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Europas Herausforderungen in der Parodontologie

Steigende Inzidenzen, erhebliche strukturelle Unterschiede in Europa und die Herausforderungen des Transfers von der Forschung in die Praxis prägen die moderne Parodontologie. Prof. Dr. Mia Rakic, Präsidentin der EFP European Federation of Periodontology, spricht über notwendige Reformen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und ihre Ziele für die Zukunft des Fachgebiets.

Die Parodontologie steht europaweit vor einer Reihe komplexer Herausforderungen, darunter eine steigende Krankheitsprävalenz, ein Mangel an qualifiziertem Personal und eine zunehmende wissenschaftliche Komplexität – welche dieser aktuellen Herausforderungen halten Sie für besonders bezeichnend für die Zukunft des Fachgebiets in Europa?

Mia Rakic: Aus klinischer und gesundheitspolitischer Sicht ist die zunehmende Belastung durch Parodontalerkrankungen nicht nur in der alternden Bevölkerung, sondern auch bei jüngeren Generationen aufgrund von Lebensgewohnheiten und einem hektischen Lebensrhythmus ein großes Problem. So nimmt beispielsweise der Konsum von Anxiolytika und Antidepressiva bei jüngeren Generationen zu, was sich nachweislich negativ auf die Parodontalgesundheit auswirkt. Dies verdeutlicht perfekt die Komplexität der Bekämpfung der Belastung durch Parodontalerkrankungen, aber auch die Notwendigkeit eines koordinierten und gemeinsamen Vorgehens von Parodontologen und medizinischen Fachkräften. Die Parodontalforschung entwickelt sich rasant weiter, doch was wirklich zählt, ist die Umsetzung der Forschungsergebnisse in die klinische Praxis. In diesem Zusammenhang besteht die oberste Priorität darin, die interdisziplinäre Kluft zwischen Parodontalforschung und Parodontalpraxis zu überbrücken, aber nicht nur hier, sondern auch zwischen dem zahnmedizinischen und dem medizinischen Bereich. Die EFP organisiert einmal jährlich Konsensus-Workshops, um drängende klinische Fragen anzugehen und Leitlinien für die Prävention, Diagnose und Behandlung von Parodontalerkrankungen und Präimplantat-Erkrankungen nach modernsten wissenschaftlichen und klinischen Standards zu erstellen. Dies ist ein wirkungsvolles Instrument zur direkten klinischen Anleitung der Behandler nach den höchsten aktuellen Standards.

Darüber hinaus setzen die von der EFP akkreditierten Postgraduierten-programme und die EuroPerio-Kongresse stets die besten Formate für den Wissenstransfer ein, um die Durchbrüche der Parodontalforschung an die parodontologische Fachwelt weiterzugeben – von Berufseinsteigern bis hin zu etablierten Klinikern. Spitzenforschung ist eine treibende Kraft der paneuropäischen Fachgesellschaft, daher sind alle Maßnahmen der EFP darauf ausgerichtet, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die klinische Praxis aller Generationen zu übertragen. Dies ist per Definition eine große Herausforderung, und gleichzeitig für die EFP ihre größte Motivation.

Europa zeichnet sich durch erhebliche Unterschiede bei den Gesundheitssystemen, Präventionsstrategien und Ausbildungsstandards aus. Inwieweit beobachten Sie relevante Ungleichheiten in der Parodontalversorgung zwischen den Mitgliedstaaten, und wo sehen Sie den größten Bedarf an Harmonisierung?

Mia Rakic: In ganz Europa beobachten wir erhebliche Unterschiede in der Parodontalversorgung, insbesondere hinsichtlich des Zugangs zur Prävention, des Integrationsgrades in die Gesundheitssysteme und der Struktur der Facharztausbildung. Wir müssen jedoch zugeben, dass sich die globale Lage in den letzten Jahren verändert hat, sodass es schwierig ist, die genauen Auswirkungen einzuschätzen. Auf jeden Fall ist eine synchronisierte und strukturierte Facharztausbildung stets ein idealer Weg, um hohe Standards in der parodontologischen Versorgung zu gewährleisten, und dies stellt die Kernmarke der von der European Federation of Periodontology akkreditierten postgradualen Ausbildungsprogramme dar. Zwar ist die Parodontologie in mehreren europäischen Ländern offiziell als Fachgebiet anerkannt, doch verfügt sie noch nicht über einen einheitlichen rechtlichen Status in der gesamten EU, und die EFP setzt sich konsequent für eine EU-weite Anerkennung des Fachgebiets Parodontologie ein, um eine parodontologische Ausbildung auf hohem Niveau und eine damit verbundene optimale parodontologische Versorgung zu fördern.

Ihre Präsidentschaft bei der Europäischen Föderation für Parodontologie ist auch mit persönlichen Prioritäten verbunden. Welche Themen oder Initiativen möchten Sie während Ihrer Amtszeit besonders fördern, und warum?

Mia Rakic: Der Schwerpunkt meiner Präsidentschaft wird auf der Stärkung der Rolle der EFP als führende wissenschaftliche und klinische Referenz in der Parodontologie liegen, während gleichzeitig ihr Beitrag zur öffentlichen Gesundheit weiter ausgebaut wird. Eine zentrale Priorität ist der Aufbau eines europäischen wissenschaftlichen Netzwerks innerhalb der EFP, das darauf abzielt, die Zusammenarbeit zwischen Forschern, Klinikern und nationalen Gesellschaften zu verbessern, um die Reichweite der EFP-Prioritäten zu vergrößern. Durch die Förderung einer strukturierteren und koordinierten Interaktion können wir sicherstellen, dass sich abzeichnende Prioritäten frühzeitig erkannt und effektiver angegangen werden, und durch den regelmäßigen Dialog mit den nationalen Gesellschaften können wir deren Bedürfnisse und Herausforderungen besser verstehen und diese an die zuständigen Ausschüsse weiterleiten. Dies wird uns helfen, Maßnahmen zu priorisieren und sie effektiv anzugehen. Gleichzeitig möchte ich die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Praxis und Politik weiter vorantreiben. Dazu gehören die Weiterentwicklung hochwertiger klinischer Leitlinien, die Unterstützung von Aus- und Weiterbildung sowie die Stärkung unseres Engagements gegenüber politischen Entscheidungsträgern und anderen medizinischen Disziplinen. Schließlich wird die stärkere Einbindung jüngerer Fachkräfte ein wichtiger Schwerpunkt sein. Ihr Engagement ist unerlässlich, um Kontinuität, Innovation und effektive Kommunikation in unserem Fachgebiet zu gewährleisten. Indem wir mehr Möglichkeiten für ihre Beteiligung schaffen, können wir maßgeblich dazu beitragen, die Zukunft der Parodontologie auf dynamische und integrative Weise zu gestalten.

Die nächste EuroPerio12 in München im Jahr 2028 wird erneut als zentrales Forum für die internationale Parodontologie gelten, und nach den sehr erfolgreichen letzten Veranstaltungen sind die Erwartungen hoch gesteckt. Welche Schlüsselthemen und neuen Ideen haben Sie bereits für die Veranstaltung im Sinn, insbesondere im Hinblick auf interdisziplinäre Ansätze und die Zukunft der Prävention?

Die EuroPerio12 in München wird erneut ein wichtiger Meilenstein für die globale Parodontologie-Gemeinschaft sein, bei dem die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen in der Parodontologie und der Implantologie vorgestellt und gleichzeitig die zukünftige Ausrichtung des Fachgebiets thematisiert werden. Wir sind derzeit dabei, das wissenschaftliche Programm zu entwickeln, und im Laufe dieses Jahres werde ich aktiv mit dem EuroPerio12-Organisationskomitee zusammenarbeiten, um einen erneut großartigen Erfolg für München sicherzustellen. Das Komitee arbeitet bereits mit Hochdruck daran, ein hochwertiges Programm zu entwerfen, das führende Experten, Industriepartner und die breitere Fachgemeinschaft zusammenbringt. Ein Schwerpunkt wird nicht nur darauf liegen, die nächste Generation von Parodontologen so effektiv wie möglich einzubinden, sondern auch die Prävention auf eine neue Ebene zu heben, indem wir die Ausbildung und den Wissenstransfer so effizient und wirkungsvoll wie möglich gestalten. Gleichzeitig wollen wir starke interdisziplinäre Brücken bauen – damit Prävention nicht isoliert betrachtet wird, sondern als gemeinsame Verantwortung aller Disziplinen, wobei alle Beteiligten, einschließlich Dentalhygieniker und darüber hinaus, auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Dies ist jedoch bereits ein etablierter und wiedererkennbarer Stil von EuroPerio; die Neuerung besteht darin, dass wir innovative Formate einführen werden, die mutige Redner der jüngeren Generationen aus allen nationalen Gesellschaften der EFP auf die Bühne bringen. Ich glaube insgesamt, dass München eine großartige Blüte der Parodontologie sein wird.

Dies ist jedoch bereits ein etablierter und wiedererkennbarer Stil von EuroPerio; die Neuerung besteht darin, dass wir innovative Formate einführen werden, die mutige Redner der jüngeren Generationen aus allen nationalen Gesellschaften der EFP auf die Bühne bringen. Ich glaube insgesamt, dass München eine großartige Blüte der Parodontologie sein wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch.