Der Name ist Programm: Unter dem Motto „Implantologie vernetzt“ steht auf dem 35. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) der Austausch über die Fachgrenzen von Zahnmedizin und Medizin hinweg. Vom 25. bis 27. November 2021 sollte dieser interdisziplinäre Kongress in Wiesbaden als Deutscher Implantologentag viele Weichen neu stellen und die Sichtweisen unterschiedlicher Fachrichtungen auf die Implantattherapie ver­knüpfen. Der Kongress fand als Hybrid-Veranstaltung statt. Vor Ort konnten die Kongress­präsidenten Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz (Wiesbaden) und Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas (Mainz) rund 900 Teilnehmende begrüßen, etwa 450 verfolgten die Tagung online am Bildschirm.

Bild: Kongress­präsident Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz (Wiesbaden) begrüßte rund 900 Teilnehmer, etwa 450 verfolgten die Tagung online am Bildschirm.

Den Deutschen Implantologentag richtet die DGI gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Orale Implantologie (DGOI) und der DGI-Nachwuchs-Organisation Next Generation aus, die je­weils einen Co-Präsidenten stellen: Prof. Dr. Daniel Grubeanu (Trier) ist Präsident der DGOI und PD Dr. Samir Abou-Ayash (Bern) ist Sprecher der Next Generation der DGI.

Ein Kongress als Augenöffner

„In meinen Augen ist es ein Meilenstein der deutschen Implanto­logie, dass dieser Kongress zustande gekommen ist”, erklärt Professor Grubeanu. Wir erwarten für Implantologen und Implantologinnen eine Erweiterung des Horizonts.” „Ich bin sicher, dass es unglaublich viele Schnittstellen gibt, die wir wahrscheinlich noch gar nicht überblicken können”, ist PD Dr. Samir Abou-Ayash überzeugt. „Darum könnte der Kongress zu einem Augenöffner für alle Seiten werden.” Andere zahnmedizinische und medizinische Fachgesellschaften bringen ebenfalls als sogenannte Gast-Gesellschaften ihre jeweilige Expertise ein: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO), die Deutsche Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien (DG Pro), die Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Zahnmedizin (DGÄZ) und die Deutsche Gesellschaft für In­nere Medizin (DGIM) – letztere mit rund 28.000 Mitgliedern ein Schwergewicht unter den me­dizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Für die US-amerikanische Perspektive sorgt die Academy of Osseointegration.

„In meinen Augen ist es ein Meilenstein der deutschen Implanto­logie, dass dieser Kongress zustande gekommen ist.”

Mehr Implantationen – mehr Risikopatienten

Die Möglichkeiten der modernen Implantologie und schwindende Kontraindikationen sind ein Grund für steigende Implantationszahlen. Schät¬zungen gehen von etwa 1,3 Millionen inserierten Implantaten jährlich aus. Doch der demographi¬sche Wandel, die Epidemiologie chronischer Krankheiten und komplexe medizinische Therapien sorgen dafür, Zahnärztinnen und Zahnärzte zunehmend häufig mit Risikopatienten konfrontiert sind. „Etwa ein Drittel der Patienten über 25 Jahre, die sich in zahnärztlicher Behandlung befinden, tragen Risikofaktoren“, rechnet Professor Grötz vor.

Implantologie bedeutet mehr als zu augmentieren

„Es reicht heute darum nicht mehr aus, als Implantologin oder Implantologe komplexe Augmentationen zu beherrschen“, sagt Professor Grötz. Vielmehr gelte es, den Patienten als Ganzes zu sehen mit allen Faktoren, die seinen Gesundheitszustand ausmachen. Kurz: Aufgrund ihrer medizinischen Vorgeschichte erfordern die meisten Patientinnen und Pa¬tienten die Sichtweise verschiedener Disziplinen, die darum zusammenarbeiten müssen. Professor Grötz: „Nur dann können vorbelastete oder vorerkrankte Patientinnen und Patienten erfolgreich behandelt werden.” „Wir müssen fragen, welche Auswirkung eine Implantatversorgung auf den ganzen Organismus hat”, betont PD Dr. Samir Abou-Ayash. 

