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ICBI Congress: Keramikimplantologie trifft KI

Keramikimplantate auf dem Weg in den Mainstream, KI als Motor für Forschung und Kommunikation: Zum ICBI Global Congress in Zürich spricht Dr. Ulrich Volz über die nächste Entwicklungsstufe der biologischen Implantologie und darüber, warum Evidenz jetzt zum entscheidenden Faktor wird.

Herr Dr. Volz, der ICBI Global Congress in Zürich verbindet erstmals Themen wie KI und Keramikimplantologie. Welche Rolle spielt dieser interdisziplinäre Ansatz für die zukünftige Ausrichtung der biologischen Implantologie?

Man muss das im Kontext meiner eigenen Entwicklung sehen. Die letzten über zwanzig Jahre meiner Laufbahn waren geprägt davon, keramische Implantate überhaupt erst in den Markt zu bringen — zunächst mit Z-Systems als einer der ersten Firmen weltweit und später mit SDS Swiss Dental Solutions, die wir zum Weltmarktführer in diesem Segment entwickelt haben. In dieser Phase ging es primär darum zu zeigen: Keramik funktioniert klinisch. Diese Phase ist heute im Grunde abgeschlossen. Die nächste Entwicklungsstufe ist eine völlig andere — und genau hier kommt die Interdisziplinarität ins Spiel.

Die ICBI steht von Anfang an auf zwei gleichrangigen Säulen: wissenschaftliche Evidenz und Künstliche Intelligenz. Beide bedingen einander. Evidenz ohne Skalierung bleibt akademisch. Skalierung ohne Evidenz bleibt Marketing. Erst die Verbindung beider macht den Schritt in die Mainstream-Medizin möglich.

KI ist für mich kein Add-on, sondern eine infrastrukturelle Technologie. Sie ermöglicht es erstmals, Wissen, Kommunikation und wissenschaftliche Inhalte global in gleichbleibender Qualität zu reproduzieren. Genau deshalb haben wir die ICBI als KI-native Plattform aufgebaut — die KI ist nicht nachträglich aufgesetzt, sondern strukturell in der Arbeitsweise der Stiftung verankert. Das unterscheidet uns grundlegend von klassischen Fachgesellschaften.

Ein konkretes Beispiel: Wir arbeiten intensiv mit hochrealistischen Avataren. Ich habe selbst für den Kongress zwei Avatare erstellt — einen, der praktisch nicht mehr von mir zu unterscheiden ist, und einen bewusst leicht überzeichneten. In der Reaktion hat praktisch niemand erkannt, dass es sich nicht um reale Personen handelt. Das zeigt sehr klar, wo wir heute stehen.

Diese Technologie wird es ermöglichen, dass Zahnärzte unabhängig von Zeit, Sprache oder persönlicher Zurückhaltung ihre Inhalte weltweit präsentieren können. Gleichzeitig wird KI das gesamte Umfeld der Praxis transformieren: Kommunikation, Marketing, Patientenaufklärung, sogar wissenschaftliche Aufbereitung. Alles unterhalb der eigentlichen klinischen Tätigkeit wird automatisiert und optimiert, sodass sich der Behandler auf das konzentrieren kann, was wirklich zählt — die Therapie.

In Kombination mit biologisch überlegenen Materialien wie keramischen Implantaten entsteht damit ein völlig neues, integriertes System der Zahnmedizin.

Die Ergebnisse der ICBI-Konsensuskonferenz 2025 in Nizza werden auf dem Kongress umfassend gebündelt vorgestellt. Welche zentralen klinischen Empfehlungen erwarten Sie daraus — und wie werden sie den Praxisalltag konkret verändern?

Was in Nizza passiert ist, war aus meiner Sicht ein historischer Schritt. Wir haben über neun Monate hinweg international anerkannte Wissenschaftler und Kliniker strukturiert an einem gemeinsamen Konsens arbeiten lassen — aufgeteilt in einen wissenschaftlichen und einen klinischen Arm, mit insgesamt vier interdisziplinären Arbeitsgruppen. Verabschiedet wurden acht wissenschaftliche und acht klinische Kernaussagen. Diese werden derzeit für die Publikation in einer führenden peer-reviewed Implantologie-Zeitschrift vorbereitet.

