„Wissenschaftliche Aktualität selektiert und kommentiert durch ausgewiesene Experten in produktneutraler Darstellung“ ist das zentrale Anliegen des MKG-Updates unter der Schirmherrschaft der DGMKG und ihrer Akademie in Kooperation mit dem BDO, der AGKi und dem AK OPOM der DGZMK, der Ende Januar zum bereits 9. Mal in Wiesbaden stattfand. Nicht nur für MKG- und Oralchirurgen, auch für implantologisch und chirurgisch tätige, interessierte und überweisende Zahnärzte sowie Parodontologen bot die Veranstaltung wieder einen dichten Überblick der relevanten Publikationen zu spezifischen Themen, wie aus aktualisierten Leitlinien, über neue Entitäten und Terminologien sowie die praktischen Konsequenzen für das tägliche ärztliche und zahnärztliche Handeln.

In 45 bis 60-minütigen Teilseminaren werden beim Update-Konzept die essenziellen Themen des Fachgebiets behandelt, für die Anwendung in Klinik und Praxis bewertet, mit einer klaren Take home-Message versehen und diskutiert. Mit DVT-Bildgebung und 3D-Planung startete Prof. Dr. Dr. Stefan Haßfeld, Dortmund, am Freitagmorgen und konstatierte, dass die dreidimensionale Bildgebung in der klinischen Routine und Anwendung weitgehend angekommen sei. Trotzdem ständen evidenzbasierte wissenschaftliche Daten zur diagnostischen Wertigkeit der DVT in der täglichen Anwendung wie auch orientiert am klinischen Outcome für Patienten nur eingeschränkt zur Verfügung. Die Bewertung zwingender Indikationen der digitalen Volumentomographie sei weiterhin nicht leicht und müsse in genauer Kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen 3D-Bildgebungstechniken – wie auch der MRT – erfolgen. Er endete mit dem Appell an die Industrie, im Zusammenhang mit ihren Röntgengeräten über indikations- und patientenspezifische Dosisreduktionsmöglichkeiten aufzuklären.

Nach der kurzen Überleitung des humorvollen Moderators Prof. Dr. Knut A. Grötz, Wiesbaden, stellte der Pathologe Prof. Dr. Daniel Baumhoer, Basel, die neue WHO-Klassifikation zu Odontogenen Tumoren, Zysten und Knochentumoren vor. Es träten vermehrt Mutationen auf, daher müssten manche Definitionen wie etwa die der Neoplasie überdacht werden, erläuterte er. Manche Entitäten, die laut WHO 2015 noch als Tumoren klassifiziert wurden, werden nun als Zysten oder keratozystischer odontogener Tumor eingestuft. Die neue Fassung von 2017 stelle jedoch eine solide Basis für die Gliederung und Einordnung von Kiefertumoren dar, fasst er zusammen. Grundlage für die von Prof. Dr. Torsten Reichert aus Regensburg vorgestellte „Onkologie-Übersicht zum Mundhöhlen-Karzinom, der Chirurgie und multimodalen Konzepten“ sei die Basisliteratur, begann Prof. Reichert und erläuterte konkret die bis November 2017 gültige S3-Leitlinie, die TNM-Klassifikation und die WHO-Leitlinie, sowie deren teils unterschiedliche Aussagen. Neu sei ein Prognosefaktorengitter, welches nach festen Kriterien wie auch dem neuen Parameter der Invasionstiefe erstellt werde. Die interdisziplinären Tumorkonferenzen seien von großer Bedeutung, betonte er. Die Immuntherapie bei Tumoren könne ähnlich wie die Antikörpertherapie in Zukunft als eine weitere therapeutische Säule gegen die Mundhöhlen-CA sein, äußerte er, jedoch stelle sich dabei die Frage nach der Morbidität und Lebensqualität der Patienten.

18, 20 … ONJ im Skatclub

Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz demonstriert die Risiken bei Medikation mit Antiresorptiva.

Der Lokalmatador Prof. Grötz nahm sich der kompromittierten Patienten mit u. a. Antiresorptiva (AR), Antihypertensiva, Radiatio (RT) und deren Problemen sowie Möglichkeiten der Implantattherapie an. Da Patienten mit Antiresorptiva zunähmen, gälte es vor komplexen Rehabilitationen alle Faktoren der Lebensqualität bei der Sanierung zu berücksichtigen, Kauen und Sprechen. Er mahnte, das Risiko einer infizierten Osteoradionekrose bleibe selbst zehn Jahre postoperativ brisant, Vorsichtsmaßnahmen selbst bei einfachen Extraktionen müssten fortgesetzt beachtet werden. Zum Komplex der Antiresorptiva bedauerte er, dass – obwohl über 70% der Ärzte sich über das das Krankheitsbild informiert zeigten – jedoch nur knapp 30 % zur ONJ-Prophylaxe und Prävention überweisen würden. Leidenschaftlich forderte Prof. Grötz auf, die Information bei Medizinern zu verbreiten „im Skat-Club und im Sportverein oder im Lions Club!“. Prof. Dr. Alexander Hemprich aus Leipzig konnte zur Thematik der Mund-Kiefer-Gaumenspalten zwar nichts bahnbrechend Neues in der Literatur aufweisen, sieht aber das Comeback älterer OP-Techniken. Signifikant verbessert sei die Qualität bei Konzentration der Behandlungen auf Spaltzentren mit größeren Fallzahlen.

Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle aus Aachen durfte mit mikrovaskulären und komplexen Rekonstruktionen sein Wunschthema präsentieren, sieht in der Weichgeweberekonstruktion ein „neues Arbeitspferd“ und lobte die verkürzte Ischämiezeit beim Einsatz navigierter Verfahren bei UK-Rekonstruktionen. Kiefergelenkserkrankungen waren das Hauptthema von Prof. Dr. Andreas Neff aus Marburg, der u. a. Schienentherapie versus Arthrozentese abwog. Arthrozentese sei eine effiziente Maßnahme zur Schmerzreduktion und zur Verbesserung der Gelenkbeweglichkeiten, bringe aber nur im Akutzustand und nur die ersten drei bis sechs Monate etwas, fasste er dazu zusammen, ehe Prof. Dr. Torsten Remmerbach, Leipzig, zum Ende des ersten Vortragstages mit einer aktuellen Übersicht zu „Mundschleimhauterkrankungen“ auftrat. Leukoplakien rezidivieren häufig, daher sei ein häufiger Recall wesentlich – dies müsse der Chirurg beachten und bei Rücküberweisung an den behandelnden Zahnarzt vermerken. Auch nach Exzision seien engmaschige Kontrollen erforderlich.

Ritt durch die aktuelle internationale Literatur

Bei Osteoporose-Patienten gilt: Risikoabwägung bei Implantattherapie vs. Lebensqualität, erläutert Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas.

Mit dem Schwerpunkt „Implantologie I: Systeme und Konzepte“ gab Prof. Dr. Bilal Al-Nawas, Mainz, am zweiten Veranstaltungstag eine erste Übersicht zu Allgemeinerkrankungen und Risikofaktoren, ehe er den aktuellen Stand der Wissenschaft zu den unterschiedlichen Implantat-Typen, -Materialien und -Designs vorstellte. Die noch bestehenden Risikofaktoren kamen zur Sprache, ehe verschiedene Strategien und Protokolle für die einzelnen Behandlungsregionen in Chirurgie und Prothetik diskutiert wurden. Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden aus Kassel schloss mit einer Übersicht zu Kieferkamm- und Sinusbodenaugmentationen und der Ridge Preservation an und ergänzte seine Literaturübersichten mit einer Vielzahl praktischer Hinweise. Mit „Komplikationen & Periimplantitis“ hatte sich Prof. Dr. Jürgen Becker ein viel beachtetes Thema gewählt und stellte verschiedene Risikofaktoren bei Implantatversorgungen und Komplikationen bei Augmentationen vor, eher er eingehend auf die Therapie und Prävention periimplantärer Komplikationen einging. Klar wurde in einer Studie der Zusammenhang zwischen der Prothetik und dem Risiko für periimplantäre Entzündungen aufgezeigt: Wenn der Übergang Krone-Abutment subgingival liegt, erhöht sich das Risiko für periimplantäre Entzündungen. Vielversprechend zeigte sich der Einsatz einer neuartigen Bürste aus resorbierbaren Materialien für die nichtchirurgische Therapie der milden Periimplantitis. Hinsichtlich der zunehmend diskutierten Titanunverträglichkeiten gibt es nach Studienlage noch keinen empfehlenswerten Test, mit dem das Risiko einer Titanallergie abgeschätzt werden kann.

Als Chirurg muss man wegen der Zementierung auch über die Kronen- und Abutmentauswahl Bescheid wissen, erinnert Prof. Dr. Jürgen Becker.

Prof. Dr. Dr. Johannes Kleinheinz hatte sich des komplexen Themas der Dysgnathien angenommen. Von der digitalen Planung, Simulation und Vorhersage über die unterschiedlichen Behandlungsabfolgen bis hin zu den oft vernachlässigten Veränderungen der Weichgewebe nach skelettaler Verlagerung reichte hier das thematische Spektrum. Der Heidelberger Prof. Dr. Dr. Jürgen Hoffmann ergänzte mit Diagnostik, Therapiekonzepten und teils spektakulären Innovationen bei Oberkiefer- oder Mittelgesichtstraumata, ehe Prof. Dr. Anton Sculean aus Bern als frisch gewählter Präsident der EFP – European Federation of Periodontology – den aktuellen Stand der Wissenschaft zur regenerativen und konventionellen und zur plastischästhetischen chirurgischen Therapie in der Parodontologie aufzeigte. Während der Vorträge, in der Speaker’s Corner und auch in den Pausen diskutierten die Referenten mit den Teilnehmern unterschiedlicher Fachrichtungen weiter. Begehrt war und ist auch das sehr hochwertige Update-Handbuch, das jeder Seminarteilnehmer sowohl in gedruckter als auch eBook-Version mit allen Manuskripten der Referenten und den zitierten Literaturangaben erhält. Auch wenn einige Vorträge fachlich teils dem Bereich der fortgeschrittenen MKG-Chirurgie zuzuordnen sind, lohnt sich dieser Jahresauftakt und die Einsicht in die heutigen rehabilitativen Möglichkeiten nicht nur für den praktizierenden MKG- und Oralchirurgen, sondern auch für den überweisenden interessierten Arzt und Zahnarzt.

Save the date! MKG-Update 2019

1.-2. Februar 2019