An der Universität Rostock wurden die biomechanischen und werkstofflichen Eigenschaften des Hybrid-Implantats Tizio untersucht. Wir interessierten uns deshalb für die bisherigen Ergebnisse der ebenfalls an der Universitätsmedizin laufenden tierexperimentellen Untersuchungen und inwiefern sie bereits Prognosen für die Klinik erlauben.

Bild: Interview mit Prof. Dr. Dr. Bernhard Frerich, Direktor der Klinik für MKG-Chirurgie, Universitätsmedizin Rostock

pip: Können Sie uns das Design Ihrer Studien kurz umreißen?

Bernhard Frerich: In einer der Studien wird das Einheilverhalten der Hybrid- Implantate mit zwei kommerziell verfügbaren Implantaten verglichen – einem Titan-Implantat und einem Implantat auf Zirkonoxid-Vollkeramikbasis. Es ist der präklinische Vergleich zu dem, was man heutzutage als ‚standard of care‘ betrachten darf. Wir untersuchen das Einheilverhalten an der Unterkieferbasis von adulten Minischweinen. Dabei geht es uns um Ausmaß und Geschwindigkeit der Osseointegration und Knochenanlagerung an der Implantatoberfläche wie auch die Knochenneubildung und potentielle Entzündungen/ Gewebereaktionen in unmittelbarer Implantatumgebung.

pip: Mit welchen Erwartungen sind Sie an die tierexperimentellen Studien herangegangen?

Bernhard Frerich: Schon mit der Erwartung, dass wir ein Einheilverhalten finden, das dem der heutigen Oberflächen bei Titanimplantaten entspricht. Wesentlicher Vorteil der Hybridimplantate ist die Farbe des Implantatkörpers in Verbindung mit der Stabilität und den mechanischen Eigenschaften von Titanimplantaten. Insofern sind die Hybridimplantate bereits im Vorteil, wenn sie eine den Titanimplantaten vergleichbare Einheilcharakteristik zeigen. Das ist nach den bislang vorliegenden Ergebnissen der Fall.

pip: Welche Ergebnisse können Sie bereits fundiert kommunizieren?

Bernhard Frerich: Bisher sind die frühen und mittleren Beobachtungsgruppen vorläufig ausgewertet. Hier beobachten wir bei den Hybriden ein den Titanimplantaten absolut gleichwertiges Einheilverhalten und eventuell einen leichten Vorteil gegenüber denen aus Zirkonoxid. Das Handling bei der Insertion ist identisch zu dem bei Titanimplantaten. Verluste oder Entzündungen haben wir bislang keine gesehen.

pip: Erlauben diese Ergebnisse irgendwelche Prognosen für eine zu erwartende klinische Performance beim Menschen?

Bernhard Frerich: Wenn sich die Ergebnisse im weiteren Versuchsablauf erhärten, kann erwartet werden, dass Hybrid-Implantate für bestimmte Konstellationen Vorteile erbringen. Ich würde dann erwarten, dass ihre Performance in den Bereichen Variabilität der Versorgung und bei weiteren Aspekten, der von heutigen Titanimplantaten entspricht und in puncto Ästhetik die der Titanimplantate übertrifft. Sie sind natürlich insbesondere für die Situationen geeignet, wo Vorbehalte gegen Titan als Implantatmaterial bestehen – ob nun berechtigt oder nicht. Denn tatsächlich ist die Titanunverträglichkeit ein sehr seltenes, wenn überhaupt vorkommendes Ereignis.

pip: Gibt es parallel Kooperationen mit anderen Zentren und Projekte, von denen Sie sich in naher Zukunft weitere Erkenntnisse versprechen?

Bernhard Frerich: In der Tat wollen wir im Anschluss zusammen mit anderen Zentren mit einer klinischen Studie beginnen. Das ist auch notwendig, weil nur so fundierte Aussagen über die Verhaltenscharakteristik im Bereich der periimplantären Gingiva möglich sind. Hier erwarten wir ggf. auch Vorteile gegenüber Titanimplantaten bezüglich Plaqueanlagerung und konsekutiv bei der Entwicklung periimplantärer Entzündungen. Das ist aber bislang nur spekulative Vermutung und Gegenstand der Untersuchungen.

pip: Wie sehen Sie persönlich Hybridimplantate in der Implantologie und in welcher Hinsicht würden gut funktionierende Hybride Ihren klinischen Alltag beeinflussen?

Bernhard Frerich: Nicht nur aus chirurgischer Sicht ist die Verwendung zahnfarbener Implantatkörper hochattraktiv. Vorteilhaft ist das vor allem im sichtbaren Bereich, was zum Beispiel die Ästhetik beim dünnen Gingiva-Biotyp angeht. Ich sehe sie absolut an der ‚forefront‘, weil sie die Vorteile von Titan- und Keramikimplantaten vereinen. Möglicherweise können auch bezüglich der Oberfläche Vorteile gesehen werden, insbesondere hinsichtlich der Plaque-Anlagerung. Alles in allem sehe ich aber großes Potential und die Fragestellung bleibt spannend.

pip: Herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Gespräch.