Ohne der Publikation vorzugreifen, kann ich sagen: Die zentrale Aussage wird sein, dass keramische Implantate den Titanimplantaten in Indikation und klinischem Erfolg mindestens ebenbürtig sind.

Das ist deshalb so relevant, weil viele Kollegen das klinisch längst beobachten. Jeder, der intensiv mit Keramik arbeitet, sieht: Wenn man es richtig macht, ist die Periimplantitisrate deutlich geringer. Aber diese Beobachtung war bislang kaum evidenzbasiert abgesichert.

Genau hier setzt der Konsens an. Er liefert erstmals eine wissenschaftlich abgestützte, international getragene Aussage. Für den Praxisalltag bedeutet das eine enorme Veränderung: Die Entscheidung für oder gegen Keramik wird nicht mehr primär eine Frage persönlicher Überzeugung sein, sondern eine evidenzbasierte Entscheidung. Und das ist letztlich der Punkt, an dem eine Technologie wirklich im Mainstream ankommt.

In Nizza wurden wissenschaftliche und klinische Statements über Monate erarbeitet und schließlich konsentiert. Wie wichtig ist dieser strukturierte Konsensusprozess für die Akzeptanz keramischer Implantate in der evidenzbasierten Zahnmedizin?

Dieser Prozess ist absolut zentral.

Wir haben in der Implantologie generell das Problem, dass viele Dinge lange über klinische Erfahrung laufen, bevor sie sauber wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Bei keramischen Implantaten ist das besonders ausgeprägt: Die klinische Anwendung ist seit Jahren erfolgreich — aber die strukturierte, hochrangige Evidenz hinkt hinterher.

Eine zentrale Erkenntnis aus Nizza war übrigens beunruhigend: Von den primär gesichteten Studien zur keramischen Implantologie konnten nur etwa eine von hundert in die systematischen Reviews eingeschlossen werden. Heterogene Studiendesigns, unterschiedliche Messmethoden und inkonsistente Terminologie machten den Rest wissenschaftlich nicht vergleichbar. Das zeigt, wie groß der Bedarf an methodischer Standardisierung tatsächlich ist.

Der Konsensusprozess in Nizza adressiert genau diese Lücke. Er bringt führende Experten aus unterschiedlichen Ländern und Schulen zusammen und zwingt sie, sich auf eine gemeinsame, methodisch saubere Aussage zu einigen. Das ist ein völlig anderes Niveau als Einzelpublikationen oder Meinungsbeiträge.

Für die Akzeptanz bedeutet das: Wir verlassen die Ebene von Meinung und Erfahrung und bewegen uns in Richtung konsolidierter, evidenzbasierter Medizin. Das ist die Voraussetzung dafür, dass keramische Implantate auch in Leitlinien, Universitäten und regulatorischen Systemen vollständig akzeptiert werden.

Auf dem Kongress werden unter anderem neue Daten aus multizentrischen Studien sowie Langzeitdaten zu sofortbelasteten Keramikimplantaten vorgestellt. Wo sehen Sie aktuell die größten Evidenzlücken — und wie tragen diese Studien dazu bei, sie zu schließen?

Die größte Evidenzlücke ist aus meiner Sicht sehr klar: Nicht die Frage, ob keramische Implantate funktionieren, sondern wie gut, wie sicher und unter welchen Bedingungen sie langfristig performen, insbesondere im Vergleich zu Titan.

Viele Kollegen sehen klinisch eine geringere Periimplantitisrate. Aber dafür gibt es bislang praktisch keine robuste, multizentrische, langfristige Evidenz. Genau das ist aktuell meine Hauptaufgabe.

Über die ICBI haben wir eine retrospektive Multicenter-Studie initiiert. Drei Zentren in verschiedenen europäischen Ländern, jeweils mindestens 120 sofortbelastete Keramikimplantate, Liegedauer von über fünf Jahren mit vollständig abgeschlossener prothetischer Versorgung. Die Datenerhebung ist abgeschlossen, der Ethikantrag liegt bei der Universitätsmedizin Mainz. Diese Studie wird erstmals belastbare Aussagen liefern zu Überlebensraten, Komplikationen und vor allem zum relativen Risiko.

Parallel starten wir eine prospektive Multicenter-Studie. Drei Zentren, drei verschiedene Implantatsysteme, mindestens 120 Implantate je Zentrum, Beobachtungszeit über fünf Jahre nach prothetischer Versorgung. Bewusst markenunabhängig konzipiert, um die Vergleichbarkeit über Systeme hinweg möglich zu machen.

