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Im zeiteffizienten volldigitalen Workflow zur präzisen temporären Sofortversorgung

Im zeiteffizienten volldigitalen Workflow zur präzisen temporären Sofortversorgung

Der langfristige Erfolg einer Sofortversorgung hängt maßgeblich von der Expertise des interdisziplinären Behandlungsteams ab. Zentrale Voraussetzungen sind eine umfassende präoperative Diagnostik sowie eine präzise Indikationsstellung. Darüber hinaus erleichtern digitale Technologien wie die virtuelle Planung sowie die Photogrammetrie die interdisziplinären Workflows. Die hochpräzisen digitalen intraoralen Abformungen ermöglichen die Herstellung passgenauer Suprakonstruktionen ohne weitere Einproben [1-3].

Ein 78-jähriger Patient stellte sich mit funktionellen Einschränkungen seiner Oberkieferprothese vor. Nach multiplen Extraktionen im Oberkiefer trug er über Jahre erfolgreich eine Teleskopprothese. Kürzlich führte der Bruch einer Teleskopkrone eines wurzelbehandelten Eckzahns zu einem erheblichen Verlust des Prothesenhalts und der Stabilität (Abb. 1, 2). Der Patient äußerte sich zunehmend frustriert über die ständige Bewegung der Prothese, was den Komfort und sein Selbstvertrauen beeinträchtigte. Er wünschte eine festsitzende, stabile Lösung mit natürlicher Ästhetik und guter Funktion. Er war bei guter Allgemeingesundheit ohne systemische Erkrankungen. Als nicht erhaltungswürdig wurden die Wurzel 13 nach einer Fraktur auf Gingivaniveau sowie der Teleskopzahn 22 aufgrund einer ausgeprägten Sekundärkaries eingestuft. Der verbleibende Zahn 23 wurde nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung aus konzeptionellen und finanziellen Gründen entfernt. In Absprache mit dem Patienten konnte ein Sofortversorgungskonzept auf sechs Implantaten geplant werden (Abb. 3) [4].

Behandlungsplanung und Diagnose

Der Fall wurde interdisziplinär im voll-digitalen Workflow geplant. Die diagnostischen Schritte umfassten:

  • Digitale Computertomographie (DVT) zur Beurteilung von Knochenqualität und -volumen
  • Digitale intraorale Abformungen zur Erfassung der genauen Anatomie des Kiefers und der vorhandenen Versorgung
  • Gesichtsscan zur Unterstützung der ästhetischen Planung und zur Harmonisierung des prothetischen Ergebnisses

Auf Basis dieser Aufzeichnungen wurde ein virtuelles diagnostisches Wax up erstellt, um die anatomische Zahnstellung und -länge zu visualisieren. Bei einer virtuellen Einprobe bestätigte der Patient die ästhetische Übereinstimmung seiner Erwartungen.

Nachdem der Patient das Design genehmigt hatte, erfolgte die Implantatplanung (SMOP, Swissmeda AG) und die Erstellung eines detaillierten prothetisch orientierten Therapieplans. Aus der digitalen Planung heraus wurden zwei Guide Schablonen für die vollständig geführte Insertion gefertigt – mit eingepressten Camlog Progressive-Line Führungshülsen, die eine hochpräzise und genaue Implantatplatzierung gewährleisten (Abb. 4, 5) [5].

Operation und provisorische Sofortversorgung

Der chirurgische Eingriff erfolgte unter Lokalanästhesie mit Fokus auf eine minimalinvasive Vorgehensweise und Patientenkomfort (Abb. 6, 7).

Chirurgischer Ablauf:

  1. Die erste Guide Schablone wurde präzise auf den beiden verbleibenden Teleskopkronen verankert. Sie erleichterte die genaue Platzierung der ersten Implantate in idealen dreidimensionalen Positionen.
  2. Die Zahnextraktionsphase: Nach dem Einsetzen der ersten Implantate wurden die beiden verbleibenden Zähne extrahiert.
  3. Die zweite Guide Schablone wurde in den eingesetzten Implantaten fixiert. Sie ermöglichte die sofortige präzise Platzierung der Implantate in die Extraktionsalveolen.

Die Implantate erreichten mit über 30 Ncm eine sehr gute Primärstabilität. Im Bereich der Extraktionsalveolen erfolgten Augmentationen mit autologem Knochen und Knochenersatzmaterial (Bio-Oss, Geistlich Pharma AG).

Conelog Multi-Unit-Abutments in entsprechenden Gingivahöhen wurden mit definiertem Drehmoment in die Implantate verschraubt. Mithilfe der intraoralen Photogrammetrie (Aoralscan Elite) wurden die Implantat- und Abutmentpositionen präzise erfasst. Diese Scan-Technik ermöglichte die Fertigung einer passgenauen Suprakonstruktion, ohne dass eine herkömmliche intraorale Verblockung oder eine physische Anprobe erforderlich waren (Abb. 8, 9).

