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Jörg Neunzehn: Vom Zahntechniker zum Professor

Mit der Berufung von Prof. Dr. Dr. Jörg Neunzehn auf die Professur „Biomaterialien“ an der Hochschule Osnabrück kehrte im Februar 2026 ein bemerkenswerter Werdegang an seinen Ausgangspunkt zurück: Vor gut zwanzig Jahren saß Neunzehn dort selbst als Student der Dentaltechnologie. Dazwischen liegen Forschungsprojekte in Münster, fast neun Jahre Wissenschaft und Lehre an der TU Dresden, zwei Promotionen sowie Industriepositionen bei Geistlich Biomaterials und Camlog. Wo schließt sich der Kreis bei Forschung, Industrie und Hochschule?

Interview mit Prof. Dr. Dr. Jörg Neunzehn, Professor für Biomaterialien an der Hochschule Osnabrückl

Ihr Lebenslauf liest sich im Grunde genau wie die Reise, die ein Biomaterial vom Labor bis zum Patienten durchläuft. War das geplant – oder ist die Linie erst rückblickend klar?

Jörg Neunzehn: Ehrlich gesagt: Vieles davon hat sich Schritt für Schritt ergeben – aber es gab schon früh ein, nennen wir es vorsichtig, rotes Fädchen. Schon in der Zahntechnik hat mich die Frage fasziniert, warum sich Werkstoffe im Mund so verhalten, wie sie es tun. Osnabrück war der erste Schritt zur Werkstoffwissenschaft, Münster und Dresden haben mir dann den Blick auf die biologische und zelluläre Seite geöffnet, und in der Industrie habe ich erlebt, wie aus all dem ein zugelassenes Medizinprodukt am bzw. im Patienten wird. Geplant war das nicht – aber jede Station hat eine neue Faszination und Fragen aufgeworfen, denen ich nachgehen wollte.

Sie waren sechseinhalb Jahre als wissenschaftlicher Leiter bei Geistlich in Deutschland an der Schnittstelle zwischen Forschung, Marketing und Vertrieb und dann Key Account Manager bei Camlog. Was haben diese beiden sehr unterschiedlichen Industriestationen für Sie bedeutet?

Jörg Neunzehn: Beide Stationen waren sehr gute Schulen – und jede mit ihrem ganz eigenen Lehrplan. Bei Geistlich stand ich zwischen Anwendern, Forschung & Entwicklung, Marketing, Vertrieb und Regulatorik und musste lernen, in völlig unterschiedlichen Sprachen gleichzeitig zu denken. Mit der Bestellung zur PRRC – verantwortlichen Person für die regulatorische Compliance – nach §15 MDR und der Projektleitung bei Zulassungen und Markteinführungen kam dann nochmal eine ganz andere Herausforderungsdimension dazu. Ich nehme von Geistlich Biomaterials vor allem ein realistisches Gefühl mit, wie weit der Weg von einer guten Idee bis zu einem zertifizierten Produkt der Klasse III wirklich ist.

Camlog hat dann den Blick nochmal auf eine andere Weise geweitet: weg vom reinen Biomaterial, hin zum Gesamtsystem aus Implantat, Augmentationsmaterial und Workflow. Im Key Account Management ist man sehr nah an Praxen und Kliniken, an deren konkreten Fragen, Sorgen und Wünschen. Das sind Perspektiven, die mir noch einmal gezeigt haben, wo Theorie und Anwendung wirklich aufeinandertreffen. Bei beiden Firmen durfte ich viel lernen und mit großartigen Menschen zusammenarbeiten. Zeiten, für die ich sehr dankbar bin, und bei denen ich die Erfahrungen nun auch unbedingt in meine Lehrtätigkeit mitnehmen möchte. 

Warum jetzt der Wechsel zurück an die Hochschule – und warum, mit Verlaub,  gerade Osnabrück?

Jörg Neunzehn: Beides hat persönliche und fachliche Gründe. Persönlich ist Osnabrück für mich kein Zufallsort: Ich habe hier von 2004 bis 2008 selbst studiert, und schon 2012 durfte ich auf dem Dentalforum meine Doktorarbeit vorstellen. Damals habe ich gespürt, wie praxis- und industrienah dieser Ort ist – und das ist er bis heute. Fachlich bündelt die Professur genau das, was ich seit zwanzig Jahren mache und weiterhin machen möchte: Biomaterialien, regenerative Konzepte und Werkstoffe im dentalen und medizinischen Bereich. Und ganz ehrlich: Mir hat die Lehr-Komponente in den Industriejahren wirklich gefehlt. In Dresden habe ich viele Jahre lang sehr gerne unterrichtet – das wieder in den Mittelpunkt zu rücken, ist eine Entscheidung aus voller Überzeugung.