Ein entscheidender Punkt ist die Standardisierung. Wir homogenisieren Begriffe, Messparameter und Dokumentationsstrukturen so, dass die Ergebnisse systemübergreifend vergleichbar sind — unabhängig davon, ob einteilig oder zweiteilig, Tissue Level oder Bone Level. Gleichzeitig ist die Studie so aufgebaut, dass sie auch regulatorische Anforderungen wie PMCF und PMS vollständig erfüllt. Das heißt: Wir schaffen hier erstmals eine Evidenzbasis, die klinisch, wissenschaftlich und regulatorisch gleichzeitig funktioniert. Entwickelt wurde das Protokoll gemeinsam mit Prof. Bilal Al-Nawas in Mainz und Prof. Georgios Romanos von der Stony Brook University.

ICBI versteht sich als globales Netzwerk für evidenzbasierte biologische Zahnmedizin. Welche Ziele verfolgen Sie persönlich mit dem Aufbau dieser Plattform?

Für mich ist das die logische nächste Phase meiner beruflichen Laufbahn.

Ich habe vor zweieinhalb Jahren meine Firma SDS Swiss Dental Solutions mehrheitlich verkauft und bin zum 1. Oktober 2025 komplett ausgestiegen. Ich halte keine Anteile mehr und habe keinerlei operative oder strategische Bindung an das Unternehmen. Das gibt mir eine Freiheit, die ich vorher nicht hatte: Ich kann heute vollständig unabhängig, neutral und firmenunabhängig agieren.

Auf der ICBI-Webseite werde ich als founder of modern ceramic implantology geführt. Diese Zuschreibung ist für mich Verpflichtung. Nach über zwanzig Jahren, in denen ich gezeigt habe, dass keramische Implantate funktionieren und sich im Markt durchsetzen lassen, ist meine Aufgabe heute eine andere: den wissenschaftlichen Beweis zu liefern und die Standards zu setzen, an denen sich die nächste Generation dieser Produktklasse messen wird.

Genau dafür bauen wir die Plattform auf.

Das Ziel ist nicht nur Forschung, sondern ein komplettes System: Generierung hochwertiger Evidenz, Ausbildung von Klinikern in wissenschaftlicher Methodik und globale Verbreitung dieser Inhalte. Gemeinsam mit Kollegen wie Dr. Paul Henn und Prof. Alex Lin von der UCSF haben wir gezielte Workshops entwickelt, in denen wir Zahnärzte darin schulen, wissenschaftlich korrekt zu arbeiten, zu dokumentieren und zu publizieren.

Auch hier spielt KI wieder eine Rolle, aber in einer kontrollierten, seriösen Form. Es geht nicht darum, Artikel automatisiert schreiben zu lassen, sondern darum, Prozesse zu unterstützen, während die wissenschaftliche Validität vollständig erhalten bleibt.

Parallel zur ICBI baue ich derzeit eine eigene biographische und didaktische Plattform auf — unter ulrich-volz.com. Dort bündele ich über die nächsten Jahre das Wissen, die klinische Erfahrung und die Patientenfälle aus meiner gesamten Laufbahn. Beide Plattformen ergänzen sich: Die ICBI steht für die unabhängige wissenschaftliche Hoheit der biologischen Keramikimplantologie, ulrich-volz.com für die persönliche Lehrlinie und die methodische Tradition, aus der diese Hoheit gewachsen ist.

Langfristig ist mein Ziel klar: Die biologische Implantologie auf eine unabhängige, evidenzbasierte und global skalierbare Grundlage zu stellen — und damit den nächsten Standard in der Zahnmedizin zu definieren.

Der ICBI Global Congress in Zürich wird genau diese Themen erstmals in dieser Form zusammenführen — von evidenzbasierter keramischer Implantologie bis hin zu den konkreten Anwendungsmöglichkeiten von KI in Praxis, Forschung und Kommunikation. Wer sich ernsthaft mit der Zukunft der Implantologie auseinandersetzen möchte, wird hier nicht nur neue Daten sehen, sondern vor allem verstehen, in welche Richtung sich unser Fach in den nächsten Jahren entwickeln wird.

Ich kann daher jeden Kollegen nur einladen, Teil dieses Austauschs zu werden und sich selbst ein Bild zu machen.