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Navigierte Sofortimplantation und Sofortversorgung im volldigitalen Workflow

Die Sofortimplantation stellt heute bei geeigneter Indikationsstellung eine wissenschaftlich gut untersuchte Alternative zur klassischen Vorgehensweise dar.

Dr. med. dent. Bastian Wessing5 Min. Lesezeit
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Trotz dieser Fortschritte wird die Sofortimplantation in vielen Ländern – einschließlich des deutschsprachigen Bereichs – immer noch vergleichsweise zurückhaltend angewandt [4]. Dies scheint vor allem geschichtlich bedingt aufgrund hoher Misserfolgsraten früherer Untersuchungen aus den 1970er-Jahren [5,6] zu sein, aber es kann auch am hohen technischen Anspruch liegen [7].

Voraussetzung für den langfristigen biologischen und ästhetischen Erfolg ist dabei das Implantatdesign sowie die präzise dreidimensionale Positionierung des Implantats in Relation zu den periimplantären Hart- und Weichgeweben. Neben der Primärstabilität kommt der korrekten vertikalen und horizontalen Implantatposition eine Schlüsselrolle zu. Entscheidend sind hierbei insbesondere der suprakrestale Komplex sowie die Gestaltung des Emergenzprofils.

Der suprakrestale Komplex (Abb. 1) beschreibt die Weichgewebsbarriere koronal des krestalen Knochens und setzt sich aus einer bindegewebigen Zone (1-1,5 mm), dem periimplantären Saumepithel (1,5-2 mm) sowie dem Sulkus (0,5-1 mm) zusammen. Diese Struktur dient der funktionellen Abdichtung des Implantatsystems gegenüber der Mundhöhle und gilt als biologisch hochsensibel [8]. Mehrere Studien konnten zeigen, dass eine Weichgewebsdicke von unter zwei Millimetern mit einem signifikant erhöhten Risiko für marginalen periimplantären Knochenabbau assoziiert ist [9,10]. Insbesondere bei geplanter Sofortimplantation und dünnem Gingivatyp sollten daher augmentative Maßnahmen kritisch geprüft werden.

Das Emergenzprofil (Abb. 2) stellt einen geometrischen, zugleich jedoch biologisch relevanten Parameter dar. Es wird in eine subkritische und eine kritische Zone unterteilt und beeinflusst die Stabilität des suprakrestalen Komplexes maßgeblich. Überkonturierte, konvexe Emergenzprofile mit großen Austrittswinkeln sind mit erhöhtem periimplantärem Knochenabbau und Weichgewebsrezessionen assoziiert, während konkav gestaltete Profile eine günstigere Weichgewebsstabilität fördern [11,12]. Insbesondere bei Sofortimplantationen mit provisorischer Sofortversorgung kann durch eine frühe, gezielte Formgebung des Emergenzprofils eine nachhaltige Unterstützung der periimplantären Weichgewebe erreicht werden [13].

Für die Sofortimplantation ergibt sich ein enger dreidimensionaler Positionskorridor. In der Frontalansicht sollte die Implantatschulter mit etwa 1,5-2 mm Abstand zur Schmelz-Zement-Grenze der Nachbarzähne und circa vier Millimeter apikal des marginalen Gingivarandes positioniert werden. (Abb. 3) In okklusaler Ansicht ist ebenfalls ein Mindestabstand von 1,5 mm zu benachbarten Zähnen sowie drei Millimetern zwischen zwei Implantaten einzuhalten. Zum labialen Austrittspunkt (kritische Zone) sollte ein Abstand von 1,5-2 mm bestehen, ohne Kontakt zur bukkalen Knochenlamelle [14] (Abb. 4). Aufgrund dieses engen Platzierungskorridors bietet die navigierte Implantation im vollständig digitalen Workflow auf Basis von DVT und intraoraler Datensätze entscheidende Vorteile hinsichtlich Präzision und Reproduzierbarkeit.

1: Suprakrestaler Komplex. A: „Bindegewebszone“ (1-1,5 mm); B: „Saumepithelzone“ (1,5-2 mm); C: „Sulkus“ (0,5-1 mm).
2 Emergenzprofil zur Schaffung eines biologisch langfristig erfolgreichen „Suprakrestalen Komplex“ bei Sofortimplantation.
3 Frontalansicht zur Platzierung von Einzelzahnimplantaten bei Sofortimplantation. Grün: vertikale „Risk-Zone“; Blau: horizontale „Risk-Zone“.
4 Okklusalansicht zur Platzierung von Sofortimplantaten auch im Hinblick zweier nebeneinanderliegender Implantate.
5 Ausgangssituation regio 25 (siehe Food-impaction distal, Speiseretentionsstelle als Grund für Sekundärkaries).
6 Röntgenaufnahme mit Sekundärkaries bis zum Alveolarknochen.
7 Planung der Implantatstellung, computergestützter Bohrschablone sowie der provisorischen Sofortversorgung in exocad.
8 Vollständig erhaltene Alveole nach atraumatischer Extraktion.
9 Neue tiefkonische 8°-Innenverbindung des Bego Semados RSX Pro CC mit Plattform-Switch und Keilwellenindexierung [16].
10 „Guided Surgery“ Implantatbettaufbereitung mit statischer Bohrschablone.

