Es mag paradox sein, dass ausgerechnet Medikamente zur Knochenstärkung die Gefahr einer Kiefernekrose mit sich bringen, demografisch bedingt begegnet dem Zahnarzt diese Situation in der Praxis jedoch immer häufiger. Liegt das Risiko bei Osteoporosepatienten noch um 1 %, so erhöht es sich bei Krebspatienten auf bis zu 20 %. Und selbst für das eine Prozent bedeuten die Auswirkungen einer Kiefernekrose und die sehr langwierige Therapie eine dramatische Verschlechterung ihrer Lebensqualität. Was sind heute die Optionen für Vorbeugung und Behandlung, wollte pip von Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz aus Wiesbaden, der die aktuelle Leitlinie der DGMKG mitentwickelt hat, wissen.

pip: Sie rufen immer dazu auf, das Thema der Bisphosphonat – assoziierten Kiefernekrose im Tennisverein, beim Skat-Abend und im Rotary Club zu verbreiten – haben Sie noch viele Freunde?

Knut A. Grötz Grötz: Ich verstehe, was Sie meinen – aber wenn Sie mit rechtzeitiger Verbreitung wichtiger Informationen viel Leid vermeiden helfen 
können, haben Sie als Vertreter unseres Berufsstandes nahezu die ethische Verpflichtung alle Kanäle zu nutzen. Ich erfahre übrigens mehr Dankbarkeit als Ablehnung wegen eines vielleicht nicht ganz Party-tauglichen Themas.

pip: Von welchen Risiko-Fallzahlen reden wir heute bei der Bisphosphonat-assoziierten Kiefernekrose?

Knut A. Grötz: Obwohl wir mit den Universitäten Mainz und Frankfurt weitere
spezialisierte Einrichtungen in direkter 
Umgebung haben, behandeln wir hier in
Wiesbaden fünf bis zehn Patienten in der
 Woche, was doch auf ein allgegenwärtiges Problem schließen lässt. Die Übergänge des Kiefernekrosen-Risikos von
 der Osteoporose-Therapie in die Onkologie sind inzwischen sehr fließend. Die 
höhere Lebenserwartung vieler Patienten bedeutet auch eine längere Einnahmedauer der Antiresorptiva. Wir reden laut der letzten Erhebung im Jahr 2015 in Deutschland von 156 Millionen definierten Tagesdosen Bisphosphonaten und fast 38 Millionen Denosumab. Wir dürfen dabei aber nicht den Eindruck entstehen lassen, wir Zahnärzte wetterten hier gegen ein für die Betroffenen absolut segensreiches Therapieverfahren. Unser Thema ist, die Bedeutung der oralen Prävention bei dieser zunehmenden Zahl von Patienten zu kommunizieren und zu penetrieren.

pip: Sind es die Medikamente oder die Entzündungen im Mund, welche die Gefahr einer Kiefernekrose triggern oder sie zumindest begünstigen?

Knut A. Grötz: Das genau ist der Punkt: Erst mit vorliegenden Entzündungen im Mund entwickelt die Osteoklasten-hemmende Wirkung der Antiresorptiva einen unheiligen Effekt, da der Knochen sich nicht, wie sonst, durch Resorption sozusagen vor einer Entzündung zurückziehen kann. Es gibt dann gar keine Zwischenstadien wie eine Osteomyelitis mehr, sondern die Nekrose entwickelt sich unmittelbar. Da wiederum im Gegensatz zu anderen Medikationen wegen der langen Halbwertszeit ein Absetzen der Medikation bei Bisphosphonaten nicht effektiv der Vermeidung einer Kiefernekrose dienen würde, müssen wir in der Mundhöhle präventiv an den Entzündungen ansetzen.

pip: Welche Chancen habe ich als Zahnarzt, einen Risikopatienten in meiner Praxis frühzeitig zu erkennen

Knut A. Grötz: Die Frage nach Osteoporose oder Knochenmetastasen bzw. Knochentumoren als Erkrankung und die Frage nach Medikamenten, die den Knochenstoffwechsel beeinflussen, gehören heute in den standardisierten Anamnesebogen! Tatsächlich geht es dann vor allem darum, die Entzündungssituation des Patienten – idealerweise bereits vor Beginn einer Antiresorptiva-Therapie – zu behandeln. Hierbei ist der ASORS-Laufzettel für das Konsil sehr hilfreich. Mit bestehenden Entzündungen steigt das Risiko für eine Kiefernekrose um den Faktor zwölf, bei entsprechender Sanierung und konsequenter Mundhygiene sinkt es um ebendiesen Faktor. Angesichts der Tragweite der Erkrankung eine einfach zu erzielende Beherrschbarkeit, selbst die Motivation und Compliance der Patienten ist angesichts der Bedrohung nachweislich besser als bei vielen, durchaus auch nicht undramatischen schweren Parodontalerkrankungen. Und die Therapie ist nicht teuer. Kommt es wiederum während einer bereits bestehenden Antiresorptiva- Therapie akut zu Entzündungen oder ist z. B. eine Extraktion erforderlich, gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen, wie eine bereits präoperative antibiotische Abschirmung und weitere Antibiose. Bei der OP-Technik gelten ebenso andere Regeln – es muss plastisch gedeckt werden, scharfe Knochenkanten müssen unbedingt geglättet werden.

pip: Welche Rolle spielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit und Kommunikation, auch beim Patienten direkt?

Knut A. Grötz: Dem Dreiecksverhältnis aus verschreibendem Arzt, Patienten und Zahnarzt kommt eine Schlüsselrolle zu. Einige Selbsthilfegruppen von Risikopatienten kommunizieren das Thema regelmäßig in ihren Mitgliederzeitschriften oder Newslettern, daneben gilt es durch stete Information über alle verfügbaren Kanäle in den Köpfen der verschreibenden Gynäkologen, Orthopäden, Allgemeinärzten oder Internisten den Automatismus zu verankern, dass vor Einsatz einer Antiresorptiva-Therapie der Gang zum Zahnarzt mit vergleichsweise einfachen Mitteln ihre Patientin oder ihren Patienten vor wirklich schwerwiegenden Problemen bewahren kann.

Herzliches Danke für Ihre Zeit und dieses Gespräch.