Beim Drei-Länder-Symposium von Regedent in Bregenz stehen moderne Hyaluronsäure, nicht-chirurgische Therapiekonzepte sowie biologisch basierte Regenerationsverfahren im Fokus. Doch welche Relevanz haben diese Inhalte für die Praxis?
Interview mit Prof. Dr. Anton Friedmann, Wissenschaftlicher Leiter des Symposiums
Wie bewerten Sie das Thema „Moderne Hyaluronsäure in Parodontologie und dentaler Chirurgie“?
Anton Friedmann: Damit möchten wir das aktuelle Thema moderner Biologika aufgreifen und die Möglichkeiten aufzeigen, die sich aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre ergeben haben. Hyaluronsäure hat sich in der Parodontologie und in der dentalen Chirurgie als vielseitig einsetzbares Instrument etabliert. Dabei geht es nicht nur um chirurgische Anwendungen, sondern ausdrücklich auch um nicht-chirurgische Therapiekonzepte, insbesondere bei parodontal und periimplantär kompromittierten Situationen. Der nicht-chirurgische Ansatz in der Parodontitistherapie kombiniert adjuvante Anwendung von gepuffertem Hypochlorit als antiseptische Unterstützung der mechanischen subgingivalen Instrumentierung und die vernetzte Hyaluronsäure dient einer Art ‚Versiegelung‘ der Parodontaltasche. Die Wirkung gerade dieser Hyaluronsäure besteht im Einzelnen in der Stabilisierung des Blutkoagulums und der aktiven Unterstützung der Wundheilung.
In Ihrem Vortrag thematisieren Sie nicht-chirurgische Ansätze bei periimplantären Entzündungen und Knochendefekten. Welche Erkenntnisse sind hier wegweisend?
Anton Friedmann: Die Datenlage zur nicht-chirurgischen Periimplantitistherapie ist nach wie vor begrenzt. Literaturübersichten vermitteln eher den Eindruck, dass rein nicht-chirurgische Verfahren nur eingeschränkte Erfolgsaussichten haben. Mit dem von uns vorgestellten Clean- and Seal-Konzept zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Das Konzept kombiniert eine konsequente subgingivale mechanische Instrumentierung mit der Anwendung eines gepufferten Hypochlorid-Antiseptikums und einer abschließenden Applikation vernetzter Hyaluronsäure. Fallserien und eine Kohorte von 40 Patienten, die über zwölf Monate nachbeobachtet wurden, zeigen eine stabile Reduktion der Sondierungstiefen um mehrere Millimeter. Radiologisch ließ sich in der zweidimensionalen Auswertung eine Zunahme des marginalen Knochenniveaus erkennen.
Die chirurgischen, insbesondere rekonstruktiv ausgerichteten Eingriffe erreichen im Durchschnitt keine höheren Erfolgswerte. Vor diesem Hintergrund bietet das nicht-chirurgische Vorgehen Vorteile hinsichtlich Morbidität, Behandlungsaufwand und Gesamtbelastung für die Patienten.
Welche Trends sehen Sie im Bereich der parodontalen Regeneration und Bioaktivierung?
Anton Friedmann: Die Bioaktivierung von Wurzeloberflächen, Implantatoberflächen und Biomaterialien ist ein dynamisches Forschungsfeld. Vernetzte Hyaluronsäure erweist sich hier als konkurrenzfähig gegenüber etablierten biologisch aktiven Substanzen. Besonders spannend ist die Frage, inwieweit sie in ihrer Wirkweise mit Wachstumsfaktoren vergleichbar ist. Im internationalen Kontext, insbesondere in den am Symposium beteiligten Ländern wie Deutschland, Österreich und Italien, sind unterschiedliche Hyaluronsäurepräparate auf dem Markt. Ziel des Symposiums ist es, die Besonderheiten vernetzter Hyaluronsäure klar herauszuarbeiten und gegenüber anderen Produkten abzugrenzen. Das schafft Transparenz bei der Materialwahl.
Welche Rolle spielt Hyaluronsäure im Komplikationsmanagement?
Anton Friedmann: Die vernetzte Hyaluronsäure wirkt nicht nur auf das Weichgewebe und die Wundheilung, sondern greift nachweislich in den Knochenneubildungsprozess ein. In-vitro-Studien, tierexperimentelle Untersuchungen und klinische Beobachtungen zeigen, dass entsprechende Zellpopulationen positiv beeinflusst werden, wenn das Material im Defekt präsent ist. In der Implantologie eröffnet dies ein breites Einsatzspektrum, etwa zur Unterstützung der Osseointegration bei kompromittierten Knochenverhältnissen oder systemischen Risikofaktoren. Auch bei gestörter Heilung oder infektiösen Komplikationen kann die Applikation dazu beitragen, den Heilungsverlauf in eine stabile Richtung zu lenken. Gleichzeitig gilt: Weitere randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um das Potenzial der vernetzten Hyaluronsäure sowie des Clean- and Seal-Gesamtkonzepts wissenschaftlich weiter zu untermauern und langfristig zu etablieren.
Vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Gespräch.
