Nicht zuletzt der Global Congress der DDS – Digital Dentistry Society am Comer See, der mit über 850 Teilnehmern im vergangenen November die bisher weltweit größte wissenschaftliche Fachveranstaltung zu digitalen Prozessen darstellte, zeigte, wie sehr nicht nur das Thema, sondern auch die Fachgesellschaft in der Mitte der Zahnmedizin angekommen ist. Auch in Deutschland fasst die Vereinigung, die sich die gezielte Aus-und Weiterbildung und ein weltweites Vernetzen zahnmedizinischer Fachleute im Bereich digitaler Technologien zum Ziel genommen hat, dynamisch weiter Fuß.

Interview mit Dr. Marcus Engelschalk, Ambassador DDS Deutschland

Ich tue mich etwas schwer mit Gesellschaften für eine spezifische Technologie – ist Laserzahnmedizin oder digitale Zahnmedizin in der KFO nicht etwas ganz anderes als z.B. in der Prothetik oder Chirurgie?

Zunehmende Spezialisierungen bringen immer neue Techniken und Behandlungsstrategien mit sich. Allerdings stellen technische Neuerungen häufig eine Innovation für mehrere Teilbereiche der Zahnmedizin dar. Ähnlich wie die Einführung der Lasertechnologie bringt auch die Digitalisierung eine starke Innovation und Verbesserung für Bereiche der Chirurgie, Prothetik, Kieferorthopädie und Zahntechnik mit sich. Aus diesem Grund ist es nur konsequent, eine fachliche Dachgesellschaft zu etablieren, die zum einen, einen optimalen Über- und Einblick in die Digitalen Techniken in der Zahnmedizin aber natürlich auch den von Ihnen angedeuteten wichtigen Austausch innerhalb der einzelnen Fachgebiete ermöglicht.

Aber wir die digitale Zahnmedizin nicht eines Tages ganz selbstverständlicher Bestandteil der Zahnmedizin sein – wozu hier noch eine eigene Fachgesellschaft?

Aus Sicht der Digital Dentistry Society ist es sogar ein absolutes und erklärtes Ziel, die Digitalisierung als festen Bestandteil in den zahnärztlichen Praxen zu etablieren. Hierzu zählen zum Beispiel der Einsatz der Intraoralscanner, Druck- und Frästechnologien oder dreidimensionale Röntgentechniken. Allerdings ist die Umsetzung dieser modernen Techniken ein größerer Schritt für viele Praxen, als man denken mag. Ich selbst beschäftige mich seit 2005 mit der Digitalisierung in der Zahnmedizin und hatte einen wesentlich schnelleren Erfolgszug dieser Technologien in den täglichen Praxen erwartet. Einzig kann man in den letzten zwei Jahren tatsächlich beobachten, dass der Einsatz der Intraoralscanner einen Boom erfahren hat. Eine Fachgesellschaft kann bei der Einführung der verschiedenen Technologien neutrale Orientierung und Information sowie praxisnahe Begleitung durch Workshops, Kongresse oder Hospitationen bieten. Dies besonders durch eine Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern und Vertriebsorganisationen, aber fokussiert auf die Umsetzbarkeit und Praxisbezogenheit für den jeweiligen Behandler mit seinen spezifischen digitalen Bedürfnissen und Zielen. Somit kommt einer Fachgesellschaft bei der Entwicklung und Implementierung einer so innovativen Technologie sogar eine sehr bedeutende Rolle zu. Nicht zuletzt gilt es aber auch die Wissenschaft und Forschung zu unterstützen und hier allen Mitgliedern und Interessenten den aktuellen Informationsstand und entsprechende Leitlinien bieten zu können.

Wir wollen auch mit dem Einsatz innovativer Technologie unsere Behandlungsweisen und Protokolle auf evidenten und reproduzierbaren Prozessen aufbauen.

Was betrachten Sie als Ihre vornehmliche Aufgabe, speziell auch in Deutschland, und auch in Ihrer Funktion als Botschafter der Digital Dentistry Society?

Die DDS versteht sich als internationale, gemeinnützige Organisation, deren Ziel die Bewertung von Trends und Entwicklungen auf aktuellem wissenschaftlichem Niveau ist. Dabei zählen die Fort- und Weiterbildung, der kollegiale Informationsaustausch, die Förderung der Digitalen Zahnheilkunde in angrenzenden Fachgebieten und der Aufbau technologischer Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften zu den Kernaufgaben.Für Deutschland bedeutet dies zuerst die Organisation von Veranstaltungen zu Themen wie dem Einsatz des IOS, der digitalen Bissregistrierung und der Einführung von Drucktechnologien in der zahnärztlichen Praxis. Aus meiner Sicht sind dies die Themen mit größter fachlicher und wirtschaftlicher Bedeutung für die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis. Meine Aufgabe als Botschafter der Digital Dentistry Society in Deutschland sehe ich dabei im Aufbau und der Etablierung eines Netzwerks zwischen den digital interessierten Kollegen. Ziel dabei sollte der unkomplizierte und fundierte Austausch zu verschiedenen Fragestellungen der Digitalen Zahnmedizin sein. Die Zugehörigkeit zu einer internationalen Organisation wird dabei helfen, auch über Grenzen hinweg den Austausch zu fördern und national durchaus unterschiedliche Herangehensweisen zu nutzen. Somit möchte ich der DDS Germany schnellstmöglich einen angestammten und wichtigen Platz in der internationalen Familie der Digital Dentistry Society geben.

