Implantatpflege: Wie viel Antiseptik ist sinnvoll, wo beginnt das Risiko? Prof. Dr. Fabian Cieplik, Freiburg, ordnet den evidenzbasierten Einsatz von CHX und CPC in der Implantologie ein und beleuchtet postoperative Pflege, präprozedurale Mundspülungen sowie den Schutz des oralen Mikrobioms.
Interview mit Prof. Dr. med. dent. Fabian Cieplik, Ärztlicher Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Universitätsklinikum Freiburg
Wie sieht Ihrer Erfahrung nach eine effektive postoperative Pflege nach chirurgischen Eingriffen aus? Was empfehlen Sie Patienten für die ersten zwei Wochen der häuslichen Mundhygiene?
Fabian Cieplik: In den meisten Fällen ist es so, dass in dem Areal des chirurgischen Eingriffs eine mechanische Reinigung relativ schwierig ist. Dort wird in der Regel ein Putzverbot ausgesprochen, um den Lappen bzw. die Nähte nicht zu gefährden. In diesem Zeitraum – und tatsächlich auch nur in diesem Zeitraum – ist eine antiseptische Mundspülung nach wie vor der Goldstandard. Hierfür gibt es auch ausreichend Evidenz. Nach dem chirurgischen Eingriff wird für einen kurzen Zeitraum, meist etwa zwei Wochen, eine antiseptische Mundspülung empfohlen. In Einzelfällen kann sich dieser Zeitraum auch auf vier Wochen ausdehnen.
Zum Einsatz kommt dabei meist Chlorhexidindigluconat (CHX), Cetylpyridiniumchlorid (CPC) oder auch eine Kombination aus CHX und CPC. Wenn nach etwa zwei Wochen die Nähte entfernt sind und die mechanische Mundhygiene wieder aufgenommen werden kann, wird die Mundspülung entsprechend wieder abgesetzt.
Welche evidenzbasierten Indikationen sehen Sie für den Einsatz antiseptischer Mundspülungen im implantologischen Kontext, also der Implantatpflege?
Fabian Cieplik: Für den Einsatz antiseptischer Mundspülungen gibt es eigentlich nur zwei Szenarien. Das ist zum einen die präprozedurale Mundspülung, also eine Mundspülung vor Beginn einer zahnärztlichen Behandlung mit dem Ziel, die Keimbelastung im entstehenden Aerosol für einen kurzen Zeitraum von etwa einer halben Stunde bis zu einer Stunde möglichst weitgehend zu senken. Diese Maßnahme ist primär als Teil des Maßnahmenbündels zum Infektionsschutz in der zahnärztlichen Praxis zu sehen. Das ist im Grunde eine sehr alte Prozedur, die bereits in den 1960er-Jahren beschrieben wurde und während der COVID-19-Pandemie wieder stärker in den Fokus gerückt ist. Für diesen Einsatzbereich gibt es auch die meiste Evidenz. Eine besonders hohe Datenlage gibt es hierbei für Mundspülungen, die CPC enthalten. Darüber hinaus gibt es Evidenz, was den kurzfristigen Einsatz bei Patienten mit sehr ausgeprägter Gingivitis betrifft. Hier kann eine antiseptische Mundspülung unterstützend zur Verbesserung der mechanischen Mundhygiene eingesetzt werden. Über einen längeren Zeitraum als für die zwei Wochen hinaus sehe ich die Verwendung einer antiseptischen Mundspülung jedoch kritisch.
Wie können Behandler eine therapeutisch sinnvolle Balance zwischen gezieltem antiseptischem Eingreifen und dem Schutz des oralen Mikrobioms im Sinne einer nachhaltigen Therapie finden? Und welche Perspektiven sehen Sie zukünftig für den Einsatz von CHX, welches seit Jahrzehnten als Goldstandard gilt?
Fabian Cieplik: Ich denke, dass vor allem das Wissen über mögliche Side Effects von CHX und anderen Antiseptika entscheidend ist. Wenn ich unterwegs bin und Vorträge halte, erlebe ich immer wieder, dass vielen niedergelassenen Kollegen nicht bewusst ist, dass auch Antiseptika negative Effekte haben können. Dabei gibt es mittlerweile relativ breitflächig Evidenz für solche negativen Effekte, beispielsweise hinsichtlich einer möglichen Induktion von Resistenzen oder von ungewollten Verschiebungen der Zusammensetzung im oralen Mikrobiom. In der aktuellen Anwendung, also als präprozedurale Mundspülung oder für den kurzfristigen Einsatz nach einer OP, wird CHX aus meiner Sicht weiterhin seinen Platz haben. Allenfalls könnte es künftig durch andere Antiseptika wie beispielsweise CPC ersetzt werden.
Dennoch sollte jeder Anwender ähnlich wie bei Antibiotika vor einem möglichen Einsatz von Antiseptika an Patienten immer gesundheitlichen Nutzen versus mögliche Risiken abwägen und darauf aufbauend seine Entscheidung treffen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
