ITI Spezialpodium Zahntechnik: Im Normalfalle sind es drei Spezialpodien, die flankierend zur Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte im Confertainment Center des Europaparks in Rust das wissenschaftliche Programm ergänzen. Aber in Zeiten einer Coronapandemie gibt es keinen Normalfall und so mußte mit der Umstellung der traditionsreichen Veranstaltung auf das Online-Format die Entscheidung getroffen werden die beiden etablierten Spezialpodien Kieferorthopädie und Oralchirurgie dieses Jahre ausfallen zu lassen. Zum Ausgleich gab es eine Premiere – erstmals veranstaltete die Bezirkszahnärztekammer Freiburg das Spezialpodium Zahntechnik in Kooperation mit einem neuen Kooperationspartner: Und so ging erstmals das ITI Spezialpodium Zahntechnik an den Start.

Im Rahmen seiner Begrüßung dankte der Communications-Officer der Deutschen ITI-Sektion Dr. Georg Bach, der zugleich auch das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Bezirkszahnärztekammer Freiburg innehat, der Zahntechnikerinnung Baden, dem bisherigen Kooperationspartner für die harmonische und gute Zusammenarbeit. Die Innung bleibt auch weiterhin dem Spezialpodium Zahntechnik unterstützend verbunden. Mit dem einzigartigen globalen Netzwerk ITI konnte nun ein neuer Partner gefunden werden, der das junge Format mit weiterem Elan und vor allem mit einer unglaublichen Expertise nach vorne bringen wird, so Bach. Seit der Gründung des Internationalen Teams für Implantologie (ITI) vor über vierzig Jahren spielten Zahntechnik und Zahntechniker eine überaus bedeutsame Rolle, als beredtes Beispiel dafür verstärkt auch eine stattliche Anzahl von Zahntechnikern die Reihen der Deutschen ITI Fellows.

Und einige dieser deutschen Zahntechniker-ITI-Fellows und Members präsentierten in der live aus dem Salla Bianca des Confertainment-Center des Europapark Rust übertragenen Veranstaltung Ihr Können und Ihr enormes Wissen auf dem Gebiet der Implantatprothetik. Den Auftaktvortrag steuerte Zahntechnikermeister Andreas Kunz aus Berlin bei, der über „Herausnehmbare Versorgungskonzepte im zahnlosen Kiefer mit implantatgetragenen Suprakonstruktionen“ sprach. Mit dem Eingangsstatement „die Zahntechnik muß wissenschaftlicher werden!“ begann Andreas Kunz sein Referat und orientierte sich hier folgerichtig bei seinen Ausführungen an den einschlägigen Richtlinien. „Die relevanten Entscheidungen für eine Implantatversorgung müssen vor Beginn der Chirurgie getroffen werden“, so Kunz und hierbei erweisen sich die etablierten digitalen Optionen als überaus hilfreich, denn diese gewährleisten bei einem intensiven Austausch zwischen Zahntechniker und Chirurgen ein vorhersagbares Ergebnis.

Im herausnehmbaren Bereich stellen nach Ansicht Kunzs Metalle als Material weitergehend den gold-standard dar, im festsitzenden Bereich geht der Trend eindeutig in Richtung Keramik. Zu beachten sind statische Grundlagen, die Implantat-Abutment-Verbindung und Fragen um den Bereich Haftung. Die verblockte Abformung – konventionell-analog stellt für Kunz im zahnlosen Kiefer weiterhin das übliche Vorgehen dar, digitale Abformungen haben sich seiner Ansicht nach hier noch nicht bewährt. Auch wenn der Locator in den vergangen Jahren Versorgungen mit Kugelköpfen weitestgehend abgelöst hat, so hat er doch, vor allem beim Vorliegen hoher Kaukräfte, einen entscheidenden Nachteil, nämlich den der unguten vertikalen Kraftübertragung auf den Zahnersatz.

