Die „Kurzen“ (kurze Implantate) gehören mittlerweile zum Behandlungsalltag – selbst hartgesottene Top-Chirurgen entscheiden sich immer häufiger für die weniger invasive Variante. Neben den Original-Implantaten drängen konsequent nun auch zunehmend Kopien auf den Markt. pip sprach dazu mit Dr. Holger Kaufmann aus Viersen.

Interview mit Dr. Holger Kaufmann – Oralchirurg und M.Sc. Implantology

pip: Wie lange setzen Sie in Ihrer Praxis bereits kurze Implantate bzw. ultrakurze Implantate und was lag Ihrer Entscheidung dafür zugrunde?

Holger Kaufmann: Seit etwa zehn Jahren. Ich implantiere seit Beginn meiner oralchirurgischen Weiterbildung und begleite Tumorpatienten in der Rehabilitationsphase. Die ersten Implantate, die ich gesehen habe, waren bei den schwierigsten Fällen gesetzt worden und so sah ich auch alle Misserfolge in grenzwertigen Fällen. Zudem finde ich es vorteilhaft, wenn man bei zweiteiligen Implantaten in der prothetischen Versorgungsphase die volle Kontrolle über die Ästhetik bekommt. Denn die bakteriendichte Konusverbindung liegt erstens weit genug subkrestal, um den Austrittswinkel des Abutments noch später festlegen zu können, und der Zahntechniker wird zweitens in seinen Konstruktionen nicht durch einen Schraubenkanal behindert.

pip: Wo sehen Sie aktuell die Hauptindikation?

Holger Kaufmann: Die endständige Freiendlücke ist oft der Beginn eines später herausnehmbaren Behandlungsverlaufs. Distale Brückenpfeiler haben häufig Randundichtigkeiten und müssen operativ entfernt werden. Dann ist der Knochen meist schon atrophiert, aber ein kurzes breites Implantat passt noch. Statt vier Frontzahnimplantate mit verblockten Kronen zu versorgen, setze ich lieber Kurzimplantate und Einzelkronen. Wenn man dem Patienten von Anfang an diese Möglichkeiten offeriert, können massive Resorptionen des Kiefers vermieden werden. Sollte dennoch ein Knochenaufbau erforderlich werden, ist ein Sinuslift mit geringerem Trauma möglich. Ein drittes wichtiges Feld ist die strategische Pfeilervermehrung bei sehr geringer Restbezahnung. Wenn es geht, festsitzend, wenn nicht, mit Teleskoptechnik.

pip: … und wo sind noch Limitationen, besondere Maßnahmen erforderlich oder liegen Indikationsschlüsse?

Holger Kaufmann: Limitationen müssen von Patient zu Patient abgewogen werden. Grenzen könnten hier zum Beispiel Bruxismus, die Sofortbelastung oder zu große Achsabweichungen von der späteren Belastungsrichtung für Einzelzahnkronen sein. Aber eine Modellanalyse gibt einem ja schon vor der Implantation gewisse Hinweise. Wenn ich beispielsweise einen hochatrophen Ober- und Unterkiefer habe und der Patient will im Seitenzahnbereich implantatgetragene Prothetik unter Verwendung des ortsständigen Knochenangebots, habe ich nachher einen seitlichen Kreuzbiss. Wenn der Patient und seine Kiefergelenke damit klarkommen, ist alles gut. Wenn nicht, gilt es das im Rahmen der Behandlungsplanung mit dem Patienten individuell zu ermitteln.

pip: Wie immer drängen bei einer inzwischen etablierten Behandlungsform nun auch kostengünstige Kopien auf den Markt – für Sie und Ihre Patienten eine Option?

Holger Kaufmann: Es gibt sogar Kopien, die gar nicht günstiger sind, sondern angeblich nur besser. Bicon-Implantate sind seit 1985 kontinuierlich im Gebrauch, sodass man hier von einer bei uns Bicon-Anwendern so gar nicht wahrgenommenen Erfolgsgeschichte sprechen kann, die nur durch die Verkaufszahlen der großen Implantatfirmen relativiert wird. Auf den weltweiten Bicon-Fortbildungen wird das Thema Komplikationen am eigenen System und deren Behandlung offen diskutiert. Die Produktoptimierung geschieht bei Bicon langfristig. Kopie-Hersteller wollen mit der Realisierung angeblicher Verbesserungen den Anwender anlocken. Bis sich aber eine einzige Verbesserung nachweislich bewährt, braucht es mehrere Jahre und vergleichende wissenschaftliche Untersuchungen. Wenn ich irgendwelche halb oder ganz kopierte Implantate verwende, muss ich im Fall einer Patientenklage ganz allein vor Gericht argumentieren, alles richtig gemacht zu haben.

pip: Aber auch diese Produkte sind ja regelrecht zugelassen…

Holger Kaufmann: Seit dem Brustimplantat-Skandal ist es deutlich wichtiger geworden, dass man nicht nur ein Implantat anbietet, sondern ein Ersatzkörperteil, das durch wissenschaftliche Untersuchungen nachweislich langfristig funktioniert. Das geht für ,short‘ und ,ultrashort‘ derzeit nur mit Bicon.

pip: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.