Blutkonzentrate: „Hatten wir das nicht schon einmal?“, fragte sich mancher, als vor ein paar Jahren das Thema Plättchenreichen Plasmas zur Regeneration wieder aufkam. Prof. Dr. mult. Shahram Ghanaati von der Universität Frankfurt zeigte sich rasch als besonders aktiver Protagonist dieser neuen Welle und trennt hier Hype von Fakten.

Interview mit Prof. Dr. mult. Shahram Ghanaati, Leitender Oberarzt und Stellvertreter des Klinikdirektors

pip: Nach der ersten PRP-Welle in den 90er Jahren blieben viele ernüchtert zurück …

Shahram Ghanaati: …und wenn wir nicht gut aufpassen, passiert dasselbe diesmal auch wieder. Zum einen ist PRP nicht gleich PRP. Es schwirren derzeit schon wieder ebenso viele unhaltbare Versprechungen wie unterschiedliche Aufbereitungsformen herum – so kommen wir aber nie zu einer wissenschaftlich belastbaren Aussage.

pip: Was soll man denn nun nehmen, PRGF, PRP, a-PRF oder i-PRF oder A-PRP?

Shahram Ghanaati: Sie machen jetzt genau den Fehler vieler, ein Blutkonzentrat als Produkt zu sehen. Die Herstellung eines Blutkonzentrats, egal ob in fester oder flüssiger Form, ist aber nicht nur ebenso individuell wie das Patientenblut, aus dem es gewonnen wird, sondern je nach Aufbereitungsform eignet es sich auch für völlig unterschiedliche Indikationen. Aus diesem Grund postulieren wir ja das LSCC – Low Speed Centrifugation Concept, mit dem sich drei unterschiedliche Aufbereitungsformen – low, medium und high speed – für die spezifischen Einsatzbereiche erzielen lassen. Eigentlich ist sogar das ‚P‘ in den vielen Bezeichnungen, die Sie genannt haben, irreführend, denn es geht bei weitem nicht nur um die Platelets, sondern um das gesamte Blut mit all seinen Vorzügen: Das Potential zur Immunabwehr durch die Leukozyten, die Wachstumsfaktoren und das Fibrin – und das jeweils genau in der Konzentration, in der es an einem spezifischen Einsatzort richtig und nötig ist.

pip: Wie ist denn die genaue Wirkungsweise nach Ihrem Konzept?

Shahram Ghanaati: Hier öffnet sich ein enorm weites Feld, auch in der Orthopädie, Dermatologie, Plastischen Chirurgie und vielem mehr. Je nach Aufbereitung beobachten wir eine Beschleunigung der Wundheilung, eine Verringerung posttraumatischer Schwellungen und ein deutlich reduziertes Schmerzempfinden beim Patienten. Mein Ziel ist – und ich lade Kollegen aus Forschung und Praxis herzlich ein, dazu mit mir Kontakt aufzunehmen – mit reproduzierbaren Protokollen, wie wir es u.a. mit der Zentrifuge von Joseph Choukroun und Mectron etabliert haben, genau zu untersuchen, in welchen Bereichen Blutkonzentrate sinnvoll sind und in welchen nicht. Das geht von der Extraktionsalveole über den Sinuslift, die Sofortimplantation bis zur Augmentation ohne oder mit unterschiedlichen Biomaterialien. Letzteres ist an sich allein ein sehr breites und spannendes Forschungsgebiet, denn es zeigt sich z.B., dass einige Knochenersatzmaterialien vom Plasma gar nicht richtig durchdrungen werden. Wir müssen uns aber auf eine Substanz – Blutkonzentrate in fester oder flüssiger Form, ohne Einsatz von Antikoagulantien – und die Aufbereitungsmethode nach dem LSCC einigen, damit wir endlich standardisierte Ergebnisse erreichen und belastbare Aussagen treffen können.

pip: PRF ist Ihrer Meinung nach also ganz zurecht wieder ‚in Mode‘?

Shahram Ghanaati: Ihre Formulierung deutet genau auf die Problematik hin: Wie immer bei einer ‚Mode‘ gibt es derzeit viel zu viele Leute, die auf diesen Zug aufspringen wollen, unhaltbare Versprechungen machen und mit irgendwelchen scheinbar einzig wahren ‚Blut-Produkten‘ und immer neuen Protokollen Verwirrung stiften. Das ist riskant! Wir brauchen standardisierte Vorgehensweisen, um auch eine solide Wissenschaftslage etablieren zu können. Wir müssen Guidelines entwickeln, wie man Eigenblutkonzentrate korrekt für spezifische Indikationen herstellt, wir brauchen Online-Tutorials und internationale Zusammentreffen. Daraus werden wir Daten ziehen können, die das regenerative Potential in den unterschiedlichen Bereichen belastbar wiedergeben. Ein weiterer Punkt ist dann die Verbesserung der Qualität des Ausgangsmaterials, z.B. durch Anhebung des Vitamin-D-Spiegels im Blut. Ich bin ganz sicher, dass ich diese ‚Mode‘ lange überdauern werde – ich bin ein klassischer Typ.

pip: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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1st Autologous Blood Concentrate Day 11.09.2020

Radisson Blu Frankfurt

www.bc-day.info