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ZTM Andreas Kunz

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ZTM Hans Eisenmann

Sollte hier ein gutes, nachhaltiges Ergebnis gewünscht werden, dann sind Teleskope Methode der Wahl. Teleskopversorgungen sind – das wurde aus dem Referat deutlich – die präferierte Versorgungsform von Zahntechnikermeister Kunz. Und hier wiederum präferiert Kunz Titan-Gold-Versorgungen, die eine langfristig gute Verankerung bieten. Voraussetzung hierfür ist aber eine gute Positionierung der Implantate. Beim Vorhandensein von Restzahnbestand, der in die Versorgung miteinbezogen werden soll, kann die Wahl der Versorgungsform nur noch auf Teleskope fallen, so Kunz. Ausführungen zu Stegversorgungen rundeten seine Ausführungen ab, hier verwendet er stets individuell angefertigte Stege, nie konfektionierte.

„Wie etabliere ich Sofortversorgungskonzepte im Dentallabor – vorhersagbar und stressfrei?“, dieses anspruchsvolle Thema hatte sich Zahntechnikermeister Fabian Zinser gewählt. Fabian Zinser ist nicht nur ein Experte auf dem Gebiet der Zahntechnik, nein auch Soziale Medien haben es ihm sehr angetan und so unterstützt der junge norddeutsche Zahntechnikermeister auch die jüngst gegründete Task Force „Soziale Medien“ der deutschen ITI Sektion. In Rust indes zeigte Zinser sein Können auf dem Gebiet der CAD/CAM gefertigten Restaurationen, auf dem er über reiche Erfahrungen verfügt. Zinser ist nicht nur Member des ITI, sondern auch Gründer der Studiengruppe Dental Experts Implantology. Mit dem Entschluss einer Spezialisierung und den ersten Erfahrungen mit den frühen digitalen Optionen wurde, so Zinser, „ein Feuer in mir entfacht!“ Anhand von zwei Patientenfällen untermauerte Zinser sein Credo auf striktes Einhalten einer präimplantologischen Planung. Im ersten Fall wurde implantiert und dann erst der Zahntechniker kontaktiert, im zweiten indes bereits im Vorfeld gemeinsam geplant und aufgrund der dort gewonnenen Ergebnissen dann die Versorgung durchgeführt.

Bei Sofortbelastung steht zunächst das Erzielen eines maximalen ästhetischen Ergebnisses im Vordergrund, wohingegen okklusale Belastungen in der initialen Phase klar reduziert sind, so Zinser. Das Straumann BLX-System ist das präferierte Implantat für Sofortversorgungskonzepte für den im norddeutschen Lengstedt niedergelassenen Zahntechnikermeisters. Im zweiten Patientenfall wurde ein Trias aus BLT-Implantatsystem, pro-arch und CodiagnostiX-Planung vorgestellt. Ausgehend von den ersten Forschungsergebnissen von Malo haben sich zwischenzeitlich zahlreiche Systeme mit einer reduzierten Implantatzahl und angulierten Implantaten präsentiert. Wichtig ist seiner Ansicht nach, dass es den Herstellern gelingt Programme zur Verfügung zu stellen, die möglichst viele Optionen, wie z.B. die einer Extraktionsfunktion bergen, denn wenn man auf verschiedene Programme zurückgreifen muss und diese dann in Übereinstimmung bringen muß, ist die Gefahr von Fehlern und Komplikationen wesentlich erhöht. Ausführungen zu CodiagnostiX und seinen zahlreichen Optionen stellten den letzten Teil der Ausführungen Zinsers dar.

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ZTM Björn Roland und Dr. Kay Vietor

