Mit großem Interesse wurde am Nobel Biocare Global Symposium in Madrid Ende Juni 2019 vor mehr als 1.200 Teilnehmern aus 60 Ländern das neue Nobel Biocare N1-Implantatsystem mit den innovativen Oberflächen TiUltra für den Implantatkörper und Xeal für das Abutment und vor allem dem völlig neuartigen Aufbereitungsprotokoll mittels OsseoDirector und OsseoShaper aufgenommen. Die Münchner Oralchirurgin Dr. Annette Felderhoff-Fischer und der Frankfurter Dipl.-Ing. Holger Zipprich bestritten im Podium gemeinsam mit den Professoren Jill Helms und Gabor Tepper sowie den Dres. Oded Bahat, John Brunski, Sascha Jovanovic, Paul Weigl und Francesco Mintrone den Vortragsblock, in dem die revolutionären Innovationen des neuen Systems im Detail vorgestellt wurden. pip sprach mit ihnen über die Entwicklung und deren klinische Auswirkungen für Behandler und Patienten.

pip: Herr Zipprich, kaum eine Fortbildung, in der nicht die nach Ihnen benannte Studie erwähnt wird – geht es auch hier wieder um Bakteriendichtigkeit der Verbindung?

Holger Zipprich: Wenn wir über Implantat-Abutment-Verbindungen sprechen, geht es auch immer über Bakteriendichtigkeiten. Aber diese setze ich bei einer neuen Implantat-Abutment-Verbindung eigentlich inzwischen als gegeben voraus. Die Innovationen der im Nobel Biocare N1-System vorgestellten Implantat-Abutment-Verbindung zeigen sich in der Fusion aus Konus und Index.

pip: In welcher Hinsicht sollen Konus und Index fusionieren?

Holger Zipprich: Ein normaler Konus ist rund – die Indexierung ist nicht rund, sondern hat meist abgeflachte Seiten und ist parallelwandig. Das führt unter anderem zu der oft beklagten Notwendigkeit, die Abformungen sehr tief vornehmen zu müssen. Hier gibt die innovative triovale Form des Konus die Indexierung in sich vor. Damit können Abformungen höher angelegt und Divergenzen bis zu 16 Grad ausgeglichen werden.

pip: Es hieß allgemein, hinsichtlich Implantat- und Verbindungsdesign seien die heutigen Implantatsysteme eigentlich ausgereizt?

Holger Zipprich: Ich glaube, das hat man auch gern so in den Raum gestellt, weil viele der Implantat-Anbieter den Aufwand, die Kosten und das Risiko echter Innovationsentwicklungen scheuen. Aus der Nobel Biocare N1 Implantat-Abutment-Verbindung zum Beispiel leiten sich enorme Vorteile in der Abutmentmontage, dem Poka Yoke, also einer deutlich geringeren Anfälligkeit für Anwenderfehler, der Rotationsfestigkeit und der Abformgenauigkeit ab. Die neue TCC-Verbindung des Nobel Biocare N1 vereint die Vorteile von Stoß- und Konusverbindung und eliminiert gleichzeitig die Nachteile beider.

pip: Welche Nachteile meinen Sie hier vor allem?

Holger Zipprich: Beide bisherigen Verbindungskonzepte weisen in Endlage ein mögliches Rotationsspiel auf. Die TCC-Verbindung wiederum zentriert bei der Montage das Abutment rotatorisch im Implantat und eliminiert somit rotatorische Fehlpositionierungen. Bei divergierenden Implantaten kann durch den konischen Index bereits 1 mm unterhalb der prothetischen Plattform die dreidimensionale und die ,rotatomische‘ Position des Implantats voll erfasst werden.

pip: Und wie verhält sich das beim Implantat-Design und dem Aufbereitungsprotokoll?

Holger Zipprich: Hier ist es ähnlich. Die seit den Anfängen der dentalen Implantologie etablierte Knochenlageraufbereitung mit Hochgeschwindigkeitsbohrern und Wasserkühlung wurde eigentlich nie mehr grundlegend infrage gestellt. Das Konzept des OsseoDirectors und OsseoShapers verfolgt einen völlig neuen Ansatz. Der OsseoDirector dient als Pilotbohrer, der mit normaler Geschwindigkeit und Wasserkühlung eingesetzt wird und die definitive Implantatrichtung vorgibt. Der OsseoShaper hat eine nicht-schneidende runde Spitze und ist in seiner Schneidgeometrie so designt, dass er sowohl im kortikalen wie auch im spongiösen Knochen sehr effektiv, dabei aber auch sehr schonend funktioniert. Das Bohrprotokoll ist zudem ideal auf das innovative triovale Implantat-Design abgestimmt. Dieses triovale Implantat-Design, zusammen mit der hier dann nicht mehr nötigen Wasserkühlung, begünstigen ihrerseits weiter die Einheilung.

pip: Frau Dr. Felderhoff-Fischer, Sie waren an der Entwicklung des neuen Systems von Anfang an beteiligt und konnten es bereits 2017 erstmals in der Klinik einsetzen – was sind Ihre Beobachtungen?

