Warum wohl ist eines der mit weitem Abstand und seit nun schon 20 Jahren erfolgreichsten Implantate in Deutschland ausgerechnet eines, das gemeinsam mit einem Zahntechniker entwickelt wurde? Gerade in der Implantatprothetik ist die zahntechnische Analyse und Diagnostik essentieller Bestandteil der Planung und beinhaltet mehr als die Zahnfarbbestimmung. Um eine realistische Einschätzung für unsere Planungen der Implantatposition und ggfs. eines nötigen Knochenaufbaus zu erhalten, sollte die Restauration physisch erarbeitet und am Patienten sensorisch getestet werden. Nur so erhalten wir sichere und wirklich reproduzierbare Ergebnisse. Der Zahntechniker übernimmt hier eine elementare Aufgabe, die an keine Software einfach so delegiert werden kann.

Bereits im Vorfeld des heute allgemein etablierten Backward Planning ist es Aufgabe des Zahntechnikers, die geeigneten Gerüstwerkstoffe und die für die Ästhetik besten Rohlinge und Techniken auszuwählen. Dieser schon heute sehr technikaffine Job wird sich mit neuen Werkstoffen, neuen Methoden für Farbverläufe und neuartigen digital gestützten Herstellungsprozessen noch verstärken – als Zahnarzt fehlt mir doch völlig die Zeit, mich in diese Details permanent reinzufuchsen.

Manche industriellen Versprechungen, eine hochwertige prothetische Versorgung ließe sich ohne jede zahntechnische Kompetenz auf Knopfdruck erstellen, halte ich für hochgefährlich, denn es werden genau die Kollegen drauf reinfallen, denen es an zahntechnischem und prothetischem Wissen mangelt. Unser Zahntechniker wird inzwischen nicht nur in die Planungen und die technischen Prozess- Entscheidungen eingebunden, sondern arbeitet direkt mit dem Patienten – zur Farbnahme oder Gestaltung der Krone besucht unser Patient das Labor, es werden Fotos erstellt und der Techniker führt ein eingehendes Gespräch, um auch die Phonetik des Patienten, den Lippenschluss und andere typische Merkmale herauszuarbeiten. Übrigens erkennt der Patient dadurch auch, dass seine Krone nicht einfach aus einer Schublade mit Tausend anderen desselben Typs aus Fernost stammt, sondern sie ganz speziell für ihn geplant und erstellt worden ist. Sie geht durch viele sehr kundige Hände, ehe sie in seinem Mund ist. Wir haben deutlich weniger Diskussionen wegen der Behandlungs- und Laborkosten.

Ich kenne Kollegen, die begehrlich auf den ZT-Anteil in ihrer Praxis schielen und sich wer weiß was davon versprechen, den scheinbar so dicken Batzen an sich zu ziehen – mal wieder eine typische Milchmädchenrechnung des betriebswirtschaftlich eher unbeschlagenen Zahnarztes. Im Gegenteil, mit der zunehmenden Anzahl von Kolleginnen und durchaus auch Kollegen, die andere Lebenskonzepte haben als eine 80-Stunden-Praxiswoche, wer- den wir uns auf das konzentrieren müssen, was wir, und nur wir, beherrschen: Die Behandlung am und mit dem Patienten. Ich persönlich werde sogar die Unterstützung neuer digitaler Verfahren und Geräte ganz gezielt nutzen, um alle berufsrechtlich möglichen delegierungsfähigen Teile an meinen kompetenten Zahntechniker zu geben, um mich auf meine auch immer komplexer werdenden zahnärztlichen Aufgaben zu konzentrieren.

Die größte Wertschöpfung in der Praxis liegt immer noch bei mir selber – und jede Stunde, die ich durch die professionelle Vorbereitung und Unterstützung meines versierten Zahntechnikers mehr habe, ist in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn.

Man muss doch nur über nahe Grenzen schauen, um die Zahntechnik als eines dieser typisch deutschen Biotope zu erkennen, die bei uns Artenschutz genießen, nur weil es „schon immer so war“. Die Niederlande kommen mit zwei Drittel der Zahntechniker aus, Dänemark mit einem Viertel, Norwegen mit einem Fünftel. In Dänemark liegen die Material- und Laborkosten bei ca. 45 %, in Deutschland bei über 60 %. Während sich Deutschland bei den Zahnarztkosten in Europa im Mittelfeld bewegt, liegen wir bei den Zahntechnikkosten auf den vorderen Rängen, meist auf Platz 1. Über 35 % des Praxisumsatzes entfallen auf die zahntechnischen Leistungen – ich muss also dauernd meinem Patienten einen hohen Fremdanteil mit verkaufen. Ich glaube, da hat sich durch den deutschen Dirigismus und das Kassensystem eine Branche weit über den eigentlichen Bedarf hinaus entwickeln können, und sehe durchaus mit Freude, dass uns innovative Workflows und Geräte heute und in Zukunft die Möglichkeit geben, diesen Anteil wieder in unsere eigene Wertschöpfung einzubinden.

Wer mit offenen Augen über die IDS in Köln gegangen ist, erkennt eh die Zeichen der Zeit: Viele Unternehmen, die es sich früher mit ihren traditionellen Zahntechniker-Kunden nicht verderben wollten, plakatieren inzwischen ganz offen viele zahntechnische Geräte und Workflows für die Praxis – sei es für das Praxislabor oder sogar für Chairside-Prozesse. Und warum denn auch nicht? Der Patient will die Behandlung heute immer schneller, am liebsten in einer Sitzung, und möglichst komfortabel. Da komme ich ihm doch nur entgegen, wenn ich von der Abformung mit einem dieser neuen blitzschnellen Scanner bis zum Erstellen des Provisoriums oder der fertigen Krone im 3D-Drucker oder der Fräseinheit in meiner Praxis alles selber machen kann. Ob ich die Zeitersparnis dann in Form günstigerer Preise an meinen Patienten weitergebe, weil er sich die Behandlung nur so leisten kann, oder in der Praxis behalte, kann ich mir ja immer noch überlegen.

Aber auch die Nutzung großer Fräszentren ist inzwischen wirklich sowohl zeitlich als auch kostenmäßig enorm attraktiv. Manche Unternehmen bieten einem dabei von der Behandlungsplanung anhand von Scans, 3D-Aufnahmen oder auch dem konventionellen Abdruck und Modell bis zur fertigen Prothetik einen so umfassenden Service und geballtes Know-How, wie ich es in meiner Praxis nur mit einem ungeheuren Kostenapparat aufbauen könnte.

Und mal ehrlich, bei wem, glauben Sie, kriege ich eine bessere Planung: Beim Zahntechniker eines Fräszentrums, der 1.000 Implantatplanungen im Jahr begutachtet und erstellt, oder beim Zahntechnikerlein um die Ecke, der sich freut, wenn er zwanzig davon im Jahr sieht? Komplett der Hut hoch geht mir bei Versuchen der Zahntechniker und einiger ihrer Standesverbände, sich im Sinne des Wortes mehr in den Patientenmund zu drängeln, sich schon in die Diagnostik und Analyse mit einzumischen und mit irgendwelchen curricularen Ausbildungen auf Augenhöhe mit dem Zahnarzt zu gelangen.

Ich kann ja verstehen, wenn einige mit den neuen Technologien massiv ihre Felle schwimmen sehen, aber ganz sicher werde ich meinen Stuhl nicht mit einem Zahntechniker teilen – auch nicht mit einem „studierten“.