​Der Vorteil, international besonders gut aufgestellt zu sein, geriet für Bego Implant Systems mit Covid-19 zur Herausforderung: Fast täglich ging einer der erfolgreichen Auslandsmärkte in den Lockdown und nicht überall konnten Zahnarztpraxen so schnell wieder zum Normalbetrieb zurückkehren wie in Deutschland. Wie geht es dem Bremer Implantathersteller heute?

Interview mit Walter Esinger (Geschäftsführer Bego Implant Systems GmbH & Co. KG) und Hendrik Eichner (Director Business Development und International Sales, Bego Implant Systems GmbH & Co. KG)

pip: Wie ist Bego Implant Systems in der neuen Normalität angekommen?

Welche weitreichenden Veränderungen eine globale Pandemie mit sich bringen wird, wurde uns schnell bewusst. Durch unsere intensive und langjährige Geschäftstätigkeit in Asien konnten wir sehr früh erste Eindrücke der Covid-19-Welle sammeln und gezielt Bewertungen vornehmen. Aus diesem Grund hatten wir uns auch schon im März entschlossen, unsere für Oktober 2020 geplante Bego Implant Systems-Konferenz in Amsterdam abzusagen. Die Gesundheit und das Wohl unserer eigenen Mitarbeiter und unserer Kunden hat höchste Priorität – und wir vermuteten, dass viele Praxen im Herbst, bei einer besseren Beherrschung der Situation als zu Beginn des zweiten Quartals, zunächst einmal dringlichere Themen haben würden, als an Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen. Nicht zuletzt, um noch die Ausfälle des Frühjahrs zu kompensieren. Ebenso frühzeitig haben wir daher sofort auf andere Möglichkeiten der Kommunikation und Wissensvermittlung in Form von Onlineseminaren umgeschwenkt. Ergänzend dazu wurde ein Homeoffice-Konzept und ein Pandemieplan umgesetzt, was für uns als Hersteller natürlich besonders wichtig und kritisch war. Letztlich ist uns unser großer internationaler Marktanteil dann doch wieder zu Gute gekommen, indem bei uns viele wertvolle Informationen und Impulse aus den wichtigsten Weltmärkten zusammengeflossen sind, wie man mit den neuen Herausforderungen umgehen muss – wir konnten daher besser agieren als bloß zu reagieren. Das kann in solchen Situationen ein entscheidender Vorteil sein. Ein kaum in Worte zufassendes Lob gebührt daneben all unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Jeder hatte ja auch persönlich mit den Umständen zu kämpfen, viele eingespielte familiäre Abläufe mussten komplett neu organisiert werden und die Verunsicherungen, vor allem der ersten Wochen, haben viele auch mental sehr belastet – aber wir alle haben fest an einem Strang gezogen, in kürzester Zeit neue Prozesse implementiert und jeder einzelne hat mit zusätzlichen Ideen und eigenem Engagement in seinem Bereich weitere gute Anregungen eingebracht. Wir sind sicherlich nicht soweit, Covid-19 auch noch dankbar zu sein, aber es ist schon eine Erfahrung, diesen Zusammenhalt und dieses Miteinander in einer echten Krise erleben zu dürfen.

pip: Welche besonderen Lehren und auch neue Ideen haben Sie aus den vergangenen Monaten ziehen können?

Wir werden häufig und gern im Markt als ‚Bego-Familie‘ betitelt und fühlen uns damit auch sehr wohl. Unsere Kunden und Geschäftspartner schätzen die Nähe zum Unternehmen und den Mitarbeitern der gesamten Bego, nicht nur zu Bego Implant Systems, sondern auch zur Bego Bremer Goldschlägerei und Bego Medical. Bei uns ist der Kunde keine ‚Nummer‘. Diese Nähe unserer Kunden und Partner zu unserem Unternehmen und dem gesamten Team war und ist in Zeiten von Corona eine besondere Herausforderung. Es bedurfte neuer Ideen, um für unsere Kunden und Geschäftspartner ‚wahrnehmbar‘ da zu sein. Unser erstes Anliegen war, Kunden bei der Gesundheitsprävention praktisch zu unterstützen, indem Bego-Mundschutzmasken mit einem ‚We care‘ Logo verschickt sowie Face-Shields und andere nützliche Accessoires gedruckt wurden. Die 3D-Druckdaten wurden außerdem digital zur Verfügung gestellt, um z. B. Face-Shield-Halter lokal drucken zu können, und es wurde eine Produktionsstraße für Desinfektionsmittel eingerichtet. Des Weiteren haben wir mit ausgewählten Spezialisten internationale Covid-19-Aufklärungswebinare veranstaltet. Die praktischen Hinweise zum Umgang mit dem Virus in all seinen verschiedenen Ausprägungen auf unsere Kunden und auf unsere Kundenbeziehungen wurden gesammelt und allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt. In den Ländern selbst haben unsere Niederlassungen und Distributoren mit uns Online-Seminare veranstaltet, damit die Zahnärzte sich untereinander austauschen konnten. Besonders in der Lockdown-Phase haben wir eine Serie kostenloser Online-Seminare mit internationalen Referenten aufgelegt, damit sich unsere Kunden in den unterschiedlichsten Bereichen trotzdem weiterbilden konnten. Dieses Engagement wurde uns mit echten Rekordbeteiligungen gedankt. Trotz der vielen Einschränkungen zeigte uns das Kunden-Feedback, dass wir über diese Maßnahmen das Bego-Familiengefühl weiter gestärkt haben.

pip: Wie haben sich Ihre Anwenderpraxen in Deutschland im internationalen Vergleich geschlagen?

