25 Jahre Geistlich Deutschland bedeuten auch eine lange gemeinsame Geschichte mit Meinungsbildnern aus Wissenschaft, Forschung und Klinik, um mit neuen Entwicklungen und Techniken die immer weiter gesteckten Grenzen in der Geweberegeneration vorhersagbar und sicher erreichen zu können.

Interview mit Dr. rer. nat. Thomas Braun, Geschäftsführer Geistlich Biomaterials Deutschland

pip: Es dürfen nicht nur 25 Jahre Geistlich Deutschland gefeiert werden, auch Sie persönlich sind seit genau 25 Jahren bei Geistlich Deutschland, davon 20 Jahre als Geschäftsführer dabei – in heutigen Zeiten sicherlich sehr außergewöhnlich …

Thomas Braun: Wollen Sie andeuten, dass ich offenbar nicht sehr beweglich bin? Aber natürlich haben Sie recht, umso mehr, als ich in dieser Zeit natürlich gemeinsam mit unseren Kollegen und vielen engagierten Anwendern und Wissenschaftlern in Universitäten und in der Forschung unglaubliche Entwicklungen des Unternehmens begleiten und voranbringen durfte. Übrigens darf ich nicht ohne Stolz festhalten, dass die Fluktuation bei Geistlich Deutschland insgesamt sehr gering ist – und das sowohl auf Mitarbeiterals auch auf Kundenseite. Anwender mit den allerersten Kundennummern sind immer noch treue und unverbrüchliche Freunde des Hauses. Das ist in heutigen Zeiten sicherlich ebenso außergewöhnlich.

pip: Womit erklären Sie sich das?

Thomas Braun: Wir haben als Unternehmen eine ganz klare Konzentration auf die Regeneration und eine enorme Leidenschaft für dieses Thema entwickelt – entweder man begreift das Potenzial und verliebt sich in diesen Bereich oder man kann nichts damit anfangen. Diese intrinsische Leidenschaft tragen wir sehr überzeugt nach außen und können Anwender, die das Potenzial der Geweberegeneration mit all seinen Facetten ebenso erkennen, natürlich auch entsprechend begeistern.

pip: Wie sah denn die regenerative Welt aus zum Start der Geistlich Deutschland?

Thomas Braun: Für jüngere Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner, besonders in der Chirurgie, mag das kaum mehr vorstellbar sein, aber tatsächlich waren zum damaligen Zeitpunkt GBR und GTR keineswegs etablierte, geschweige denn Standardverfahren. Knochenersatzmaterialien galten aufgrund der klinischen Ergebnisse als weitgehend experimentell, der Goldstandard war ganz klar der autologe Knochen, trotz der auch damals schon diskutierten Morbiditätsrisiken und der Belastungen für den Patienten. Membrantechniken zeigten hohe Misserfolgsraten und sehr häufig Probleme mit Dehiszenzen und daraus resultierenden, umso schwieriger zu beherrschenden Situationen. Sinuslift-OPs, die heute sehr elegant in der niedergelassenen Praxis vorgenommen werden, waren damals spektakuläre Eingriffe und das Einbringen von Augmentationsmaterialien in die Kieferhöhle vom Vorwurf begleitet, dort ‚Keramikfriedhöfe‘ anzulegen. Dass wir mit Bio-Oss diese Materialien hinter uns lassen konnten, war also auch ein Meilenstein. Auch kieferkammerhaltende Maßnahmen, die in vielen Praxen nach der Extraktion heute zum Standard zählen, um künftige aufwendigere GBR zu vermeiden, waren damals noch kaum ein Thema.

Geistlich

Das gesamte Team um Dr. Thomas Braun (oben Mitte) feiert die vergangenen 25 Jahre Geistlich Biomaterials und freut sich auf die Zukunft

pip: Wie haben Bio-Oss und Bio-Gide diese Welt verändert?

Thomas Braun: Ich darf wohl, nicht zuletzt untermauert von inzwischen mehr als 1.500 wissenschaftlichen Studien, behaupten, dass mit der Einführung von Bio-Oss vor übrigens schon 35 Jahren vollkommen neue Behandlungskonzepte in der Augmentation geschaffen wurden. Wobei wir direkt mit einem hartnäckigen Missverständnis aufräumen sollten: Die Herkunft des Materials – also ob bovin, porcin, equin oder synthetisch – ist eigentlich zweitrangig, die Aufbereitung ist die Crux. Das Geistlich-Patent, wie sich Proteine aus Rinderknochen lösen lassen, zählt wie Maggi und Coca Cola zu den bestgehüteten Geheimnissen. Mit der Aufbereitung eines Augmentationsmaterials entscheidet sich, wie es biologisch reagiert, wie es der Organismus verstoffwechselt und in den gewünschten regenerativen Prozess umsetzt. Hier haben wir mit allen unseren Produkten, ob Bio-Oss, Bio-Gide, Mucograft oder vielen weiteren Entwicklungen, durchweg ausgezeichnete Ergebnisse. Alle 18 Sekunden wird irgendwo auf der Welt Bio-Oss verwendet – das ist schon eine beeindruckende Vorstellung, Teil einer solchen Erfolgsgeschichte zu sein.

pip: Wenn die Produkte klinisch so gut funktionieren, woher kommt Ihre große Beflissenheit bei wissenschaftlichen Studien?