Fallvorstellung

Ein 37-jähriger Patient stellte sich mit rezidivierenden Beschwerden regio 25 vor (Abb. 5). Radiologisch zeigte sich eine Karies profunda mit fehlender Erhaltungsfähigkeit des Zahnes bei karies- und restaurationsfreien Nachbarzähnen sowie unauffälligen parodontalen Verhältnissen (Abb. 6). Nach umfassender Aufklärung über Behandlungsalternativen, Risiken und Erfolgsaussichten entschied sich der Patient für eine Versorgung mittels Sofortimplantation mit provisorischer Sofortversorgung. Nach Durchführung einer digitalen Volumentomographie und eines Intraoralscans erfolgte die virtuelle Planung der Implantatposition sowie der provisorischen Versorgung (Abb. 7). Die Zahnentfernung wurde minimalinvasiv und flapless durchgeführt, um die bukkale Knochenlamelle maximal zu erhalten [15] (Abb. 8).

Die Implantatinsertion erfolgte navigiert im Fully-guided-Verfahren mit ausreichender Primärstabilität (Abb. 9-11). Ergänzend wurde eine geschlossene Sinusbodenelevation durchgeführt sowie der periimplantäre Spalt augmentiert, um die Weichgewebskontur zu stabilisieren [17] (Abb. 12). Aufgrund der präzisen digitalen Planung konnte unmittelbar postoperativ ein festsitzendes Langzeitprovisorium eingesetzt werden. Dieses wurde okklusions- und artikulationsfrei gestaltet und wies insbesondere im labialen Bereich ein bewusst konkav geformtes Emergenzprofil zur gezielten Weichgewebsunterstützung auf (Abb. 13-15). Der Patient erhielt detaillierte Verhaltensanweisungen zur Schonung der Implantatregion während der Einheilphase.

Die postoperative Heilungsphase verlief komplikationslos (Abb. 16). Die definitive Versorgung erfolgte vollständig digital mittels Intraoralscans (Abb. 17), CAD-Design und CAM-Fertigung einer verschraubten monolithischen Zirkonoxidkrone. Das Emergenzprofil wurde auch in der finalen Restauration konsequent biologisch orientiert umgesetzt (Abb. 18,19). Die Röntgenabschlussaufnahme nach vier Monaten zeigte eine vollständige Osseointegration des Implantats bei stabilen krestalen Knochenverhältnissen (Abb. 20).

11 „Fully guided“ Implantatinsertion für höchste Genauigkeit. Bego Semados RSX Pro 4,5 mm x 11,5 mm CC mit 35 Ncm Primärstabilität.
12 Implantat nach intern. Sinuslift mit Summers-Osteotomen und Spaltaugmentation mittels NovaBone Putty (großvolumige Alveole).
13 Intraorale Fixation der Tempshell und des provisorischen Abutments mittels flowable Komposit.
14 Finalisiertes Sofortprovisorium.
15 Klinische Situation direkt postoperativ.
16 Emergenzprofil nach Abnahme des Provisoriums.
17 Scanpfosten für den Intraoralscan.
18 Die finale Versorgung mit optimalem Austrittsprofil.
19 Lateralansicht der finalen Versorgung mittels verschraubter monolithischer Versorgung (CAM-Fertigung: Bego mittels Vita YZ ST Multicolor).
20 Die Röntgenabschlusskontrolle vier Monate nach Sofortimplantation zeigt stabile Knochenverhältnisse.

Zusammenfassung

Der vorliegende Fallbericht zeigt, dass bei strenger Fallselektion, präziser dreidimensionaler Implantatpositionierung und konsequenter Berücksichtigung biologischer Prinzipien eine navigierte Sofortimplantation mit provisorischer Sofortversorgung sicher und vorhersagbar durchgeführt werden kann. Der vollständig digitale Workflow unter Verwendung des Implantatsystems Bego Semados RSX Pro CC und der zugehörigen prothetischen Komponenten und Materialien der Firma Bego ermöglichte eine funktionelle, ästhetische und biologisch stabile Versorgung innerhalb von vier Monaten bei lediglich einem chirurgischen Eingriff und hoher Patientenzufriedenheit.

Autor

Dr. med. dent. Bastian Wessing

Dr. med. dent. Bastian Wessing

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