Kurze Implantate, biologische Konzepte und evidenzbasierte Entscheidungen prägen die moderne Implantologie. Unter dem Leitthema „Kurze und schmale Implantate – eine Therapieoption für atrophierte Bereiche“ findet am 21. März in Berlin das BTI-Expertensymposium statt.
Interview mit Dr. med. dent. Babak Saidi – Implantologe und Moderator des BTI-Expertensymposiums
Was macht das BTI-Expertensymposium aus Ihrer Sicht so besonders?
Babak Saidi: Die Implantologie hat sich deutlich weiterentwickelt. Sie wird heute nicht mehr rein mechanisch nach dem Prinzip möglichst lang und möglichst breit betrieben. Mithilfe evidenzbasierter Wissenschaft und Finite-Element-Analysen können wir besser einschätzen, was biologisch sinnvoll und langfristig stabil ist und wo Grenzen liegen. Gerade vor dem Hintergrund periimplantärer Entzündungen ist ein sehr langes Implantat nicht automatisch die beste Wahl. Ein zentraler Aspekt ist die biologisch orientierte Implantologie. Autologe Wachstumsfaktoren erleben ähnlich wie der autologe Knochen eine Renaissance und gelten in vielen aktuellen Publikationen als selbstverständlich.
Mit Prof. Eduardo Anitua, einem der weltweit anerkanntesten Experten auf diesem Gebiet, haben wir hier ein besonderes Highlight. Ergänzt wird das Programm durch praxisnahe Konzepte zu kompromittierten Patienten, ästhetisch anspruchsvollen Situationen und kurzen Implantaten bei hochatrophierten Kiefern. Das sind genau die Themen, die die Implantologie heute spannend machen.
Warum ist das Leitthema des Kongresses so relevant?
Babak Saidi: Wenn wir mit kurzen oder durchmesserreduzierten Implantaten vergleichbare Ergebnisse wie mit Standardimplantaten erzielen können, ist das ein klarer Gewinn. Studien zeigen, dass selbst unter optimaler Nachsorge periimplantäre Entzündungen auftreten können. Muss ein Implantat entfernt werden, ist dies bei kürzeren Implantaten meist weniger traumatisch und lässt mehr Knochen für eine zweite Chance. Gerade bei stark atrophierten Situationen eröffnen sich damit Therapieoptionen ohne umfangreiche und risikobehaftete Augmentationen. Das ist kein Plädoyer gegen augmentative Chirurgie, sondern eine patientenorientierte Alternative mit geringerem Aufwand, geringerem Risiko und niedrigeren Kosten.
Welche Rolle spielen biologische Konzepte wie PRGF-Endoret heute?
Babak Saidi: Für den kompromittierten Patienten sind autologe Wachstumsfaktoren aus meiner Sicht unverzichtbar. Sie erhöhen die Sicherheit der Therapie bei geringem Zusatzaufwand, insbesondere bei Patienten unter Antiresorptiva. Hier kann eine festsitzende implantatgetragene Versorgung gegenüber dem Prothesenersatz klare Vorteile haben. Biologische Konzepte helfen uns, Regeneration und Implantatbett nachhaltig zu verbessern.
Was war Ihnen bei der inhaltlichen Dramaturgie des Symposiums wichtig?
Babak Saidi: Alle vorgestellten Konzepte sollen realistisch und direkt in die Praxis integrierbar sein. Die beschriebenen Indikationen wie hochatrophierte Kiefer, eingeschränkte Allgemeingesundheit oder hohe ästhetische Ansprüche begegnen uns täglich, nicht zuletzt durch den demografischen Wandel. Zahnersatz muss heute länger halten, ästhetische Ansprüche bleiben hoch und gleichzeitig verändern sich Knochenangebot und Biologie. Wir brauchen Lösungen, die den Patienten weniger belasten und dennoch langfristig stabil sind. Prof. Anitua spricht treffend von zu viel Titan. Wenn ein Implantat der Belastung standhält, stellt sich die Frage, warum wir mehr einsetzen sollten. Ziel muss sein, Knochen zu erhalten und biologisch sinnvoll zu arbeiten.
Welchen Mehrwert bietet der internationale und nationale Expertenmix?
Babak Saidi: Prof. Anitua vereint Wissenschaft, Klinik und Labor auf höchstem Niveau. Gleichzeitig zeigen erfahrene Praktiker wie Dr. Sven Bival und Dr. Paul Schuh, wie sich diese Konzepte im Praxisalltag umsetzen lassen. So wird deutlich, dass biologisch orientierte Implantologie kein elitäres Konzept ist, sondern flexibel an den eigenen Praxisschwerpunkt angepasst werden kann.
Der Austausch mit diesen Experten bietet Inspiration, konkrete Lösungsansätze und neue Perspektiven für die eigene Implantologie.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
