Der Einsatz verschiedener Mittel zur Verbesserung der Wundheilung und auch Stabilisierung von Augmentationsmaterialien beherrscht just fast jede Fortbildungsveranstaltung. Tatsächlich liegt in der „Biologisierung“ von Materialien ein großes Potential, und auch die Körperzelle freut sich ganz offenbar über einen kleinen Schubs in die richtige Richtung.

Interview mit Dr. Alexander Müller-Busch

Woher kommt der aktuell wieder so starke Hype, z. B. bei Plasmakonzentraten?

Das Thema die Wundheilungsprozesse zu beeinflussen war und ist eigentlich ein Dauerbrenner. Sei es durch den Einsatz von Kollagenen, Schmelz-Matrix-Proteinen, Plasmakonzentraten oder Hyaluronsäure. Da die Weiterentwicklung der unterschiedlichsten Produkte zu immer größeren Einsatzspektren führt, steigt das Interesse an diesen Produkten. Die immer gleiche Produktqualität, Menge und das biologische Potenzial der Hyaluronsäure heben dabei den Hype um die Wundheilungsmodulatoren auf ein neues Level.

Im Gegensatz zur ersten Welle in den 90er Jahren bemüht man sich ja nun um deutlich mehr wissenschaftliche Hintergründe und standardisierte Verfahren…

Betreffend der Plasmakonzentrate können nun endlich durch standardisierte Herstellungsprozesse (z.B. Low Speed Centrifugation System) entsprechende Studiendesigns aufgestellt werden. Somit sind die Studienergebnisse miteinander vergleichbar und es können fundierte Aussagen getroffen werden. Natürlich haben die Blutkonzentrate einen positiven Effekt auf die Wundheilung und sind somit in der Lage diese zu verbessern. Dennoch ist ihr Einsatz nicht für jedes Praxiskonzept umsetzbar. Anders bei der Hyaluronsäure.

Wo liegen die für den dentalchirurgischen Bereich wesentlichen Eigenschaften einer modernen Hyaluronsäure ?

Der unterschiedliche und sehr breit gestreute Einsatzbereich findet durch die sehr anwenderfreundliche Handhabung einen immer größer werdenden Absatzmarkt. Durch die gelförmige Darreichungsform kann die Hyaluronsäure sowohl für Weichgewebseingriffe in der Parodontologie als auch für knöcherne Augmentationen zur Herstellung des sogenannten ´Sticky Bone´ verwendet werden. Durch ihre stark hygroskopische Wirkung hat sie die Eigenschaft extrem viel Wasser – 1g HA bis zu 6 l Wasser- und somit auch Blut zu binden. Dadurch wird entweder sofort der Wundraum versiegelt oder im Falle einer Extraktion bzw. größeren chirurgischen Eingriff das Blutkoagel stabilisiert. Hyaluronsäure beschleunigt zudem die Wundheilung und Patienten haben signifikant weniger Schwellungen und Schmerzen im Wundgebiet. Weiterhin stimuliert HA die Wiederherstellung der Blutversorgung im Wundareal und hat eine bakteriostatische Wirkung. Durch die immer gleichbleibende vorhersagbare Bioaktivität des Produkts und die immer vorhersagbare Menge der sterilen Zylinderampulle gibt sie besonders in komplexeren chirurgischen Fällen oder bei Problempatienten, deren Behandlung sich oftmals intraoperativ als sehr aufwändig und dadurch natürlich auch komplikationsanfällig darstellt, wenigstens etwas Kontinuität im Workflow und eine starke vorhersagbare Verbesserung des Outcomes.

Man kann im Prinzip weiter sein bevorzugtes Behandlungsprotokoll anwenden und nur durch die zusätzliche Anwendung der Hyaluronsäure das Komplikationsrisiko verringern,  und dabei gleichzeitig die Vorhersagbarkeit und das Behandlungsergebnis verbessern. Also eine kleine Menge mit einer enorm großen Wirkung!

Und wo sind die bevorzugten Einsatzgebiete in der Parodontal-und Implantatchirurgie?