„Das ist das, was ich mir von diesem Kongress verspreche und was dieser langfristig bewirken kann: mehr Kooperation zwischen Medizin und Zahnmedizin.”

Forschungsperspektiven für den demographischen Wandel

Der demographische Wandel wird die Zahn¬medizin vor komplexe Herausforderungen stellen. „Die Patientinnen und Patienten werden älter, haben auch im höheren Alter noch mehr Zähne, aber auch mehr Krankheiten”, sagt Professor Al-Nawas. „Und ich denke, sie haben auch einen Anspruch auf weniger belastende Therapien.” „Minimal-invasive chirurgische Konzepte sind dafür wichtig”, betont PD Dr. Abou-Ayash. Erforderlich seien auch ein „mitwachsender” Zahnersatz sowie Behandlungskonzepte auf der Basis patientenindividueller Befunde.

Smarte Implantate

Die Digitalisierung wird die implantologische Forschung weiter befeuern. Darin sind sich die Experten einig. „Die digitale Planung von Behandlungen und neue keramische Werkstoffe werden der Äs¬thetik mehr Raum geben”, sagt Prof. Al Nawas, der auch noch andere Entwicklungen in der Implantologie am Horizont sieht: Smarte Implantate könnten durch Sensoren und Beschichtungen zu Diagnostika und The¬rapeutika aufgerüstet werden.

Es ist Zeit, neue Wege zu gehen

Die Kongresspräsidenten hoffen daher, dass bei dieser Tagung nicht nur Weichen für die zukünftige Entwicklung der Implantologie und ihre Integration in die (Zahn)medizin neu ge¬stellt werden, sondern dass auch neue Wege bei der Zusammenarbeit zwischen den zahnmedizinischen und medizinischen Disziplinen beschritten werden. „Es gilt, Gemeinsamkeiten deutlich zu machen und ein klares Signal für die Zukunft zu senden“, betont Professor Al-Nawas. „Es ist an der Zeit, die Kooperation sowohl in¬nerdisziplinär, also innerhalb der ZMK-Heilkunde, als auch interdisziplinär mit anderen medizinischen Fach¬richtungen voranzubringen“, so das Credo von Professor Grötz. 

„Diese Zusammenarbeit mit den großen medizinischen Disziplinen zeigt, dass wir zusammenwachsen. Zahnmedizin ist ein Teil der Medizin.”

Ein vielschichtiges Programm

Diese Notwendigkeiten spiegeln sich auch im Programm des Deutschen Im¬plantologentages wider. So stehen etwa Themen wie Bakteriämie und Endokarditis erstmals auf dem Programm, präsentiert von Experten aus den Bereichen Parodontologie und Innere Medizin. Das Thema Implantattherapie in der Oberkiefer-Frontzahnregion bestreiten Referenten der DGÄZ und der DG Pro. Geht es um Materialien, Unverträglichkeiten und immunologische Aspekte, stehen Experten aus drei Bereichen auf der Bühne: aus der Prothetik, der Implantologie und der Inneren Medizin.

Team Day und Nachwuchs

Ebenfalls am Samstag fand erstmals ein Team Day statt. Bei dieser Session ging es um perfekte Prozesse in der Praxis, um Terminvergabe, Kommunikation und Rechnungsstellung. Ein Pro-zesstraining für die Einbindung neuer Mitarbeiter kam hinzu. Dieses Forum ist ein Baustein im Konzept der DGI, das ganze Team einer Praxis und auch den Nachwuchs stärker anzusprechen. „Auch der adäquate Umgang mit und die Ansprache von Patienten will gelernt sein”, sagt die DGI-Pressesprecherin Dr. Dr. Annette Strunz (Berlin), die ihr vierköpfiges Team mit nach Wiesbaden gebracht hat. Dass der Nachwuchs im Fokus der DGI steht, ist nicht nur am Engagement der Next Generation ablesbar, sondern auch am Ausbau entsprechender Fortbildungsangebote. Nach einem erfolgreichen Auftakt im vergangenen Jahr wird die DGI erneut auf dem Dental Summer ein maßgeschneidertes Programm für die junge Zahnmedizin anbieten.