Greta Thunberg hat das ökologische Gewissen zahlloser Menschen wachgerüttelt – und vielleicht auch in so manchem Wartezimmer die Patienten ins Grübeln gebracht: Wie sieht es eigentlich mit dem Sinn und der Notwendigkeit mancher Umverpackung oder Beigaben aus (Zero Waste)? pip sprach dazu mit Jan Worlitz, dem Geschäftsführer von Medical Instinct.

pip:Herr Worlitz, ab wann verpacken Sie Ihre Implantate und Bohrer in Maisstärke-Folien?

Jan Worlitz: Vermutlich würden wir es bereits tun – wenn Versuche mit Biomaterialien wie Maisstärke nicht gezeigt hätten, dass diese Materialien extrem feuchtigkeitsempfindlich sind, nicht ausreichend lange halten und sich auch nicht für alle Sterilisationsmethoden eignen.

pip: Demnach denken Sie bereits über Alternativen nach?

Jan Worlitz: Schon eine ganze Weile. Wir überprüfen unsere bisherigen Verfahren radikal, da wir zum einen selbst unzufrieden mit dem hohen Plastikanteil bei Verpackungen sind und permanent versuchen, überflüssigen Verpackungsmüll zu reduzieren. Zum anderen reagieren Patienten und unsere Anwender bei unbedachter Anhäufung von sinnlosem Müll zunehmend empfindlicher. Bereits seit längerer Zeit haben wir daher die Verpackungsgröße und somit den Kunststoffanteil um fast die Hälfte reduziert.

pip: Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Planung umweltfreundlicher Verpackungen?

Jan Worlitz: Die gesetzlichen und funktionellen Anforderungen an medizinische Verpackungen von Sterilprodukten hinsichtlich Abrieb, mechanischer Stabilität, Sterilisation und Produktschutz sind extrem groß. Die Vorgaben der EU, insbesondere durch die neue Medizinprodukteverordnung (MDR), werden auch für Verpackungen unsteriler Produkte immer schärfer. Auch dieseVerpackungen müssen dicht sein, damit die Produkte vor äußeren Einflüssen geschützt sind.

pip: Unterscheidet die MDR auch bei diesen Produkten?

Jan Worlitz: Ja, spezielle Anforderungen gelten beispielsweise für Gingivaformer und Bohrer, die in der Praxis aufbereitet werden müssen. Hier muss die Verpackung etwa sicherstellen, dass eine Veränderung des Produktes oder eine Kontamination durch Mikroorganismen ausgeschlossen ist.

pip: Entsprechend umfangreich dürfte das Lastenheft für Medizinproduktverpackungen sein?

Jan Worlitz: In der Tat. Sie müssen sich sicher und einfach befüllen lassen und für die vorgesehenen Sterilisationsverfahren geeignet sein. Dazu muss die Verpackung die aseptische Entnahme des Produktes erlauben – und sie sollte natürlich mit einfachem Handling und einem gefälligen Design überzeugen.

pip: Um diesen Ansprüchen zu genügen: Wie lange dauert es etwa, um umweltfreundliche medizinische Verpackungen bis zur Produktionsreife zu bringen?

Jan Worlitz: Teilweise durchaus mehrere Jahre – von der Planung über die Zulassung bis zum Einsatz einer neuen Verpackung. Allein die Qualifizierungsschritte und die Tests hinsichtlich Druck, zeitlicher Beständigkeit, Dichtheit sowie die Stabilitätstest im Klimawechselschrank können mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen.

pip: Von den Kosten mal ganz zu schweigen …

Jan Worlitz: … stimmt – bis die erste Verpackung vom Band fällt, kommen schnell mal zwischen 80.000 und 100.00 Euro zusammen. Als Hersteller versucht man eine derart validierte Packung natürlich möglichst vielseitig einzusetzen.

pip: Also beugt sich das ökologische Gewissen dem Kostendruck?

Jan Worlitz: Nicht bei Medical Instinct. Derzeit arbeiten wir an einer neuen kunststofffreien Verpackung für Prothetik-Komponenten, die sich zu 100 Prozent und innerhalb von 24 Monaten zersetzt. Wir werden diese Verpackung noch im ersten Quartal 2020 einführen. Ferner stellen wir auf ungebleichte Kartonagen um und verwenden als Verpackungsfüllstoffe nur noch recycelbare Materialien. Bis wir allerdings die mit Tyvec-Folien versiegelten Kunststoffblister bei sterilen Implantatverpackungen ersetzen können, wird es schon noch etwas dauern. Der Verzicht auf Kunststoff bei den sterilen Implantatverpackungen ist hoch komplex, aber wir arbeiten auch daran mit Hochdruck.

pip: Müsste nicht auch politisch Einfluss genommen werden, um die ein oder andere vielleicht doch etwas überdimensionierte Schutzvorgabe mehr zu lockern ?

Jan Worlitz: Das würde uns Herstellern zwar erleichtern, alternative Materialien zu finden, andererseits dürfte auch das ökologische Gewissen der Patienten an seine Grenzen stoßen, wenn es hygienisch bedingt zu Infektionen käme. Die Sicherheit der Produkte und deren Sterilität hat oberste Priorität. Man sollte alle Prozesse und Produkte hinterfragen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn Praxen auf Plastikspülbecher, Plastiktrays, Saugeraufsätze oder Plastikschutzfolien verzichten würden. Alleine das würde bei Patienten ein Ausrufezeichen setzen – und ganz nebenbei ein kluger Marketingschachzug für die Praxis sein.

pip: Ganz herzliches Danke für dieses sehr informative Gespräch.