Keramik-Implantate: „Fakten bei keramischen Implantaten!“ hatte die ESCI – European Society for Ceramic Implant Dentistry für ihren ersten internationalen Kongress Anfang Oktober versprochen – und zeigte sich damit sehr offen und gesprächsbereit. Denn was ist tatsächlich evident, durch Studien belegt und belastbar und was ein durch den zunehmenden Patientendruck befeuerter Trend, der seitens des Behandlers aber noch mit Vorsicht zu genießen wäre? Zwei kontroverse und spannende Tage im historischen Landgut Bocken am Zürichsee ließen keine Fragen offen.

„Wir müssen uns darüber klar sein, dass wir mit dem vergleichsweise noch jungen Konzept der Keramik-Implantate derzeit massiv im Rampenlicht stehen. Vorschnelle und unhaltbare Heilversprechen sollten wir ebenso vermeiden wie experimentelles Vorpreschen bei mangelnden wissenschaftlichen Grundlagen“, mahnte ESCI-Präsident Dr. Jens Tartsch. „Wenn wir wollen, dass sich das so vielversprechende Pflänzchen gut entwickelt, müssen wir den Boden richtig bereiten und es von allen Seiten solide nähren.“ Mit diesem Ziel im Auge platzierte die ESCI mit über 170 Teilnehmern aus 23 Ländern und einer beeindruckenden Riege internationaler Aussteller direkt mit ihrem ersten Kongress eine der weltweit thematisch umfassendsten Veranstaltungen zur Keramikimplantologie.

Ein keramikweißes freundliches Willkommen vom ESCI-Organisationsteam.

Drei wesentliche Aspekte

Ziel der ESCI ist es, die dringend nötige Brücke zwischen wissenschaftlicher Forschung und der klinischen Anwendung rund um Keramik-Implantate zu schaffen. Schnell wurde bereits im ersten Programmteil klar, der mit „Biokeramische Materialien“ überschrieben war, dass es hier zu differenzieren gilt: Keramik ist nicht gleich Keramik. So gab Erstredner Prof. Dr. Corrado Piconi aus Italien bereits einen umfassenden Überblick zur Entwicklung keramischer Implantate sowie der Vor- und Nachteile von Zirkonoxid. Der Schweizer Prof. Dr. Jens Fischer beantwortete aktuelle Fragen zur Stabilität sowie der diesbezüglichen Bedeutung von Design und Oberflächenstruktur keramischer Implantate. Schon Abwandlungen scheinbar geringer Details können auf die klinische Performance entscheidende Auswirkungen haben – im Positiven wie im Negativen. Der französische Materialwissenschaftler Prof. Dr. Jerôme Chevalier widmete sich den Umwandlungs- und Alterungsprozessen von Zirkonoxid und stellte einige neu entwickelte Biokeramiken vor. Hier liegen ganz offensichtlich noch etliche Potentiale, die es in naher Zukunft zu heben gilt. Prof. Dr. Mutlu Özcan beendete diesen komplexen Teil mit einer ausführlichen Darstellung der Materialvielfalt bei keramischen Restaurationen (Keramik-Implantate).

Nach dieser materialwissenschaftlich sehr anspruchsvollen Eröffnung lockten nun die „Biologischen Aspekte“ des zweiten Teils. Prof. Dr. Daniel Olmedo aus Argentinien präsentierte seine Forschungsergebnisse zur Korrosion von Titan und Titanimplantaten. Die Beweisführung einer äquivalenten Osseointegration von Keramik, im Vergleich zu Titanimplantaten, trat der Schweizer Dr. Simone Janner an und die deutsche Biowissenschaftlerin Dr. Brigitte Altmann zeigte die unterschiedlichen Methoden der Oberflächengestaltung von Implantaten und deren entscheidende Bedeutung für die biologische Akzeptanz. ESCI- Vizepräsident Priv.-Doz. Dr. Stefan Röhling aus München zeigte die eindrucksvollen Vorteile von Keramik beim periimplantären Weichgewebe aufgrund der deutlich verringerten Plaque-Affinität und spannte den Bogen bis zum Thema Periimplantitis.

