​Es mehren sich im Markt Gerüchte über einen neuen Implantat-Typ (Hybrid-Implantat), bei dem man die Vorzüge der Keramik mit den biomechanischen Eigenschaften des Titans verbinden könne. pip wollte mehr wissen und ging zurück an eine der Quellen in Forschung und Entwicklung.

Interview mit Prof. Dr. med. dent. Hans-Joachim Nickenig, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Universität Köln

pip: Haben wir mit dem Hybrid-Implantat nun endlich das Implantat für alle Indikationen und Situationen?

Hans-Joachim Nickenig: Die Kunst besteht ja eher darin, aus einem Portfolio von Hardware und Techniken die für die jeweilige Situation und den Patienten spezifisch beste Lösung zu finden – und da bietet ein Hybrid-Implantat ganz sicher eine ernstzunehmende Alternative und eine vielversprechende Ergänzung unseres Arsenals.

pip: Gibt es also künftig neben dem Titan- und Keramiksegment ein Hybridsegment?

Hans-Joachim Nickenig: Auch zu anderen Werkstoffen laufen aktuell noch interessante experimentelle Studien, aber ich bin sicher, dass sich das Hybridsegment seinen festen Platz erobern wird. Es verbindet die biomechanischen Vorteile von Titan mit einer ebenso guten, vielleicht sogar besseren Keramikoberfläche als die bisherigen Zirkonoxid-Implantate – nicht ganz so mikrorau wie Titan, aber besser als die konventionellen Keramiken, bei einer gleichzeitig erhöhten Bruchfestigkeit. Und ich vermeide die Emission von Metallionen ins Gewebe. Wobei es falsch wäre, Titan nun gänzlich zu verwerfen. Mit der langjährigen Studienlage und sehr vielen etablierten und sehr erfolgreichen Protokollen darf Titan weiterhin als Goldstandard gelten. Eines der attraktiven Aspekte beim Hybrid-Implantat ist ja eben genau, dass wir auf diese vorhandenen Protokolle zurückgreifen können!

pip: Cerid und Niob sind ja keine unbekannten Beschichtungstechnologien – warum erst jetzt dieses neue Konzept?

Hans-Joachim Nickenig: Was haben Sie gegen etablierte Technologien? Es ist doch gut, dass wir auf seit 20 Jahren bewährte und über eine erkleckliche Studienanzahl belegte Materialien zurückgreifen können. Während sich das damalige Implantatsystem nicht durchsetzen konnte, haben wir nun mit Myplant ein etabliertes System und dessen Erweiterung als Hybrid-Modell. Und unterschätzen Sie dabei nicht das material- und fertigungstechnische Know-how eines solchen Hybrids: Auch wenn es grundsätzlich möglich ist, jedes Titanimplantat mit Keramikcoating zu versehen, dürfte es hinsichtlich der Zulassung und der technischen Feinpassungen der beschichteten Implantat- und Prothetikteile nicht ganz so einfach sein.

pip: Welche wissenschaftlichen Erfahrungen haben Sie mit Cerid und Niob gemacht?

Hans-Joachim Nickenig: Die Graduierung des Implantates mit dem Einsatz von Cerid im enossalen Bereich und Niob in der Mukosaregion kommt nicht von ungefähr, sondern ist eine gewebespezifische Optimierung. In den Studien der Gruppe um Ishikawa aus Tokio konnte der beeindruckende Beweis geführt werden, dass die Gingiva-Epithelzellen Niob regelrecht lieben. Bei uns lief bereits eine immunhistologische Studie, in der wir über einen spezifischen Index keinerlei Entzündungsreaktionen über dem Material messen konnten. Es wäre sicherlich unseriös, heute schon von einer ‚Periimplantitis-Prophylaxe‘ zu sprechen, aber das werden wir in laufenden tierexperimentellen Untersuchungen weiter klären, und wir sind sehr gespannt.

pip: Birgt die Verbindung zweier unterschiedlicher Materialschichten nicht die Gefahr, dass sich die Keramikschicht vom Titan löst?

Hans-Joachim Nickenig: Fahren Sie kein Auto mehr? Ernsthaft, natürlich haben wir unsere schmerzlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit mit missglückten Plasmabeschichtungen, aber PVD, CVD und die regelrechte ‚Verschweißung‘ verschiedener Werkstoffe ist eine heute etablierte Technologie, auf die sich allein die komplette Autoindustrie sehr berechenbar verlässt.

pip: Wir haben also auch eine neue Hoffnung für die zunehmende Anzahl von Patienten mit Titan-Unverträglichkeiten?

Hans-Joachim Nickenig: Hier sehe ich überhaupt nicht die Hauptindikation, wie hoch die tatsächliche Zahl auch immer sein mag. Das Hybrid-Implantat ist kein Nischenprodukt, sondern wird aufgrund der Vielzahl seiner allgemeinen Vorteile seinen Platz in der Implantologie finden und behaupten können.

Herzliches Dankeschön für dieses Gespräch.