Bei der erfolgreichen Veranstaltung der ersten Esthetic Days im September 2019 konnte noch niemand ahnen, wie sehr dereinst ein „Zoom-Effekt“ und die erhöhte Aufmerksamkeit  der Patienten für Mundgesundheit das Thema Ästhetik weiter in den Vordergrund rücken würden. Im September 2021 kommt es zu einer Neuauflage des Kongresses in Baden-Baden – es ist endlich wieder Zeit für die schönen Dinge !

Interview mit Dr. Kay Vietor, Zahnarzt für Oralchirurgie, Implantologie

pip: Es wurde in der Zahnmedizin nicht ganz ohne Argwohn beobachtet, das Thema „Ästhetik“mit einem eigenen Kongressformat so sehr in den Mittelpunkt zu rücken…

Kay Vietor: Als ich in die Vorplanungen für die ersten Esthetic Days 2019 integriert wurde,  war auch ich noch etwas unsicher, ob ´nur´ das Thema Ästhetik bei einem disziplinübergreifenden Kongressformat in dieser Form eine ausreichende Plattform darstellen würde. Wenn man allerdings über den Tellerrand hinausschaut,  und die Entwicklungen im Ausland, in den sozialen Interaktionen der Menschen und die modernen therapeutischen Möglichkeiten analysiert, war das Kongressthema allerdings nur eine logische Folge. Etwas mit Argwohn zu beobachten kann ja auch manchmal eine gewisse Unzufriedenheit bedeuten, ein Thema oder eine Entwicklung nicht selber antizipiert zu haben …

pip: Wo sehen Sie die Abgrenzung zwischen medizinischer Zahnheilkunde und „cosmetic dentistry“?

Kay Vietor: Das ist eine schwierige Frage,  da die Abgrenzung bisweilen einfach schwierig ist. Die Übergänge zwischen medizinische Zahnheilkunde und kosmetischer Behandlung sind natürlich bis zu einem gewissen Grad fließend geworden, da viele minimalinvasive Verfahren Einzug gehalten haben. Minimalinvasive Verfahren machen heute viele Dinge möglich, die vor wenigen Jahren in dieser Form noch nicht funktioniert hätten. Ein einfaches Beispiel: Vor einigen Jahren hätte es beim erwachsenen Patienten multipler Zahnpräparationen mit massivem Zahnhartsubstanzverlust zur ästhetischen Verbesserung bedurft –  heute erfolgt zunächst und minimal invasiv eine Alignerbehandlung und eventuell die Versorgung mit schonend aufgebrachten Veneers zum Abschluss. Einig sind wir uns sicher alle, dass das Prinzip ´nihil nocere“ und die Gesunderhaltung der Zähne und des Patienten auch bei ästhetischen Entscheidungen über allem steht,  und dass es natürlich unsere Aufgabe als Mediziner ist, gewisse Patienten mit schädigenden oder funktional unsinnigen Wunschvorstellungen vor sich selber zu schützen.  Und nehmen Sie  z.B. die inzwischen sehr oft genutzten Sofortversorgungskonzepte, die dank verbesserter Hardware und Protokolle immer häufiger sehr gut gelingen: Hier haben Sie die ideale Kombination einer funktionalen Verbesserung bei gleichzeitig einem meist deutlich verbesserten ästhetischen Outcome.

pip: Den Umständen geschuldet finden die Esthetic Days im September als Hybrid-Kongress statt – was dürfen wir vor Ort und online erwarten ?

Kay Vietor: Vor Ort wird die ästhetische Zahnheilkunde wieder aus den verschiedenen Blickwinkeln der Chirurgie, der Aligner-Therapie und der Prothetik,  und auch im Hinblick auf die Wertschöpfungskette in Praxis und Labor beleuchtet. Durch die Zusammenstellung des Programms ist es den Teilnehmern dabei möglich, ihre Schwerpunkte selbst zu setzen und sich die Themen von größtem eigenen Interesse passend zusammenzustellen. Bei allen gezeigten Konzepten und Behandlungsverfahren wird großer Wert auf die kurzfristige Umsetzungsmöglichkeit in der Praxis gelegt, sodass man am Montag nach dem Kongress sofort den Optimierungsprozess in der eigenen Praxis starten kann.

