AlgOss: Bereits seit mehr als 35 Jahren gibt es ein aus der Rotalge gewonnenes veganes Knochenaugmentationsmaterial. Bisher unter den Markennamen Algipore und Symbios bekannt, will es seine Erfolgsgeschichte nun im Vertrieb der myplant unter dem Namen AlgOss fortsetzen.

Interview mit Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Rolf Ewers, Oralchirurg und MKG-Chirurg

Wie kamen Sie seinerzeit auf die Rotalge und was macht dieses Material besonders?

Rolf Ewers: Dahinter stand die Idee, den Ansprüchen von Behandlern und Patienten an biologische Materialien gerecht zu werden. Zusammen mit meinem damaligen Team in Kiel suchten wir eine natürliche biologische, aber nicht tierische Alternative für den Knochenaufbau. Marine Rotalgen verfügen über ein durchgehendes, interkonnektierendes, mikroporöses Kalkskelett, mit dem die pflanzliche Struktur stabilisiert wird. Daraus konnten wir ein ideales phytogenes, nahezu vollständig resorbierbares Biomaterial gewinnen. Das anfangs daraus entwickelte, reine Hydroxylapatit war unter dem Markennamen Algipore seit 1989 sehr sicher und effektiv im klinischen Einsatz. Später kam ein etwas schneller resorbierbares Komposit aus 20 % Hydroxylapatit und 80 % ß-Trikalziumphosphat unter dem Markennamen Symbios biphasic BGM hinzu. In der chemischen Zusammensetzung und hinsichtlich des morphologischen Aufbaus des anorganischen Anteils sind beide Materialien dem menschlichen Knochen sehr ähnlich. Durch die hochporöse Leitstruktur bilden sie ein ideales osteokonduktives Skelett, das erst sukzessive abgebaut wird und damit als perfektes Gerüst für den neu gebildeten vitalen Knochen dient.

Und: In 35 Jahren musste noch kein Augmentat aufgrund einer Infektion entfernt werden.

Nicht nur unter religiösen, ethischen oder weltanschaulichen Aspekten, auch mit Blick auf die durch die Summe der Belastungen in Umwelt und Ernährung beim Patienten heute oft erhöhten Unverträglichkeiten war ein solches Material vermutlich nie so wertvoll wie heute.

Nun sind die Meere ja auch nicht frei von Umweltbelastungen?

Rolf Ewers: Das ist völlig richtig, wir haben aber natürlich bereits für die Ernte der Rotalgen stetig kontrollierte Regionen gewählt, die diesbezüglich unbedenklich sind. Wir prüfen zudem mittels der sehr empfindlichen ICP-Ms ständig den Schwermetallgehalt, der auch allen Regularien entspricht. Daneben werden durch eine spezielle thermische Behandlung alle organischen Substanzen entfernt, sodass auch hier keine Fremdkörperreaktionen erfolgen können. Es verbleibt ein natürliches anorganisches Aufbaumaterial veganen Ursprungs mit einer einzigartigen, wabenähnlichen, tubulären Mikrostruktur aus miteinander verbundenen Poren mit einer hohen Analogie zum menschlichen Knochen.

Für welche Indikationen eignet sich AlgOss?

Rolf Ewers: Durch die beiden Darreichungsformen AlgOss 100 und AlgOss 20-80 haben wir Einsatzmöglichkeiten für unterschiedliche Resorptionsverhalten, wobei AlgOss 100 grundsätzlich für die Indikationen empfohlen wird, in denen über eine längere Zeit eine Volumenkonstanz wichtig ist. Defekte mit einer großen Kontaktfläche zum ortsständigen Knochen sollten bevorzugt mit dem biphasischen AlgOss 20-80 und einer schnelleren Resorptionsrate versorgt werden. Die Indikationen decken die Augmentation und Rekonstruktion des Alveolarkammes, die Sinusbodenelevation und die Behandlung knöcherner Defekte nach Zystektomien, Wurzelspitzenresektionen oder die schweren parodontalen Knochendefekte, das Auffüllen von Extraktionsalveolen oder das von parodontalen oder periimplantären Knochendefekten kombiniert mit einer Membran im Sinne einer GTR ab.

Was sollte ich bei der Anwendung im Weiteren beachten?

Rolf Ewers: Ganz wichtig – Wir wollen Knochen nicht ‚ersetzen‘, sondern wir wollen Knochen ‚aufbauen‘! Wählen Sie also zunächst die für die jeweilige Knochenregeneration optimale Darreichungsvariante und saturieren Sie das Granulat vor dem Einbringen mit venösem Eigenblut, um das Augmentat mit Serumproteinen und Wachstumsfaktoren anzureichern. Eine Anreichung mit autologen Knochenspänen ist ohne weiteres möglich und kann die Heilung weiter verbessern. Die Bandbreite der Granula reicht von 0,1 bis 2 mm und sollte der Defektgröße angepasst werden. Zudem sollte ein Teil der Granula immer zusätzlich mit einem Instrument zerkleinert werden. Statt zu einer Defektheilung kommt es mit AlgOss dann zu einer echten Regeneration im Sinne einer restitutio ad integrum.

Herzliches Danke für Ihre Zeit und dieses Gespräch, Herr Prof. Ewers.