Thomas Braun: Das Unternehmen Geistlich hat seine Genetik und Tradition in der Forschung und Entwicklung, seit Dr. Peter Geistlich in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die ersten Gespräche mit Prof. Dr. Philip Boyne von der Loma Linda Universität führte. Peter Geistlich hatte in einem Kieferchirurgie-Journal einen Artikel zur Rekonstruktion von Kieferknochen gelesen und darüber den Gedanken, ein hoch aufgereinigtes und dem menschlichen Knochen strukturell sehr ähnliches Material entwickeln zu können. Der enge Austausch und auch der Respekt vor Forschung und Wissenschaft sind seither in unserer DNA – was auch der Grund ist, warum wir in der Regel bereits über ein halbes Dutzend wissenschaftliche Publikationen verfügen, ehe ein Produkt von uns auf den Markt kommt. Die Wissenschaftler und Meinungsbildner, mit denen wir zusammenarbeiten, schauen sehr genau, ob wir unsere Hausaufgaben gemacht haben. Das mag für Leute aus dem Marketing oder im Vertrieb bisweilen ein wenig verstörend sein, weil wir grundsätzlich nicht aus der Hüfte schießen, es hat sich aber in den doch oft kritischen Bereichen, in denen wir mit unseren regenerativen Produkten unterwegs sind, bestätigt und bewährt. Erst über präklinische und klinische Studien eröffnen sich zuverlässig neue Behandlungskonzepte. Nicht zuletzt sorgt auch erst der wissenschaftlich dokumentierte tiefe Einblick in die Performance eines Produktes dafür, dass auf dieser Grundlage weitere innovative Techniken entwickelt werden können.

pip: Ein gutes Stichwort – wagen wir einen Ausblick auf die nächsten 25 Jahre …

Thomas Braun: Das Unternehmen Geistlich besteht heute aus den Bereichen Biomaterials, Medical und Surgery und ist in weltweit mehr als 100 Ländern vertreten und daneben in der weltweiten Osteology Stiftung und der Osteo Science Foundation für USA und Kanada engagiert. Ich denke, dass Geistlich Biomaterials entscheidend daran beteiligt war und auch in Zukunft sein wird, dass man sich im Laufe der Zeit immer mehr in Grenzbereiche vorwagen kann, die vor 25 Jahren beispielsweise noch unvorstellbar waren. Tatsächlich berichten uns viele Anwender, dass die insgesamt sehr dynamische Entwicklung und der Gesamterfolg der dentalen Implantologie, der MKG-, Oral- und Implantat-Chirurgie der vergangenen beiden Jahrzehnte oft durch Produktentwicklungen und damit einhergehenden oder dadurch erst möglichen neuen Techniken von Geistlich maßgeblich begleitet wurden. Auf der anderen Seite zeigt uns genau diese Expertise und der tiefe Einblick in die regenerativen Prozesse, was noch alles zu lernen bleibt. Vitales Gewebe dorthin zu bekommen, wo keines mehr oder zu wenig Angebot ist, bleibt ein ungemein spannendes Feld. Es wird noch viel und wichtige Forschungsarbeit zu den Phänomenen der Körperreaktionen auf unterschiedliche Materialien, eventuelle Kombinationen und biologische Additive geben. Sicherlich werden wir uns bei den Defektmorphologien noch weiter in komplexe Gebiete hinein entwickeln. Daneben werden sich patientenindividuelle Konzepte weiter etablieren, ebenso die damit verbundene Biologisierung von Materialien oder sogar Herstellung körpereigener Augmentationsprodukte mittels PRF beispielsweise. Wobei allein hier eine Zukunft darin liegen wird, aus dem Blut eines Tages genau die für die spezifische Regeneration und Indikation erforderlichen aktiven Inhaltsstoffe zu isolieren und zu konzentrieren und dem Körper damit besser anzubieten als das eigene regenerative Potenzial es hergäbe. Ich denke, zusammen mit all unseren engagierten Mitarbeitern, bei denen ich mich an dieser Stelle auch herzlich für diese großartigen 25 Jahre bedanke, und allen langjährigen und zukünftigen Anwendern, denen mein Dank nicht minder gilt, dürfen wir uns auf ein ereignisreiches und inspirierendes weiteres Vierteljahrhundert freuen.

Herzliches Danke für dieses Gespräch, lieber Herr Dr. Braun.