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ZTM Fabian Zinser

Über den viel besungenen digital workflow referierte Zahntechnikermeister Hans Eisenmann, konkret über den anspruchsvollen „digitalen Weg von der chirurgischen Versorgung zur definitiven Arbeit“. Eisenmann betonte die Wichtigkeit der zahntechnischen Unterstützung der Zahnärztinnen und Zahnärzten im Rahmen einer Implantatversorgung. Diese Unterstützung beginnt keinesfalls mit dem Eintreffen eines intraoralen Datensatzes, oder einer Abformung nach Osseointegration vorgängig inserierter Implantate, nein die Zusammenarbeit muß in der ganz frühen Planungsphase beginnen. Limitierende Faktoren sind hier auf Gebieten festzustellen, an die man als Zahntechniker und Zahnarzt zunächst gar nicht denkt, z.B. an die digitalen Übertragungswege und an Kommunikationsschwierigkeiten bei Softwareprogrammen mit fehlenden Schnittstellen. „Der Weg führt an der geführten Implantologie nicht vorbei!“, so Eisenmann und bezog diese Einschätzung nicht nur auf komplizierte Fälle. Im Vordergrund müsse neben der Vorhersagbarkeit auch die Sicherheit für den Patienten stehen. Mit etwa 2000 hergestellten Schablonen pro Jahr und zwanzig Jahren Erfahrungen mit dem CodiagnostiX-System verfügt der in Ulm niedergelassene Zahntechnikermeister über eine herausragende Erfahrung auf dem Gebiet der digitalen Wertschöpfung. Ausgezeichnet dokumentierte Fallbeispiele nutzte Eisenmann als Belege für seine Ausführungen. Nach einer kurzen Pause übernahmen Dr. Kay Vietor und Zahntechnikermeister Björn Roland das Rednerpult des Salla Bianca im Confertainment Center in Rust.

Vietor und Roland, ja diese beiden echten Aktivposten der deutschen ITI Fellows mausern sich langsam zur sprichwörtlichen Allzweckwaffe der Deutschen Sektion. Referentenduos Zahnmedizin-Zahntechnik – übrigens erstmals auf einer ITI-Veranstaltung präsentiert – sind zwischenzeitlich auf vielen Tagungen und Kongressen zu hören, aber kaum einem gelingt es derart unterhaltend und fundiert zugleich zu referieren, wie Kay Vietor und Björn Roland. In Rust sprachen sie in Ihrem Teamvortrag über die „Digitale Transformation“. Vietor berichtete, dass durch die digitale Transformation in den vergangen Jahren nahezu alle Abläufe in seiner Zahnarztpraxis starken Veränderungen unterzogen worden sind. Dies alles unter dem Stichwort „smile in a box“; Grundvoraussetzung hierfür ist allerdings – als Dienstleister – das digitale Labor. Die Folgen dieser Transformation sind vor allem für den Patienten durchaus attraktiv – eine deutliche Reduktion von Behandlungsterminen zum Beispiel. Das rührige Referentenduo liebt es seine Botschaften über „story telling“ an die Frau/ den Mann zu bringen – da wurde auch schon mal gefragt, was „Turnschuhe, Müsli und abutments gemeinsam haben?“ (nämlich die Individualisierung) und da wurde auch schon mal ein Basketballkorb auf der Bühne aufgebaut (und während des Referats genutzt), dieses Mal indes stand Hollywood Pate für die Präsentation, die in Anlehnung an block-buster-Filmen erfolgte. So wurden anhand des digitalen Drehbuchs (Datenaquise (Röntgen/ Intraoralscan), Planung, Insertion und Eingliederung) der Dokumentationsfilm, der Actionfilm, der Katastrophenfilm und die Schmonzette dem Auditorium präsentiert.

Das erste Spezialpodium Zahntechnik unter Führung des ITI – ein gelungener Auftakt, der im kommenden Jahr in Rust ganz sicher eine Wiederholung finden wird – dann aber hoffentlich in Post-Pandemie-Zeiten und in Präsenz! Denn das Konzept der Bezirkszahnärztekammer Freiburg „Die Dentalfamilie trifft sich in Rust“ wird nur dann voll mit Leben erfüllt, wenn gut 2300 Zahnärzte, Zahntechniker, Zahnmedizinische Angestellte, Kieferorthopäden und Oralchirurgen, sowie Kieferchirurgen die Hallen des Confertainment-Centers und die wohlbestückte Dentalausstellung füllen und sich in den Pausen bei einem Kaffee oder Snack austauschen. Die Bezirkszahnärztekammer Freiburg hat die Fachzahnarztpodien und das Zahntechnikpodium behutsam und zielsicher in den vergangenen Jahren entwickelt um flankierend zu dem Hauptprogramm für Zahnärztinnen und Zahnärzte und dem für die Zahnmedizinischen Fachangestellten eine ideale Ergänzung zu bieten und um die Dentalfamilie wiederum komplett in Rust zu versammeln.

Dr. Georg Bach