Einsatzbereiche bieten sich durch das breite Wirkspektrum und die Darreichungsform im Grunde in allen gängigen parodontal- und implantatchirurgischen Eingriffen. Sei es zur Herstellung des soeben genannten ´Sticky Bones´ und somit zur deutlichen Verbesserung der Stabilität des knöchernen Augmentats, oder als Adjuvans für parodontalchirurgische Eingriffe. Hier zeigt die moderne Hyaluronsäure durch ihre extrem lange Standzeit von mehreren Wochen ein unglaubliches Potenzial. Sie kann sowohl als Unterstützung für die nichtchirurgische PA-Behandlung oder die Versiegelung des gereinigten Wundraums als auch bei der offenen PA-Behandlung zur parodontalen Regeneration angewendet werden, und das in einem stark vereinfachten Anwendungsprotokoll ohne Konditionierung der Wurzeloberfläche, und ohne die Notwendigkeit der Trocknung des Wundgebiets vor der Applikation. Darüber hinaus kann die Hyaluronsäure durch ihre Verringerung der Narbenbildung besonders gut auch bei ästhetisch-parodontalchirurgischen Eingriffen verwendet werden. Durch die große Anzahl der Wirkkomponenten und die universelle Darreichungsform ergibt sich das schier grenzenlose Einsatzgebiet der Hyaluronsäure.

Haben wir neben klinischen Beobachtungen hier auch schon wissenschaftliche Studienergebnisse?

Der, wenn man so will, Hype um die Hyaluronsäure steigt seit einigen Jahren kontinuierlich an, und nicht nur die klinischen Erfahrungs- und Anwendungsberichte nehmen zu, sondern auch die Studienlage. Für alle Anwendungsgebiete der Hyaluronsäure im Dentalbereich wurden in den letzten Jahren systematisch wissenschaftliche Daten erhoben. So zeigen in-vitro-Arbeiten auf zellulärer Ebene, dass Hyaluronsäure einen positiven Einfluss auf praktisch alle Zelltypen, die zur Regeneration beitragen, hat: u.a. gingivale bzw. parodontale Fibroblasten, Osteoblasten und verschiedene Stammzell-Typen. In tierexperimentellen Arbeiten wurde u.a. eine signifikant beschleunigte Wundheilung und Neoangiogenese des Wundgebiets sowie eine Beschleunigung von Knochen- und parodontalen Defekten beschrieben. Nennenswert ist hier noch der histologische Nachweis der durch HA induzierten parodontalen Regeneration bei intraossären Defekten und bei Weichgewebsrezession. Darüber hinaus gibt es heute zahlreiche klinische Studien und sogar mehrere Reviews mit Meta-Analyse, die den positiven Einfluss von HA auf die nicht-chirurgische und chirurgische PA, bei Weichgewebseingriffen und zur Rezessionsdeckung, auf Wundheilung und Patientenwohlbefinden und auch auf eine verbesserte und beschleunigte Knochenheilung nach z.B. Extraktionen und lateralen Augmentationen zeigen.

Neben einem ´Booster´ für den Wundheilungsprozess sehen Sie in der HA also auch langfristig qualitätsverbesserndes Potential für das Weich- und auch das Hartgewebe?

Die Antwort ist für mich ganz klar: Ja. Für mich hat die Hyaluronsäure schon seit Jahren einen festen Platz in der Praxis. Sowohl für Weichgewebs- und knöcherne Augmentationsverfahren, als auch für paro-chirurgische Verfahren. Das Outcome von Weich-und Hartgewebseingriffen und die Wundheilungsergebnisse haben sich durch den Einsatz deutlich verbessert. Besonders bei multimorbiden Patienten und Patienten unter Antikoagulationstherapie verspricht die Hyaluronsäure deutlich mehr Vorhersagbarkeit bei all meinen Eingriffen. Ein neues Einsatzgebiet der Hyaluronsäure ist die nichtchirurgische- PA-Therapie. Hierfür wird mit Perisolv, einem Gemisch aus Natriumhypochlorid und einer Aminosäurelösung,  zuerst der Biofilm angelöst, danach durch Scaling and Root Planing entfernt und im Anschluss der Wundraum durch die Hyaluronsäure versiegelt. Das sogenannte ´Clean & Seal´ -Verfahren zeigt besonders bei Non-Respondern vielversprechende Ergebnisse. Kurz und knapp gesagt, durch die unkomplizierte Anwendung und den enormen ´Booster´ für so viele minimal- bis maximal invasive Therapien ist die Hyaluronsäure in meiner Praxis nicht mehr wegzudenken und behält also auch künftig ihren festen Platz als sicherer Begleiter bei vielen Eingriffen.

Herzliches Danke für das Gespräch.