Bei aller Begeisterung, die die ersten Keramikimplantate in Hinblick auf Ästhetik und Weichgewebsintegration hervorriefen, blieb die Osseointegration oft hinter den Ansprüchen zurück. Es galt, das anspruchsvolle keramische Material bestmöglich auf die Knochenbiologie auszurichten, ohne es in seiner Stabilität zu schwächen. Ist dies bei modernen Implantaten gelungen?

Interview mit Dr. med. dent. Roland Glauser (Synoptische Implantologie)

Keramikimplantate oder Titanimplantate – was muss eine moderne Implantatoberfläche, unabhängig vom Material, heute für Sie leisten?

Roland Glauser: Für meine Patienten und damit auch für mich wichtig ist eine rasche und sichere Osseointegration. Je vorhersagbarer und zuverlässiger die Knochenbiologie eine Einheilung erlaubt, desto sicherer sind wir. Im Gegensatz zur Distanzosteogenese, wie wir sie bei maschinierten Implantaten beobachten, hat sich die Kontaktosteogenese, die bei rauen und osteokonduktiven Oberflächen eintritt, als vorteilhaft erwiesen: Von einem Kontaktpunkt zwischen Implantat und Knochen ausgehend migrieren dabei knochenbildende Zellen entlang der freien Implantatoberfläche, was den gesamten Einheilungsprozess beschleunigt. Die Architektur, also das Design des Implantats, sind bei diesem Prozess ebenso wichtig wie die Struktur der Oberfläche und ihre chemischen Eigenschaften.

Keramikimplantate: Welche Erkenntnisse gewannen Sie in Ihrer vergleichenden Tier-Studie?

Roland Glauser: Dr. Peter Schüpbach und ich haben in einer Studie am Minischwein das Patent-Zirkonoxid-Implantatsystem mit einem etablierten Titan-System verglichen. Nach Extraktion der Zähne, Sofortimplantation und entsprechender Einheilzeiten haben wir die Test- und Kontrollimplantate entnommen und histologisch untersucht. Das Patent-System erreichte dabei im Knochen bereits nach vier Wochen einen BIC-Wert von ca. 70 % und nach nur acht Wochen den sogenannten Steady State und einen mit modernsten Titanoberflächen vergleichbaren BIC von 80 %. Maschinierte Implantate erzielten im Vergleich nach Einheilzeiten von zwölf Wochen lediglich 30-40 %, und auch moderne, raue Titanoberflächen zeigen bei Erreichen des Steady State eher um die 60-70 %.

Worauf führen Sie diese beobachtete Performance besonders zurück?

Roland Glauser: Das Patent-System liegt mit seiner hochrauen Oberfläche am äußeren Ende der Skalierung nach Albrektsson und Wennerberg und damit in einer idealen Range für die erwähnte Kontaktosteogenese. Aufgrund der Sandpapier-Struktur siedeln sich mit Einsetzen des Implantats an der Oberfläche Knochenfragmente und eine Schmierschicht aus Blut und Knochenzellen an, die ein sehr hohes osteogenetisches Potenzial aufweisen. Das sehe ich, neben den besonders hydrophilen und osteokonduktiven Eigenschaften, mit als vorteilhaft für die beobachtete besonders rasche Knochenneubildung. Wissenschaftlich betrachtet kann neben der Distanz- und Kontaktosteogenese für die hochraue Patent-Implantatoberfläche nun eben diese erzielte Knochenschmierschicht am Interface als dritter Heilungsmechanismus entlang der freien Implantatoberfläche identifiziert werden.

Dies hat nicht nur eine äußerst schnelle Osseointegration zur Folge, sondern die initiale kritische Zeitspanne wird nochmals deutlich verkürzt und ergibt noch mehr Sicherheit für die Behandlung.

Keramikimplantate: Muss ich dies nun mit Kompromissen beim Weichgewebsverhalten erkaufen?

Roland Glauser: Getreu der Erkenntnis ‚The bone sets the tone, but the tissue is the issue‘ hätten wir uns damit langfristig keinen Gefallen erwiesen. Die Implantatgeometrie des Patent Implantats weist für die Hart- und Weichgewebsbereiche zwei unterschiedliche Rauigkeiten auf, die der Biologie der jeweiligen Gewebe ideal entsprechen. Bei unserer Studie am Minischwein konnte naturgemäß keine professionelle Mundhygiene erfolgen, sodass sich um die zu untersuchenden Implantatköpfe beträchtlicher Zahnstein bildete. Bei unseren Untersuchungen zeigten sich Sulkusepithel, Saumepithel und Bindegewebe um das Patent Implantat dessen ungeachtet von einer sehr guten Struktur und der Weichgewebsverschluss blieb auch nach der Einheilzeit der ersten Untersuchungsgruppe von vier Wochen stabil über dem umliegenden Weichgewebsniveau. Bei der Kontrollgruppe hatte sich in derselben Zeit Plaque und Zahnstein bereits Richtung Saumepithel ausgebreitet, was vorhersagbar zu Entzündungen führt. Wir konnten also trotz der hygienisch schlechten Situation um die Patent Implantate die von Keramikimplantaten bekannte sehr günstige dichte Anhaftung des Weichgewebes dokumentieren.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.