Hygiene-Siegel für Zahnarztpraxen: Mehr als zehn Mal so hohe Hygienekosten wie in den Hausarztpraxen entstehen in der zahnmedizinischen Praxis – nicht zuletzt deshalb waren die meisten auch im Umgang mit der Pandemie rasch gut aufgestellt. Ein enormer Aufwand, der der eigentlich hygienesensiblen Patientenzielgruppe weitgehend verborgen bleibt.

Interview mit Dr. med. dent. Susie Weber, Zahnärztin, M.Sc., MHBA, Hygieneexpertin

Frau Dr. Weber, Sie sind Zahnärztin, Hygieneexpertin und leiten ein Auditoren-Team, dass prüft, ob eine Praxis ein Hygiene-Siegel führen darf. Können Patienten nicht grundsätzlich eine ausgezeichnete Praxis-Hygiene erwarten?

Susie Weber: In der Zahnmedizin ist diese Frage grundsätzlich mit einem klaren ‚Ja‘ zu beantworten. Zahnarztpraxen waren kein Corona-Hotspot, da sie bereits einen hohen Hygienestandard haben. Die Ausgaben in der Zahnmedizin sind in diesen Bereichen um ein Zehnfaches höher als beispielsweise die einer Hausarztpraxis. Doch für Patienten bleibt das Hygieneengagement völlig unsichtbar. Diese wichtigen Prozesse laufen überwiegend hinter den Kulissen ab. Dabei wüssten die Patienten gern, was die Praxis hier leistet.

Vermuten Sie das oder gibt es Untersuchungen, die sich mit der Bedeutung der Hygiene für Patienten beschäftigt haben?

Susie Weber: Ja, es gibt Studien. Die Bertelsmann Stiftung zeigte z.B., dass Hygiene das zweitwichtigste Kriterium ist, wenn es um die Entscheidung zugunsten einer Praxis geht. Es zeigte sich aber eben auch, dass der Informationsbedarf des Patienten noch viel zu selten befriedigt wird. Das können Praxen sehr schnell beheben. Dafür dienen auch substanzielle Auszeichnungen, um die sich Praxen bewerben können.

Hat sich das Bewusstsein zum Thema Hygiene durch Covid-19 verstärkt? Sind die Patienten noch sensibler geworden? Und glauben sie noch an Auszeichnungen?

Susie Weber: Corona hat die Sensibilität wie auch die Erwartungshaltung der Patienten erhöht. Ich habe kürzlich dieses Statement von Jan Papenbrock gelesen: ‚Die Corona-Pandemie hat jedem gezeigt, wie bedeutend das Themenfeld Hygiene wirklich ist. Es entscheidet über die Inanspruchnahme von Dienstleistung, über die Reputation und kann existenzbedrohend sein.

Eventuell hat es eine Pandemie gebraucht, um zu erkennen, dass Hygiene mehr ist, als eine gehasste Pflicht. Hygiene bedeutet Chance.‘

Und zu teil zwei meiner Frage: Glauben Patienten noch an Auszeichnungen?

Susie Weber: Auszeichnungen sind nicht per se glaubwürdig. Diskussionen wie die um die Focus-Auszeichnungen, haben viele wachgerüttelt. Patienten können nicht sofort erkennen, ob den Erhebungsbogen tatsächlich der Leiter eines Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit eines Universitätsklinikums entwickelt hat oder eine Grafikagentur. Aber sie erkennen die Ernsthaftigkeit daran, wenn sie ebenfalls in den Prozess eingebunden sind. Zum Beispiel dann, wenn auch sie die Hygiene einer Praxis bewerten können. Wenn sie in den Praxisräumen hygienische Sicherheit empfinden, Sauberkeit erleben und den gepflegten Auftritt der Mitarbeiter loben.

Sie selbst kennen den Markt und bringen Ihr Know-how in einem Praxis-Siegel ein – der ‚mission hygiene‘. Welche Rolle haben Sie als Leiterin des Auditoren-Teams?

Susie Weber: Als ausgebildete Hygiene-Expertin ist es meine Rolle, die eingereichten Unterlagen und die Vollständigkeit der Angaben zu prüfen. Ich bin neutrale Kontrollinstanz, die darüber entscheidet, ob die Praxis das Siegel führen darf. Im Einzelfall nehme ich mit der Praxis Kontakt auf, um Rückfragen zu klären. Dabei wird auch ermittelt, was die Praxis über das Geforderte hinaus leistet, um ein top Hygiene-Level zu erreichen.

Wo können sich Praxen über das Praxis-Siegel der ‚mission hygiene‘ informieren?

Susie Weber: Auf der Homepage www.mission-hygiene.org; ich prüfe die eingereichten Unterlagen und die Vollständigkeit der Angaben. Sie können davon ausgehen, dass ich mein Wissen und meine Arbeit nicht in eine oberflächliche Aktion investieren würde. Mich bekommt man für substanzielle Konzepte. Ein Praxis-Siegel zeichnet umfassende Hygiene-Maßnahmen aus – es ist kein Garant für eine erfolgreich bestandene Praxisbegehung. Das ist eine völlig andere Dimension mit länderspezifischen Anforderungen. Aber es bietet eine gute Orientierung – für das Praxisteam und für die Patienten.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.