Eine Wirksamkeit von PRP – plättchenreichem Plasma – zur Verkürzung der Einheilzeiten erschließt sich doch allein anhand der biologischen Fakten: Blut enthält verschiedene Anteile. Im Plasma außerhalb der Erythrozyten gibt es viele Proteine, welche die Knochenneubildung fördern. Wenn es nun gelingt, mittels einer Zentrifuge das Blut in seine einzelnen Bestandteile zu trennen und schließlich das gewünschte Plasma mit einer erhöhten Konzentration dieser nützlichen Proteine in die Wundumgebung zu geben oder mit einem Augmentat zu mischen, kann das nicht ohne Effekt bleiben.

Meine Beobachtungen in der Praxis sind entsprechend: Die Wunden heilen schneller und problemfreier, die Patienten klagen signifikant weniger über Schmerzen und verlangen oder benutzen auch signifikant weniger Schmerzmittel. Ich habe auch eine deutlich verringerte postoperative Ödembildung beobachtet.

Mir ist bewusst, dass es derzeit nach Studienlage keine aussagekräftige Untersuchung gibt, welche die wiederholte Wirksamkeit von Thrombozytenkonzentraten bestätigt. Die Frage darf aber erlaubt sein, warum ich deshalb nicht einem deutlich weniger gepeinigten Patienten schon nach drei statt nach üblicherweise sieben Tagen die Fäden einer sauber verheilten Wunde ziehen darf. Ich tue keinem weh – im Gegenteil –, und meine Patienten und damit auch ich sind glücklich.

Übrigens wird PRP in der Orthopädie und Sportmedizin schon lange und ohne große Diskussionen als sogenanntes „autologes biological“ eingesetzt. Neben den schon genannten Proteinen führt man den Erfolg bei Sehnen-, Knorpel- und Nervenentzündungen und chronischen Wundheilungsstörungen auch auf den in den Thrombozyten enthaltenen Cocktail von entzündungshemmenden Zytokinen und regenerationsfördernden Wachstumsfaktoren zurück, die bei der Heilung von Strukturen zweifelsfrei als wesentlich erkannt sind. Die Thrombozyten bilden nach Applikation kleine Zellfüßchen aus, mit denen sie sich an das erkrankte Gewebe anheften. Hier aktivieren sie mesenchymale Stammzellen und produzieren über einen längeren Zeitraum heilungsfördernde Wachstumsfaktoren wie PDGF (platelet derived growth factor), TGF-beta (transforming growth factor beta) oder VEGF (vascular endothelial growth factor). Alle diese Faktoren sind ganz wesentlich an Reparaturvorgängen der Gewebe beteiligt. Bei chronischen Wundheilungsstörungen findet sich übrigens oft eine deutlich verminderte Anzahl dieser Wachstumsfaktoren.

Sicherlich bleibt es noch eine spannende Frage, aus diesem Cocktail eines Tages den oder die absolut wesentlichen und hochwirksamen Bestandteile mit heilungsfördernder Wirkung zu isolieren und in einer standardisierten Form verfügbar zu machen. Aber wieso sollte ich meinen Patienten bis dahin die Segnungen einer ansonsten völlig harmlosen Methode vorenthalten, nur weil sie noch nicht bis ins letzte Detail wissenschaftlich analysiert wurde. „Wer heilt, hat Recht“, ist mir da einmal mehr ein ausreichend gutes Argument für den Einsatz von PRP oder PRGF.

Schon in den 60er Jahren wurde medizinisch die Möglichkeit beschrieben, Wunddefekte mit Patienten-Eigenblut zu behandeln. Ein Verfahren zur Herstellung von PRP – platelet rich plasma – wurde erstmals 1997 beschrieben und 1998 die erste Studie zur Verwendung von PRP in der Kieferchirurgie veröffentlicht. Danach hätte man den Eindruck bekommen können, eine implantologische Zahnarztpraxis ohne Zentrifugen und am besten eigene Transfusions-Räume und -Assistenten sei völlig hinter dem Mond. Keine Fortbildung oder Fachzeitschrift konnte oder wollte sich diesem PRP-Hype entziehen.

Recht schnell ergab sich aber, dass es sich bei Flut der über uns hereinbrechenden Veröffentlichungen meist um die Beschreibung von Einzelfällen, bestenfalls einmal Fallserien handelte. Wissenschaftlich unhaltbar waren viele der Arbeiten allein durch die Tatsache, dass die damals angebotenen Tischgeräte zur Herstellung von PRP nicht in der Lage waren, ein thrombozytenreiches Plasma von gleichbleibender Qualität herzustellen.

Tatsächlich enthalten Thrombozyten einen hohen Gehalt an verschiedenen Wachstumsfaktoren und Zytokinen, die chemotaktisch direkt oder indirekt gewebsregenerierend wirken und mesenchymale Stammzellen, Fibroblasten und mononukleäre Leukozyten zur Proliferation anregen und lokal anziehen. Allerdings wird PRP ja in eine direkte Wunde gegeben, bei der Botenstoffe bisweilen aufgrund von Mikrozirkulationsstörungen gar nicht aus dem Wundgebiet in den Kreislauf gelangen und die Wundheilung in Gang bringen können. Bei einer,aus welchen Gründen auch immer,gestörten Wundheilung muss PRP daher nutzlos verpuffen.

Daneben scheint es, als läge die notwendige Thrombozytenkonzentration für einen positiven Effekt von PRP in einem sehr schmalen Bereich. Und es gibt Studien, die bei einer besonders hohen Thrombozytenkonzentration bei simultaner Augmentation und Implantation sogar negative Effekte von PRP ausweisen. Faktisch gibt es derzeit keine einzige randomisierte klinische Studie, die einen Vorteil von PRP belegt.

Während die Verwendung von Patienten-Eigenblut wenigstens – bei sorgsamer Verarbeitung – keine weiteren Risiken mit sich bringt, ist von Blutprodukten wegen der Gefahr einer Kontamination oder Verwechslung bei diesem Risiko-Nutzen-Verhältnis dringend abzuraten.

Dieselben Leute, die bei einer Verschärfung der Hygienerichtlinien unter Hinweis auf die Besonderheiten einer Zahnarztpraxis auf die Barrikaden gingen, wollen sich fröhlich und unbeschwert in solch heikle Bereiche wagen?

Auch rein rechtlich muss dem Behandler klar sein, dass eine PRP-Übertragung als Herstellung eines Arzneimittels gilt und zudem dem Transfusionsgesetz unterliegt. Streng genommen muss der Zahnarzt eine Qualifikation als Transfusionsverantwortlicher mit einer mindestens sechsmonatigen Erfahrung vorweisen, die Praxis müsste als Spenden-Einrichtung und der Patient als Spender eingestuft und sauber dokumentiert werden. Ziemlich viele Risiken und Umstände für eine „Glückstherapie“ (wenn man Glück hat, bringt sie etwas).