Über 120 Teilnehmer zwängten sich in einen überfüllten Hörsaal. Um es vorweg zu nehmen: sie bekamen, was das Thema versprach. In polarisierenden Referaten wurde die Frage, ob pathophysiologische Zusammenhänge zwischen Okklusion, Körperhaltung und einer CMD bestehen, intensiv erörtert. 

Der „Hausherr“ Dr. Arentowicz, Vorstandsmitglied und Fortbildungsreferent der Zahnärztekammer Nordrhein, machte die Relevanz des Themas mit wenigen Worten deutlich: Die Zahnmedizin habe „heute und in Zukunft die Chance und die Pflicht zugleich, medizinischer als je zuvor zu sein.“ Dabei bestehe die medizinische Verantwortung des Zahnarztes darin, dass er sich in die interdisziplinäre medizinische Diagnostik und gegebenenfalls Therapie einbringe, indem er zahnmedizinische Risikofaktoren erkennt und behandelt.

Die beiden ausgewiesene Funktionsspezialisten Prof. Alfons Hugger, stellvertretender Direktor für Prothetik an der Universität Düsseldorf, und PD Dr. Daniel Hellmann, Oberarzt für Prothetik an der Universität Würzburg, lieferten sich mit Dr. Jürgen Dapprich, Zahnarzt und Betreiber des CMD-Centrum-Düsseldorf, und dem Kölner Orthopäden und Osteopathen Dr. Ingolf Säckler denn auch den absehbaren und von den Teilnehmern wohl auch erhofften „Schlagabtausch“ in Sachen „ganzheitlicher CMD-Therapien“.


Wer heilt, hat recht?

Prof. Hugger beleuchtete in seinem Referat „Ganzheitlich oder was? Formen der Annäherung an ein kontroverses Problem“ anhand zahlreicher Literaturquellen die Frage aus wissenschaftlicher Sicht. So lägen bis jetzt noch keine belastbaren Daten vor, die pathogenetisch bedingte biomechanische Wechselwirkungen zwischen dem kraniozervikalen System und anderen Körpersegmenten, zwischen Okklusion, Wirbelsäule und Körperhaltung belegen würden. Zu viele in ihren Vernetzungen und Wechselwirkungen noch weitgehend unerforschte Faktoren und Parameter – wie Körperschwankungen (Stabilometrie/Posturographie), zentrale Sensibilisierung, Symmetrie/Asymmetrie, sowie das Potenzial von Adaption, Kompensation und Dekompensation – erlauben derzeit keine eindeutige diagnostische Interpretation. Auch eine biologische Plausibilität für eine pathologische Beziehung zwischen Okklusion und Haltung ist nicht gegeben. Vielmehr ist aufgrund zahlreicher Literaturquellen davon auszugehen, dass es keine Evidenz für einen vorhersagbaren Zusammenhang zwischen Okklusion und Haltung gibt und damit eine an den gängigen Gütekriterien ausgerichtete, interdisziplinär-übergreifende Therapieempfehlung klinisch seriös nicht darstellbar ist. So gäbe es zwar eine Komorbidität von myogener CMD mit Hals/Nacken-Störungen, allerdings erlauben bisherige Studienergebnisse zu Manipulationen der Unterkieferposition und ihrer Auswirkung auf Körperhaltung und Körperschwankungen keine gesicherten Aussagen über Wechselwirkungen. Was aber nicht gegen mögliche Wirkungszusammenhänge spricht, sondern die Notwendigkeit weiterführender evidenzbasierter Forschung auf diesem Gebiet unterstreicht.


CMD und Beckenschiefstand

Für Dr. Dapprich hingegen sind die Zusammenhänge aufgrund seiner eigenen Erfahrung ganz offensichtlich, wie er in seinem Vortrag „Interdisziplinäre Funktionstherapie, Kiefergelenk und Wirbelsäule“ betonte. Für ihn ist eine CMD der überwiegende Auslöser von Kopf- und Rückenschmerzen, von Beckenschiefstand und Skoliose der Wirbelsäule, von Tinnitus und Schlafstörungen sowie weiterer Symptome im ganzen Körper, indem eine CMD „die neuronalen Netzwerke im gesamten Körper negativ“ beeinflusse. Orthopädische und zahnmedizinische Belange würden sich nachweislich gegenseitig bedingen. So zeigten bis zu 100 Prozent seiner CMD-Patienten einen Beckenschiefstand und eine Atlasfehlstellung hätten 96 Prozent. Daraus folgert er die Notwendigkeit einer ganzheitlichen, interdisziplinären Therapie der Kiefergelenke und der Wirbelsäule, um bei der Behandlung einer CMD höhere Erfolgsraten zu erzielen.