Das digitale Wax up wurde für die Verschraubung des Langzeitprovisoriums (LZP) virtuell angepasst und mit einem speziell für provisorische Versorgungen entwickelten Kunststoffmaterial im 3D-Druckverfahren gefertigt. (Abb. 10, 11). Obwohl der Behandler üblicherweise gefräste Sofortprovisorien verwendet, entschied er sich hier für eine gedruckte Kunststoffbrücke, um ihr klinisches Potenzial zu evaluieren. Eine gefräste Version wurde als sogenannter „Reiseersatz“ für den Fall eines Versagens zusätzlich hergestellt. Trotz hervorragender Passform, Okklusion und Ästhetik sind weitere Erfahrungen erforderlich, bevor der Druck für den Routineeinsatz empfohlen werden kann.

Mittelfristige Ergebnisse, prothetische Freigabe und digitale Verifizierung

Der Patient berichtete über deutliche Verbesserungen von Funktion und Komfort unmittelbar nach der Implantation. Die Stabilität und die Oberflächengüte des LZPs förderten eine gute Weichgewebeadaption und Ponticausformung. Nach acht Wochen zeigte sich eine ausgezeichnete Hart- und Weichgewebestabilität (Abb. 12-14). Sechs Monate später wurde das LZP entfernt, die Implantatstabilität mittels Periotest überprüft und die Designfreigabe zu Ästhetik und Funktion beim Patienten eingeholt. Vor Anfertigung der definitiven Zirkonoxid-Brücke (FP1/FP2-Zahnersatz) wurde ein zweiter intraoraler Photogrammetrie-Scan durchgeführt, um die Implantatpositionen nach Weichgewebereifung zu dokumentieren. Der Datensatz erfasste das LZP, die Okklusion, die genaue räumliche Beziehung der Implantate sowie die periimplantären Weichgewebskonturen. Die Daten wurden an den Hauszahnarzt und das Labor zur CAD/CAM-Fertigung der finalen Restauration übermittelt (Abb. 15-18).

Dank präziser digitaler Übertragung wird die definitive Zirkonbrücke mit hoher Sicherheit hinsichtlich Passung und Funktion hergestellt werden können.

Wichtigste klinische Ergebnisse

  • Hervorragende Weich- und Hartgewebekontur nach regelrechter Heilung zwei Monate nach der Operation
  • Hohe Patientenzufriedenheit hinsichtlich postoperativer Schmerzen, Komfort, Funktion und Ästhetik

Der digitale Arbeitsablauf bot eine effiziente Behandlung mit weniger Terminen. Herkömmliche Schritte wie physische Abdrücke oder die manuelle Herstellung von Schablonen entfielen.

Dieser Fall veranschaulicht die Vorteile eines vollständig digitalen Workflows bei Sofortimplantation und Sofortversorgung. Der synergistische Einsatz von DVT, digitalen Abformungen, geführter Chirurgie und intraoraler Photogrammetrie ermöglichte eine hochpräzise und vorhersagbare Implantatpositionierung, reduzierte Behandlungszeit und verkürzte Behandlungsdauer, einen passiven Sitz der Suprakonstruktion, eine Minimierung analoger Fehler, die üblicherweise mit manuellen Prozessen verbunden sind, verbesserte ästhetische Ergebnisse durch patientengerechte virtuelle Planung, weniger postoperative Schmerzen und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen den Teams Chirurgie, Prothetik und Labor.

Fazit

Die moderne digitale Zahnmedizin in Kombination mit innovativen Implantatsystemen ermöglicht schnellere, präzisere und ästhetisch überzeugende Ergebnisse. Die sofortige funktionelle Belastung in Verbindung mit exakter digitaler Planung erhöht die Behandlungssicherheit und trägt wesentlich zur Patientenzufriedenheit bei. Der Einsatz von Technologien wie DVT, SMOP-Planung für die geführte Chirurgie, Gesichts-Scan, intraoraler Photogrammetrie und 3D-gedruckten oder gefrästen Provisorien zeigt: Vollständig digitale Workflows sind nicht mehr die Zukunft, sondern bereits der Standard in der umfassenden Implantattherapie.

Dr. med. dent. Jan Spieckermann

  • Studium der Zahnmedizin in Wien und Greifswald
  • 1998–2003 Poliklinik für zahnärztliche Prothetik, Universität Carl Gustav Carus in Dresden
  • Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitssystem (Schweden)
  • 2007 Fachzahnarzt für Oralchirurgie
  • 2010 Niederlassung in Gemeinschaftspraxis
  • Seit 2017 Niederlassung in eigener Praxis
  • Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie, Spezialist für Prothetik der DGZPW
  • Nationale und internationale Referententätigkeit

info@dr-spieckermann.de

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