Wo erkennen Sie aktuell den größten Informations- oder Fortbildungsbedarf, wo treffen Sie noch auf große Widerstände, digitale Technologien zu adaptieren?

Wie schon erwähnt, sehe ich aktuell den größten Bedarf in der Etablierung des Intraotralscanners in der zahnärztlichen Praxis. Hier gilt es schon einmal, den Kollegen eine Orientierung hinsichtlich der verschiedenen Produkte am Markt zu geben. Auch haben verschiedene Studien gezeigt, dass manche Scanner durchaus Vorteile bei gewissen Indikationen haben oder Softwareeigenschaften besitzen, die dem ein oder anderen Fachgebiet der Zahnheilkunde eher entsprechen, einem anderen aber weniger. Dies gilt es neutral und wissenschaftlich basiert in Vorträgen und Workshops aufzuzeigen, um so Fehlanwendungen oder Frustrationen zu vermeiden.Sicher stellt beim Erstkontakt mit der Digitalwelt die Beschäftigung mit der Software für uns als Zahnärzte einen der ersten größeren Stolpersteine dar. Keiner will ITler werden, nur weil er bestimmte digitale Prozesse in seiner Praxis einrichten möchte – wir sind dafür einfach zu sehr das praktische, direkte Arbeiten am Patienten unter Sicht gewöhnt. Aber auch wenn natürlich die aktuelle, junge Generation der Zahnärztinnen und Zahnärzte durch ihre allgemein sehr digitale Sozialisation extrem offen für diese neue Technologien ist, verzeichne ich auch in der gesamten Zahnärzteschaft großes Interesse.

Hier gilt es sicher auch im Bereich der Hochschulen Interesse zu wecken, Vorbehalte und Hemmnisse abzubauen und eine selbstverständliche Einbindung der Digitalen Zahnmedizin in Forschung und Lehre zu erreichen.

Im vergangenen Jahr war der Kongress in Como ein wirklich beachtliches ´who is who`weltweit führender Wissenschaftler und Kliniker – welche nationalen Unterschiede sind dabei erkennbar geworden?

Nach der doch für uns alle langen coronabedingten Abstinenz von Präsenz-Fortbildungsveranstaltungen war dieser Kongress ein wirklicher Lichtblick. Neben der immensen Anzahl an internationalen Teilnehmer und der wunderbaren Location war die Auswahl an internationalen, grandiosen Vortragenden die echte Sensation des Kongresses. Hierbei war es gelungen, das ganze Spektrum der Digitalisierung in der Zahnmedizin auf aktuellstem Wissensstand abzubilden. Natürlich muss man anerkennen, dass nicht alle Länder auf gleichem Niveau spielen und sich bereits starke Unterschiede sowohl in der flächendeckenden Umsetzung in den Zahnarztpraxen als auch in der Forschungswelt ergeben haben. Übrigens haben wir als grundsätzlich in der Zahnmedizin auf einem sehr hohen Niveau operierendes Land da noch einiges Potential aufzuholen und Anschluss zu finden, und sollten das auch schnellstmöglich tun.

Geht bei der ganzen Digitalisierung der zwischenmenschliche Kontakt mit dem Patienten, der erwiesenermaßen den Heilungserfolg auch maßgeblich beeinflusst, nicht über weite Strecken verloren?

Ich glaube, dass man hier mit einem der größten Vorurteile aufräumen muss. Digitalisierung in der Zahnmedizin setzt den Patienten, ganz im Gegenteil, noch stärker in den Focus. Die umfassende Beschäftigung mit dem Patienten im Sinne einer intensiveren Beschäftigung mit extraoralen und intraoralen Diagnostiken sowie deren Umsetzung in neue Planungsprogramme ist ja nicht nur eine technische Neuerung. Vielmehr dienen diese Darstellungen einer intensiveren Patientenberatung und -aufklärung. Mit diesen Tools kann der Patient die eigene, individuelle Situation viel besser begreifen, und wird in Planung und Umsetzung sofort einbezogen. Der Patient kann somit in noch nie dagewesener Form direkt erfahren, was und in welcher Form therapiert werden soll. Dies trägt zu einem wesentlich höheren Verständnis und Akzeptanz der Therapie beim Patienten bei, was auch zu einem wesentlich günstigeren Heilungsverlauf allein durch die deutlich verbesserte Patientenkooperation führt. Auch kann die Digitalisierung mit Hilfe von z.B. Online-Sprechstunden näher an die Patienten rücken und sehr transparent, nachvollziehbar und patientengerecht ein ganz neues und intensiveres Verhältnis zwischen Zahnarzt und Patient begründen.

Herzliches Danke für das Gespräch.