ESCI-Präsident Dr. Jens Tartsch und ESCI-Vizepräsident Priv.-Doz. Dr. Stefan Röhling haben noch vieles vor.

Nun war wissenschaftlich „der Boden bereitet“, sodass im dritten Programmteil die klinischen Aspekte vorgestellt wurden. Eindrucksvoll untermauerte Prof. Dr. Michael Payer aus Graz mit Fallbeispielen und mehr als fünfjährigen Studien die langfristigen klinischen Ergebnisse beim Einsatz von Keramik-Implantaten. Prof. Dr. Andre Chen aus Portugal illustrierte die Vorgehensweisen bei sofortiger oder verzögerter Keramik-Implantation. Auch Augmentationstechniken in Kombination mit Keramik-Implantaten gehorchen anderen Gesetzen, wie der Schweizer Dr. Goran Benic demonstrierte. Für Prof. Michael Gahlert aus München, der auf langjährige Erfahrungen (Keramik-Implantate) zurückblicken kann, hat sich seine gesamte zahnärztliche Praxis damit verändert, denn er versorgt inzwischen ein breites Indikationsspektrum mit keramischen Implantaten. „So lange Sie Ihr Auge fest auf den Besonderheiten des Materials und der damit verbundenen ganz anderen Vorgehensweise behalten, ergeben sich viele Möglichkeiten des Einsatzes!“ Auch Dr. Bernd Siewert aus Spanien ist keramisch inzwischen in der Ganzkieferversorgung angelangt und kombiniert die Implantate mit einem innovativen herausnehmbaren Zahnersatz aus PEEK. Der Niederländer Prof. Dr. Curd Bollen zog ein Resümee der beiden Kongresstage und riet Einsteigern, zunächst mit einfachen Indikationen zu beginnen.

Solide Forschung, Wissenschaft und Debattierfreude

Der erste ESCI-Kongress bot auch Forschern und Klinikern Gelegenheit, ihre Arbeiten im Rahmen von „short lecture sessions“ vorzustellen und freute sich über großen Zuspruch, besonders bei der jüngeren Generation. Die beste „scientific abstract presentation“ teilten sich freudestrahlend Dr. Mona Monzavi aus den USA und Dr. Yuguang Wang aus China. Dr. Rouven Wagner aus Dortmund erhielt die Anerkennung der „best ESCI member case presentation“. Den krönenden Abschluss der Veranstaltung bildete das „open stage forum“, zu dem sich alle Referenten des Kongresses auf der Bühne versammelten und sich unter der angriffslustigen Moderation des Schweizers Dr. Urs Brodbeck nicht nur den Fragen aus dem Publikum, sondern auch der gegenseitigen Kontroverse stellten. Auch wenn klar der Bedarf nach einer weiteren Verbesserung der wissenschaftlichen Datenlage gefordert wurde, herrschte abschließende Einigkeit, dass man bei Beachtung der korrekten Indikationen, der Guidelines der Hersteller und den adäquaten Protokollen Keramik-Implantate heute in der klinischen Anwendung empfehlen könne.

Geselliger Empfang in den historischen Gewölben des Landguts Bocken.

Mit einem letzten besinnlichen Moment gedachte man des jüngst verstorbenen visionären Schweizer Chirurgen Prof. Dr. Sami Sandhaus, der das Potential der keramischen Werkstoffe bereits vor 60 Jahren erkannt und als erster den Respekt vor dessen Besonderheiten eingefordert hatte. „Wir freuen uns, dass es uns so erfolgreich gelungen ist, ein Zeichen für die zahnärztliche Implantologie mit Keramik-Implantaten gesetzt zu haben“, freute sich Organisator und ESCI-Präsident Dr. Jens Tartsch am Ende der beiden Tage und kündigte für das Jahr 2021 eine Fortsetzung an. Bis dahin wird sich die ESCI länderspezifischen Projekten sowie dem Aufbau spezieller Trainingszentren für die Keramikimplantologie widmen.