Ich war 2008 in Osnabrück Absolvent. Jetzt zurückzukommen, aber auf der anderen Seite des Hörsaals, ist für mich mehr als der nächste Karriereschritt – es ist im besten Sinne ein Heimkommen mit Auftrag.

Welche Schwerpunkte möchten Sie persönlich hier in Forschung und Lehre setzen?

Jörg Neunzehn: Inhaltlich knüpfe ich an das an, was mich seit Jahren begleitet: dentale Werkstoffe, Knochenersatzmaterialien und Membranen, regenerative Konzepte und die Charakterisierung mit modernen Methoden. Besonders am Herzen liegt mir die Brücke zwischen Materialeigenschaften und biologischer Funktion: Was sieht der Behandler – und was passiert wirklich auf zellulärer Ebene? In der Lehre möchte ich Werkstoffwissenschaft, klinische Anwendung und regulatorische Realität zusammenbringen. Junge Ingenieurinnen und Ingenieure brauchen heute das Bewusstsein, dass ein gutes Material allein noch keinen klinischen Erfolg macht – dazu gehören Zulassung, Anwendung und Marktverständnis. Für all diese Fragestellungen kann ich aus meiner Industriezeit viel mitbringen.

Wo sehen Sie aktuell die spannendsten Entwicklungen bei dentalen Biomaterialien – und was ist Ihrer Meinung nach unterschätzt?

Jörg Neunzehn: Spannend finde ich, dass wir an mehreren Fronten gleichzeitig vorwärtskommen: Digitale Workflows verändern, was wir mit Materialien überhaupt tun können, und bei den Materialien selbst sehen wir eine zunehmende Differenzierung – nicht mehr Knochenersatz, sondern gezielterer Knochenersatz, mit definierten Strukturen und Eigenschaften. Auch die Biologisierung von Augmentationsmaterialien wird die nächsten Jahre weiterhin prägen. Luft nach oben sehe ich bei zwei Dingen: erstens die saubere wissenschaftliche Charakterisierung neuer Produkte – die Marktdynamik verleitet leider dazu, Endpunkte zu vereinfachen. Und zweitens die regulatorische Grundbildung: Die MDR ist Realität, keine ferne Zukunft. Wer heute Biomaterialien entwickelt, muss das von Tag eins mitdenken.

Was möchten Sie Studierenden mitgeben, die sich heute auf eine Karriere in der dentalen Biomaterialforschung oder -industrie vorbereiten wollen?

Jörg Neunzehn: Bleiben Sie neugierig – und seien Sie bereit, in mehreren Welten zuhause zu sein. Stellen sie sich breit auf und nutzen Sie interdisziplinäre Kompetenzen und Kontakte. Mein eigener Weg hat mir gezeigt, dass die spannendsten Fragen fast immer an den Schnittstellen unterschiedlicher Fachdisziplinen liegen. Praxisnähe ist außerdem kein Gegensatz zu wissenschaftlicher Tiefe – im Gegenteil, sie ist ihr bestes Korrektiv. Und: Sucht Euch früh Mentoren und Netzwerke. Genau das möchte ich unseren Studierenden in Osnabrück auch mitgeben.

Die spannendsten Fragen liegen an den Schnittstellen – zwischen Werkstoff und Zelle, zwischen Labor und Praxis, zwischen Industrie und Hochschule.

Wo soll Ihre Professur in fünf Jahren stehen?

Jörg Neunzehn: Ich möchte, dass die Professur in fünf Jahren mit Lehre und Forschung stabil in das Gesamtkonstrukt der Hochschule integriert ist und als feste Adresse für ein anwendungsnahes Verständnis für Biomaterialien und Werkstoffe im dentalen und medizinischen Bereich wahrgenommen wird – mit klarem Profil, verlässlich für die Industrie und gleichzeitig methodisch unabhängig. Und ganz wichtig: Wenn unsere Absolventinnen und Absolventen dann in Firmen, in Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen, im Marketing oder im Vertrieb oder im regulatorischen Kontext,  aber auch in Laboren und Praxen an entscheidenden Stellen aktiv mitgestalten, dann haben wir vieles richtig gemacht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.