Auch Themen zur strategischen Ausrichtung für eine zukunftssicher Praxisführung spielen eine große Rolle. Für das Online-Format wird es meine Aufgabe sein,  dass die digitalen Teilnehmer eine interessante und abwechslungsreiche Veranstaltung erleben, die nicht nur aus dem reinen Streaming der Präsenzveranstaltung besteht, sondern die ein ganz eigenes Format erhält. Die digitalen Teilnehmer können in Echtzeit mit den Referenten auf der Bühne und mit anderen Teilnehmern und Partnern interagieren und so ein echtes Live-Erlebnis erhalten.  Im Grunde wird die Variabilität für die Online-Teilnehmer sogar noch etwas größer, da sie z. B. zwischen den einzelnen Workshops mit wenigen Mausklicks wechseln können. Wir wollen mit den Esthetic Days also auch neue Maßstäbe für Hybridveranstaltungen setzen.

pip: Sofortversorgungskonzepte werden, wie Sie auch erwähnten,  mittlerweile auch seitens der Patienten vermehrt verlangt. Sehen Sie Gefahren, die biologischen Grenzen zu sehr auszureizen, und gibt es am Kongress auch Antworten auf die klaren Abgrenzungen?

Kay Vietor: Selbst die modernen Sofortversorgungskonzepte können ihre therapeutischen Optionen natürlich auch nur in den biologisch gesetzten Grenzen erfüllen, Letztlich ist auch bei diesen Konzepten die maximale Nachhaltigkeit der Behandlung maßgeblich. Trotz der vielen interessanten Optionen einer Sofortversorgung darf man natürlich die Grundlagen einer erfolgreichen Implantat-Therapie nicht verlassen und muss sich immer der Grenzen des Möglichen bewusst sein. Allerdings darf man anerkennen, dass sich durch viele digitale Prozesse im Labor und in der Praxis und durch die weitere Entwicklung von Implantatsystemen mit einer deutlich erhöhten Primärstabilität die Grenzen des Möglichen vorhersagbar und belastbar weiter verschoben haben. Die von den Referenten vorgestellten Verfahren beruhen neben der großen klinischen Erfahrung der Vortragenden selbstverständlich auch auf der Grundlage der aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse.

pip: Neben medizinischen widmet sich die Veranstaltungen auch soften Themen wie Praxisführung, Mitarbeitermotivation, Marketing – was hat das mit Ästhetik zu tun?

Kay Vietor: Die ästhetisch anspruchsvollen Patientinnen und Patienten, die sich für eine Behandlung entscheiden, sind häufig bereit einen nicht unerheblichen Aufwand an Zeit und Geld für das gewünschte Ergebnis zu investieren. Dafür erwarten Sie auch eine Praxisstruktur und eine Betreuung, die ihnen dazu adäquat erscheint. Die Themen Praxisführung, Mitarbeitermotivation und Marketing sind daher sehr eng mit den vorgestellten Behandlungsangeboten verknüpft,  und spielen für den Erfolg in der ästhetischen Zahnheilkunde eine große Rolle. Sie zählen daneben zu den großen Herausforderungen der Zukunft, um das Unternehmen Zahnärztinnenpraxis oder Zahnarztpraxis für den Gesundheitsmarkt fit zu machen. Je besser das Gesamtkonzept einer Praxis funktioniert, umso eher wird sich der Patient mit dieser Praxis identifizieren. In Zukunft reicht es nicht mehr,  einfach nur Patienten zu haben, es ist besser man hat regelrechte Fans, die von der Leistungsfähigkeit der Praxis völlig überzeugt sind,  und in Zeiten von sozialen Medien und massiven multimedialen Beeinflussungen entsprechend eine stabile Bindung zu ihrer Zahnärztin oder ihrem Zahnarzt aufbauen.

Herzliches Danke für das Gespräch.