Ob ich es nun Titan-Allergie nenne oder Titan-Unverträglichkeit – dem Patienten ist es herzlich wurst, unter welcher Bezeichnung sich sein Implantat entzündet oder sogar herausfällt. Und ich als Zahnarzt werde mich bei einer solchen Katastrophe auch nicht stundenlang mit meinem Patienten darüber unterhalten, welche Definition dieses Misserfolges denn die wirklich sprachlich korrekte wäre. Fakt ist: Es gibt – und zwar zunehmend – Patienten, die auf Titan-Implantate mit unerklärlichen entzündlichen Reaktionen oder sonstigen Befindlichkeiten – von Kopfschmerzen über Hautausschläge über rheumatische Beschwerden bis hin zu allgemeiner Abgeschlagenheit – reagieren. Und Fakt ist, dass es inzwischen eine ganze Reihe von Tests, u.a. den sehr aussagekräftigen LTT-(Lymphozyten Transformations-)Test gibt, mit denen sich diese Unverträglichkeitsreaktionen völlig jenseits von nächtlichem Wünschelruten-Gehen und Auspendeln wissenschaftlich nachweisen lassen.

Einerseits versucht uns die Industrie glauben zu machen, jede noch so kleinste Veränderung der Implantatoberfläche habe eine revolutionär positive Auswirkung auf die Osseointegration oder Langzeitstabilität, aber über die teilweise sehr deutlich vorliegenden Unverträglichkeitsreaktionen auf das Hauptmaterial Titan ginge man am liebsten nonchalant hinweg. Überhaupt gibt natürlich zu denken, dass viele Stimmen von bisweilen hohem professoralem Rang, welche die Titandiskussion vom Tisch wischen wollen mit Feststellungen wie „Der menschliche Körper ist doch allein biologisch mit Titan gesättigt“ oder „Titan hat überhaupt keine Auswirkungen auf den Organismus“ verdächtig oft auf der Entwicklerliste führender Hersteller herkömmlicher Implantate zu finden sind.

Gar nicht abstreiten will ich, dass es sich in manchen Fällen vielleicht nicht um eine reine Titan-Unverträglichkeit handelt, sondern auch andere den TI-Blöcken zugesetzte Metalle wie Nickel, Vanidium oder Aluminium eine Rolle spielen könnten – hier sind wir aber auch wieder bei der eingangs erwähnten Wortklauberei. Für den Patienten wesentlich bleibt: Ihm oder ihr wurde ein Titan-Implantat gesetzt, das ihm oder ihr nun Beschwerden bereitet. Auch die Feststellung, eine Symptomatik könne sich aus einer heutzutage generell höheren Exposition einiger Patienten gegenüber Titanoxiden entwickelt haben, hilft mir in der Praxis nicht weiter, wenn das von mir gesetzte Titan-Implantat das individuelle Fass jenes Patienten zum Überlaufen bringt.

Übrigens wird die Titan-Diskussion in Kreisen von Immunologen, Umweltmedizinern und Orthopäden viel weniger dogmatisch und aufgeregt geführt als in der Zahnmedizin. Sollte es daran liegen, dass sich alternative Materialien wie Keramik z.B. in der Orthopädie schon viel besser im Markt etabliert haben und damit keine ausschließliche industrielle Titan-Lobby mehr gegenhält?

Jenseits von Tests gibt es inzwischen eine Reihe gut dokumentierter Fälle, in denen geplagte Patienten nach Ersatz ihrer Titan- durch Zirkondioxid-Implantate binnen kürzester Zeit beschwerdefrei wurden, und auch ihre PKV erfolgreich zur Zahlung der Ersatzbehandlung verdonnern konnten. Und dass diese spezielle Fraktion nie ohne deutlichen und nachweisbaren Druck nachgeben würde, wissen wir doch alle nur zu gut.

Wie bei so vielen medizinischen Diskussionen ist es immer von Übel, wenn man den Pfad der strengen Wissenschaft verlässt und ins Nebelreich der oft mit dem „ganzheitlich zahnmedizinischen“ Tarnmäntelchen versehenen, im Grunde aber schlicht komplett unwissenschaftlichen, auf Spekulation und Einzelbeobachtungen fußenden, Betrachtungen abgleitet.

Titan ist ein chemisches Element mit einem hervorragenden Korrosionsverhalten und einer im Vergleich zu anderen Metallen sehr guten immunologischen Verträglichkeit bei gleichzeitig einer für Zahnimplantate idealen Festigkeit und Dauerhaftigkeit.

Alle vorliegenden Titan-Allergie-Tests sind absolut nichtssagend. Ein Titan-Implantat-Allergietest in Form des gängigen Epikutantests ist aufgrund fehlender standardisierter Reagen- zien gar nicht möglich. Ein Epikutantest mit Titanoxid ist daneben kompletter Schwachsinn, weil die Titanpartikel die Haut gar nicht durchdringen können. Und in jenem hochgejazzten LTT wird lediglich die Sensibilität der Lymphozyten getestet, das spricht aber noch lange nicht für ein Bestehen einer Allergie. Zudem wird ionisches Titan im mittleren pH-Bereich unmittelbar nach Freisetzung oxidiert – oxidierte Titanpartikel sind im Gegensatz zu Metallionen gar nicht in der Lage, über eine Modifikation durch Proteine zu Allergenen zu werden. Wissenschaft, Damen und Herren!

Dass es seitens der Gold- und Zirkonindustrie klare Interessen gibt, den Markt für Implantate und ihren eigenen Anteil daran neu zu ordnen, ist legitim. Nur sollten sie dies nicht auf Kosten einer nachhaltigen Verunsicherung der Patienten tun, die letztlich auch der zahnärztlichen Implantologie als solcher und damit allen schadet. Das Gebiet ist und bleibt multifaktoriellen Einflüssen unterworfen und ich warne davor, sich anstelle einer sauberen Befunderhebung und Ausschlussdiagnostik vorschnell auf einen Auslöser von Versagen festzulegen – bei manchen Kollegen möchte man gar meinen, ein „Sie leiden unter einer Titanallergie“ kommt ihnen beim Patienten immer noch flüssiger über die Lippen als ein „Ich habe mich leider bei Ihnen zu weit und über meine Fähigkeiten hinaus vorgewagt“.

Googeln Sie mal „Hüftprothese + Titan-Unverträglichkeit“: Auf den ersten 16 Seiten kein einziger Treffer, auch nicht als Verweis auf Patientenportale. Stattdessen reihenweise Elogen auf die gute Verträglichkeit und Stabilität von Titan. Bei „Zahnimplantate + Titan-Unverträglichkeit“ Treffer auf der ersten Seite. Trotz über 95%iger Erfolgsquote von dentalen Implantatbehandlungen, die im Orthopädiebereich bei weitem nicht erreicht wird. Honi soit qui mal y pense.

Hauptgründe für Implantatverluste sind und bleiben vorliegende Allgemeinerkrankungen des Patienten, mangelnde Hygiene, Infektionen, Fehlbelastungen und schädliches Verhalten wie Tabakkonsum. Wenn sich ebenso viele Patienten, die sich wegen einer möglichen Titan-Allergie Gedanken machen und präventive Maßnahmen ergreifen wollen, intensiv mit ihrer bestehenden Parodontitis und deren langfristigen Auswirkungen auf ihre Mund- und Allgemeingesundheit und natürlich auch auf eine Implantatbehandlung beschäftigen würden, hätten wir viel gewonnen.