Zwischen Empirie und Evidenz

Eher eine Position der Mitte nahm der Kölner Orthopäde und Osteopath Dr. Säckler ein. In seinem Referat „Okklusion und Körperhaltung – Interdisziplinäre Zusammenarbeit Zahnheilkunde, Orthopädie und Osteopathie“ betonte er die Notwendigkeit einer simultanen, orthopädischen bzw. manualmedizinischen sowie zahnmedizinischen Untersuchung, um den Ursprung von Beschwerden oder Störungen im muskuloskelaten System (MSS) diagnostizieren zu können. Denn Kopfschmerzen, HWS- und Rückenbeschwerden könnten ihre Ursachen sowohl in Funktionsstörungen des CMS haben, als sie aufgrund einer deszendierenden Verkettung zu Störungen im gesamten MSS führen, aber auch außerhalb einer temporomandibulären Dysfunktion (TMD) und okklusaler Auslöser begründet liegen. Mit manuellen Tests nach Marx und der Veränderung der Propriozeption der Kiefergelenke ließe sich feststellen, ob eine Verkettung vorliegt und die CMD mit einer muskuloskeletalen Störung in Zusammenhang steht. Mit diesem Vorgehen umginge man „diagnostische Stolpersteine“ und nutze die Effizienz einer simultanen Therapie.

Sündenbock Kiefer?

In seinem Referat „Das Bein zu kurz, der Hals wird schiefer – ganz klar, das kommt vom Kiefer“ fokussierte Dr. Hellmann anhand mannigfaltiger Literaturverweise auf wissenschaftlich belegbare Aussagen zur CMD. So führt zum Beispiel ein Beißakt zu einer Bahnung von Reflexen und damit zu einer erhöhten Sensibilisierung innerhalb des motorischen Systems, was jedoch nicht als Fortleitung von Spannungen entlang biomechanischer Faszien-/Muskelketten fehlinterpretiert werden darf. Zudem sei die Okklusion innerhalb der multifaktoriellen Ätiologie einer schmerzhaften CMD neben neuroendokrinen, hormonellen, psychosozialen und genetischen variablen, noch weitgehend unbekannten Risikofaktoren ein lediglich biomechanischer Kofaktor und damit eine zwar notwendige, alleine aber nicht hinreichende Bedingung. Unter diesen Aspekten sei daher ein monokausaler Zusammenhang zwischen Okklusion und CMD sehr kritisch zu betrachten, wodurch sich wiederum eine invasive und irreversible okklusale Therapie als CMD-Prophylaxe verbiete. Vielmehr könne, da über 90% der CMD-Patienten Schmerzen im Bereich der Kiefermuskulatur und/oder Kiefergelenke angeben, mit einer vorausgehenden klinischen Funktionsanalyse der funktionelle Zustand und die Wechselwirkung von Zähnen, Muskulatur und Kiefergelenken überprüft sowie dysfunktionelle Symptome und Erkrankungen erkannt werden. Aus den Analyseergebnissen ließe sich eine gesicherte patientenindividuelle Therapie – zum Beispiel eine biomechanische Schienentherapie – ableiten, womit bei einer schmerzhaften CMD die Mobilität und Variabilität gesteigert und über eine verbesserte motorische Kontrolle niedrigere Belastungen erreicht werden.

Nach einer teils kontrovers geführten Diskussion war man sich in der Konklusion einig: Individuell erzielte Heilerfolge weisen zwar auf funktional verknüpfte Systeme hin, jedoch bedarf es weiterer Forschungsanstrengungen, um die spezifischen Verknüpfungen für das Auftreten und die möglichen einer Folgen CMD in ihren unterschiedlich starken Abhängigkeiten (Input-Output) erkennen und daraus künftig evidenzbasierte Therapieempfehlungen ableiten zu können. Jedoch sollte gerade im Bewusstsein der Komplexität einer CMD und ihrer möglichen Auswirkungen auf den Patienten dabei ein Herangehen ohne Ideologie angestrebt werden bzw. wie Prof. Hugger es mit einem Zitat von Urban Wiesing passend postulierte: „… nur auf reflektierte Weise, konstruktiv und anhand ausgewiesener Kriterien.“