren Alternativen nicht gut ab. Um den Patienten herunterzubringen, damit ich ordentlich arbeiten kann, fahre ich mit Dormicum doch gut. Die Anästhesiespritze wird dank moderner Nadelspitzen und Wirkstoffen von den Patienten nicht mehr als so unangenehm empfunden, und um die adjuvante Lokalanästhesie komme ich auch unter Lachgas sowieso nicht herum. Für das stetige Einstellen und Monitoring der Lachgassedierung bei einem sicher ohnehin diffizilen – sonst bräuchte ich ja keine aufwändige Anästhesie – Eingriff muss ich schon sehr multitasking- freudig sein, ganz sicher bin ich aber gestresster.

Wegen postoperativer Übelkeit, Dysphorie und Unruhezuständen der Patienten ist die Verwendung der Lachgassedierung in anderen medizinischen Disziplinen stark rückläufig. Trotz einer vor Überdosierung schützenden Sperrvorrichtung muss ich mich an die optimale Sedierung herantasten und bin dabei auf die Selbsteinschätzung meines Patienten angewiesen. Ob solcherlei Aussagen speziell von jenen Angst- und Stresspatienten, auf die man angeblich abzielt, exakt sind? Und ein in der neuen Euphorie völlig ungeklärter Problemkreis ist die Arbeitsplatzbelastung, zumal wenn wir die Dauer vieler unserer gern auch einmal über zwei Stunden und mehr gehenden implantologischen Fälle bedenken.

Und Lachgassedierung als „Praxismarketingtool“? Haben wir Zahnärzte nichts anders zum Angeben? Und will ich ernsthaft auf ein Patientenklientel abzielen, das nur wegen eines solchen Angebots in meine Praxis kommt?