Annette Felderhoff-Fischer: Von der
chirurgischen Seite kommend ist
für mich die neuartige Implantatbettaufbereitung eine der wichtigsten Innovationen dieses Systems. Die Studien von Jill Helms
aus Stanford haben gezeigt, dass
Implantatbettaufbereitungen mit
Standard-Bohrern ein Trauma
des Alveolarknochens direkt um
das Implantat bewirken, sie bezeichnet das sehr eindrucksvoll
als ,zone of death‘. Isolierte Knochenspäne verlieren außerhalb
des Körpers schnell an Vitalität,
die Zellen sterben ab. Durch den
Einsatz des OsseoShapers mit seinem Low-Speed-Protokoll und ohne Kühlung wird dieses intraoperative Trauma minimalisiert und das Regenerationspotenzial des Gewebes bleibt erhalten. Durch die Aufbereitung und das Implantatdesign füllen die in der Alveole verbleibenden Knochenspäne beim Eindrehen des Implantats die noch freien Räume, womit sofort die Regeneration angeregt wird. Dies zu wissen, gibt mir als Praktikerin ein gutes Gefühl, insbesondere für Sofortversorgungen. Des Weiteren steht für mich natürlich das Handling selbst im Vordergrund. In 80 Prozent der inserierten Implantate waren für die Implantation nur der OsseoDirector und der OsseoShaper notwendig. Durch das Low-Speed-Protokoll und die fehlende Kochsalzspülung hat man daneben jederzeit einen guten Überblick des Operationsfeldes. Einen weiteren Vorteil sehe ich in dem breiten Indikationsspektrum, speziell bei Sofortimplantationen. Im Gegensatz zu anderen Systemen für diese Indikation ist das Nobel Biocare N1 Implantat nicht aggressiv selbstschneidend und erzielt dennoch die erforderliche Primärstabilität. Es ist vom Handling vorhersagbar, lässt keine unerwünschten Richtungsänderungen zu und kann auch nah an anatomisch risikoreichen Strukturen wie beispielsweise dem Sinusboden inseriert werden.

pip: Wird das Ihre Behandlungsprotokolle und auch die Art der in Ihrer Praxis angebotenen Versorgungen maßgeblich beeinflussen, Frau Dr. Felderhoff-Fischer?

Annette Felderhoff-Fischer: Die Art der Versorgung insofern nicht, da wir in unserer Praxis bereits seit 2005 mit der navigierten Implantologie sehr erfolgreich Konzepte mit Sofortimplantationen und Sofortbelastung durchführen. Diese Konzepte werden wir mit diesem neuen System und Aufbereitungsprotokoll allerdings jetzt sicherlich noch häufiger anwenden können. Da in so vielen Situationen wie genannt für die Aufbereitung nur der OsseoDirector und der OsseoShaper ausreichend sind, können die OP-Zeiten – insbesondere bei Full-Arch-Restaurationen – deutlich reduziert werden. Das Behandlungs- und speziell das Bohrprotokoll sind dabei auf das neue Nobel Biocare N1-System ideal abgestimmt. Des Weiteren konnten wir beobachten, dass unsere Patienten, die bereits Erfahrungen mit Implantationen mittels konventioneller Bohrprotokolle hatten, das neue System lobten und bevorzugten. Als Hauptvorteile nannten sie dabei die fehlende Kühlung beim OsseoShaper, besonders wichtig bei Patienten mit einem ausgeprägten Würgereiz, und die deutlich verringerte Geräuschkulisse und Vibration.

pip: Welche Auswirkungen hat dieses neue Konzept und Design auf das ästhetische Ergebnis?

Annette Felderhoff-Fischer: Die schon während der IDS vorgestellten innovativen Oberflächen TiUltra am Implantat und Xeal am Abutment finden sich natürlich auch beim Nobel Biocare N1-System. Die Integration sowohl in den Knochen als auch in das Weichgewebe wird unseren Beobachtungen nach damit deutlich gefördert, und im Zusammenspiel mit der triovalen- konischen Implantat-Abutment-Verbindung schafft die Xeal-Oberfläche eine merklich straffe und dichte Anlagerung der Weichgewebsmanschette. Wir sehen darin einen guten Ansatz, periimplantären Entzündungen erfolgreich vorbeugen zu können. Zu beiden Oberflächen liegen übrigens bereits eine gute Anzahl wissenschaftlicher Studien vor, mit denen die in der Grundlagenforschung getroffenen Annahmen zu den Effekten des Designs und der Protokolle gestützt werden. Unsere klinischen Beobachtungen bestätigen das und geben damit weiteren Anlass zur Zuversicht.

pip: Herzliches Danke für dieses Gespräch.