Die Praxen in Deutschland hatten zunächst ebenfalls mit Patientenrückgängen, den enorm aufwendigen Hygienemaßnahmen und einer Neu-Organisation des Praxisalltags zu kämpfen und haben dies nach unserer Einschätzung sehr gut gemanagt. Der Hygienestandard war und ist in Deutschland ohnehin bereits sehr hoch. Und auch im Hinblick auf gesetzliche Vorgaben können wir uns in Deutschland im internationalen Vergleich nicht beschweren. In vielen anderen europäischen Ländern mussten die Zahnarztpraxen während des Lockdowns komplett geschlossen bleiben und nur Notfälle durften unter strengen, teilweise abenteuerlichen Auflagen behandelt werden. Besonders gelitten haben im Ausland natürlich die Kliniken, die in der Vergangenheit stark auf Dentaltourismus gesetzt haben, wie einige große Kliniken und Ketten in der Türkei oder auch in Kroatien. Hier waren unsere Möglichkeiten zu helfen leider begrenzt.

pip: Konnten Sie Ihrerseits die Zwangspause nutzen, um neue Problemlösungen zu entwickeln – sowohl bei Abläufen als auch bei Produkten?

Uns ist klar, dass in Zukunft alles noch digitaler ablaufen wird. Es hat sich ein ganz anderes Verständnis für Online-Seminare entwickelt. Neu für uns war z.B. ein Überwachungsaudit, das erstmalig überwiegend online stattgefunden hat. Darauf waren wir natürlich nicht wirklich vorbereitet, haben uns aber ebenso schnell in diese Herausforderung eingearbeitet und am Ende auch ein sehr erfolgreiches Online-Audit über die Bühne gebracht. Ein Thema, um das wir uns verstärkt durch die Corona-Pandemie bemüht haben, ist, unseren Marktzugang zu erhalten. Hier mussten wir unverzüglich Wege finden, unsere normalerweise wirklich vielen Reisen und Veranstaltungsbeteiligungen mit geeigneten Maßnahmen pragmatisch zu kompensieren. Regelmäßige Online-Dialogrunden mit unseren Partnern und deren Kunden haben sich hier als probates Mittel erwiesen. Unser vor zwei Jahren ins Leben berufenes, digitales ‚Live-Team‘ hat in der Kundenberatung und im Bereich der Online-Kommunikation richtig viel zu tun. Wir hatten uns außerdem schon länger mit dem Thema ‚Homeoffice‘ beschäftigt und dies nun kurzfristig umgesetzt. Daneben haben wir natürlich in der Zwangspause an den Projekten weitergearbeitet, die wir ohnehin in der Pipeline hatten. Wir kommen hier schon bald mit weiteren spannenden Lösungen auf unsere Anwender zu.

pip: Können Sie einen Ausblick auf das noch neue Jahr 2021 wagen – was sind Ihre erklärten nächsten Ziele?

Ein Ausblick auf 2021 ist ein Blick in die Glaskugel. Wir wünschen uns natürlich, dass wir über die Verbreitung der Impfungen bald wieder geplante Präsenz-Veranstaltungen wahrnehmen können, um vor allem für unsere Kunden wieder persönlicher bzw. greifbarer da zu sein, zum Beispiel beim Fortbildungskurs am Humanpräparat mit Prof. Smeets und Dr. Neumeyer im Juni in Hamburg. Wir glauben, wir müssen auch nicht lange suchen, um Kolleginnen und Kollegen zu finden, die sich gerne wieder auf die Reise in internationale Märkte begeben und die Weltoffenheit und die vielen bereichernden Kontakte weltweit zu schätzen wissen. Auch unsere internationalen Partner gehen motiviert und mit vielen neuen Ideen in das noch neue Jahr. Wir leben ganz besonders von der Nähe zu unseren Partnern und Kunden. Deshalb streben wir an, aus der ‚neuen Normalität‘ eine etwas ‚bekanntere Normalität‘ zu machen. Es ist beispielsweise bei uns eine gute und gepflegte Tradition, dass unsere Kunden sich hier in Bremen einmal persönlich die Produktionsprozesse und die nachgelagerte Qualitätskontrolle und viele andere Abläufe anschauen sowie auch die Kollegen im Service und in der Produktion persönlich kennenlernen können. In diesem Bereich fehlt uns der intensive Austausch sehr. Videokonferenzen haben sich ganz ohne Frage als gutes Tool etabliert, können aber die Nähe und Herzlichkeit, die unseren Beziehungen zugrunde liegen, nicht ersetzen. Nichtsdestotrotz müssen wir die weiteren Entwicklungen abwarten. Wie bereits eingangs gesagt: Die Gesundheit und das Wohl unserer eigenen Mitarbeiter und unserer Kunden hat höchste Priorität.

pip: Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Fortbildung am Humanpräparat

10. und 11. Juni 2021

Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf