Schon seit mehr als zwei Jahren ist GalvoSurge im klinischen Einsatz. Zeit für eine Standortbestimmung: Haben wir tatsächlich nun das erste wirksame Mittel gegen Periimplantitis oder scheitert einmal mehr eine geniale Idee aus der Forschung am klinischen Alltag?

Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. dent. Dr. med. habil. Markus Schlee, Parodontologe, Implantologe  

Fassen Sie die Wirkungsweise von GalvoSurge bitte doch noch einmal kurz zusammen.

Markus Schlee: Alle bisherigen Versuche, bei einer periimplantären Entzündung dem Biofilm von außen so effektiv zu Leibe zu rücken, dass eine Heilung möglich ist, sei es mit Laser, mechanischen oder chemischen Methoden, sind im Grunde fehlgeschlagen und hatten zusätzlich den Nachteil, dass dabei die für eine gute Anbindung der Gewebe ausgelegte Mikro- und Makrostruktur der Implantate oft zusätzlich beeinträchtigt wurde. Das GalvoSurge-Prinzip wirkt von innen nach außen: Der elektrolytische Prozess aktiviert Wasserstoff an der Implantatoberfläche, was den Biofilm anhebt und entfernt. Ein völlig zerstörungsfreies und atraumatisches Vorgehen, für den Patienten dabei absolut schmerzfrei und endlich auch nachhaltig wirkungsvoll.

Wie sehen denn Ihre eigenen Erfahrungen im klinischen Alltag aus?

Markus Schlee: Wir bekommen das Implantat mit GalvoSurge innerhalb von nur zwei Minuten sauber, aber – und nun aufgemerkt – dann fängt die eigentliche Arbeit an. Aufmachen – saubermachen – zuklappen, wie es sich offenbar in den Köpfen einiger Kollegen verankert hat, ist keine gute Idee. Ich glaube, wir sollten, wenn wir schon bei ‚sauber‘ sind, auch das Ziel einer Periimplantitis-Therapie zunächst noch einmal sauberer definieren, denn ‚ein bisschen die Entzündung reduzieren‘ ist als Ziel absolut unbefriedigend. Umso mehr, als uns die Studienlage inzwischen zeigt, dass die periimplantäre Entzündung viermal stärker in die Gewebe eindringt als die normale Parodontitis und damit die einhergehenden systemischen Erkrankungen vermutlich umso aggressiver getriggert werden könnten. Das Ziel muss daher nun ganz klar höhergesteckt und so definiert werden, dass das Implantat nach der Behandlung wieder fest und entzündungsfrei und komplett im Knochen steht.

Also: Entweder Heilung oder Explantation!

Und was hören Sie von anderen Anwendern, die mit dem Prinzip nicht so eng und von Anbeginn verbunden waren wie Sie selber?

Markus Schlee: Da trennt sich doch die Spreu vom Weizen bzw. man sollte sowohl hinsichtlich der Fall-Definition, also der ätiologiebezogenen Definition, als auch der Einschätzung der eigenen chirurgischen Fähigkeiten versiert und realistisch sein. Wenn die Ursache einer Periimplantitis, salopp ausgedrückt, ein ‚krummer Dübel‘ ist, wird auch die Reinigung mit einem so innovativen Ansatz langfristig nichts nutzen. Man sollte daneben die chirurgischen Techniken beherrschen – es ist ansonsten doch nichts dagegen zu sagen, eine solche Behandlung an einen Spezialisten zu überweisen, der ein GalvoSurge in seiner Praxis hat und sowohl die Ursachen der Entzündung korrekt analysieren kann als auch die entsprechenden Fähigkeiten im Hart- und Weichgewebsmanagement beherrscht.

Lassen sich diese Anwenderprobleme durch gezielte Fortbildung lösen oder plädieren Sie am Ende sogar für einen ‚GalvoSurge‘-Führerschein?

Markus Schlee: Viele Kollegen haben sich bereits intensiv mit Augmentations- und Weichgewebstechniken auseinandergesetzt. Das ist der kritische Faktor bei der Behandlung mit GalvoSurge. Da sollte sich jeder selbstkritisch einschätzen und fortbilden. Das Kursangebot an sich ist bereits vorhanden, auch in unserem Zentrum laufen hierzu regelmäßig Veranstaltungen, und es ist keine Schande, nach dem Besuch einer solchen Veranstaltung zum Schluss zu kommen, dass man künftig diese Eingriffe lieber mit Unterstützung durch eine Hospitation vornimmt oder an eine dritte Praxis verweist. Für versierte Kollegen, die den Fall klar analysieren und auf ein ganzes Spektrum an chirurgischen Techniken zurückgreifen können, wird GalvoSurge mit Sicherheit eine enorm wirksame Waffe im Kampf gegen eine der größten Komplikationen sein, die uns in der Praxis immer häufiger begegnet.

Welchen persönlichen Rat möchten Sie den Kollegen mitgeben, die GalvoSurge einsetzen möchten?

Markus Schlee: Besuchen Sie einen der Kurse und schauen sich das Verfahren in Ruhe an und auch, was Sie dafür mitbringen sollten – dann treffen Sie sicherlich eine gute Entscheidung.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.